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SPIELFELD
23.08.2016

Marco Terrazzino: "Bin ein Kind der Region"

Marco Terrazzino, 25, debütierte bereits als Junioren-Spieler für das Bundesliga-Team der TSG. Der gebürtige Mannheimer gewann mit Hoffenheim die B-Junioren-Meisterschaft und wurde mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet. Nach Stationen in Karlsruhe, Freiburg und Bochum hat er nun den Weg zurückgefunden – zur Freude seiner Familie.

Marco, was bedeutet Heimat für dich?

Marco Terrazzino: Heimat, das ist für mich Familie, meine Freunde. In Mannheim ist alles davon. Ich bin froh, wieder dort zu wohnen und in meine Heimat zurückgekehrt zu sein. An freien Tagen muss ich jetzt nicht mehr denken: 'Ich will meine Familie besuchen.' Jetzt habe ich sie ganz nah bei mir. Das Umfeld ist perfekt für mich.

Du hast in Hoffenheim, Karlsruhe und Freiburg gespielt und bist in Mannheim geboren. Hattest du in den vergangenen zwei Jahren beim VfL Bochum manchmal Heimweh nach Baden?

Terrazzino: Am Anfang ein bisschen, obwohl es ja nicht weit weg ist. Aber ich habe mich mit der Zeit gut eingefunden, die Leute im Ruhrgebiet sind familiär und offen. Trotzdem bin ich oft nach Mannheim gefahren, ich bin nun mal ein Kind dieser Region. Meine Eltern sind sehr glücklich, dass ich zurück bin. Ich habe ihnen von den Verhandlungen lange nichts erzählt und gewartet, bis alles unterschrieben war. Ich wollte nicht riskieren, dass sie enttäuscht sind, falls es nicht klappt.

Sie haben dich aber schon in eine eigene Wohnung ziehen lassen – oder wollten sie dir am liebsten das Kinderzimmer wieder frei räumen?

Terrazzino: (lacht) Bei uns ist das alles total entspannt. Wenn ich Lust habe, bei meinen Eltern zu bleiben, mache ich das immer noch ab und zu. Aber ich habe auch eine eigene Wohnung in Neckarau, direkt gegenüber vom Restaurant meiner Eltern. Dort passt alles für mich und ich kann immer mal wieder vorbeischauen.

Hast du früher auch mal im Restaurant Deiner Eltern ausgeholfen?

Terrazzino: Nur einmal, ansonsten habe ich mich immer erfolgreich davongeschlichen. Genau wie mein ältester Bruder Stefano, der mittlerweile 37 ist. Mein anderer Bruder Vincenzo ist 32, Monteur und das Arbeitstier von uns dreien. Er hilft auch oft im Restaurant 'Plumeau' meiner Eltern. Neben meiner Faulheit und dem Fußball kam bei mir dazu, dass ich Tabletts hasse, seitdem ich mit 14 einmal im Restaurant ausgeholfen habe. Irgendwo zwischen den Stühlen saß ein Hund, den ich nicht gesehen hatte. Also stolperte ich über ihn, verlor das Gleichgewicht und habe die Getränke verschüttet – komplett über den Hund. Ich habe mich danach im Zimmer eingeschlossen und geweint, damit hatte sich das Thema Helfen dann erledigt. (lacht)

Sind deine Brüder auch so heimatverbunden?

Terrazzino: Schon, aber nur Vincenzo wohnt noch hier. Er spielt beim ASC Neuenheim und ist im Sommer in die Landesliga aufgestiegen. Ich war live dabei, das war einfach nur geil. Mein anderer Bruder Stefano ist – wie soll ich das sagen – ein Star in Polen.

Das klingt interessant.

Terrazzino: Er ist hauptberuflich Tänzer, ausgebildet in lateinamerikanischen Tänzen. Seit 2007 lebt er in Polen und hat bereits vier Mal die dortige Ausgabe von "Let’s Dance" gewonnen. Nebenbei tritt er noch in Shows und Soaps auf und lebt in Warschau als Promi. Das ist alles schon sehr lustig und gefällt ihm.

Gibt es zwischen den Brüdern Konkurrenzgedanken?

Terrazzino: Überhaupt nicht, wir haben ein unglaublich gutes Verhältnis, es gibt keinen Neid oder so. Vincenzo freut sich total für uns, auch wenn es manchmal Sprüche gibt. Er nimmt aber alles mit Humor, wenn es mal wieder lustige Situationen gibt.

Was für Situationen meinst du?

Terrazzino: Zum Beispiel, als mein Vater zuletzt nicht im Restaurant war und Vincenzo ans Telefon gegangen ist. Da hat der Anrufer gesagt: 'Ach, du bist der Sohn, der Fußballer.' Und dann: 'Ach, der andere Sohn, der Tänzer.' Und schließlich: 'Ach wirklich, ich wusste gar nicht, dass Antonio noch einen dritten Sohn hat.' Weil er so ein lockerer Typ ist, ist er in Mannheim auch unglaublich beliebt. Freunde haben ihm sogar eine Fußball-Fan-Page im Internet eingerichtet: Vincenzo Terrazzino Official. Da wird so getan, als sei er ein Mega-Star. Total lustig.

Sprecht Ihr zu Hause italienisch?

Terrazzino: Unter uns Brüdern nicht, mit meinem Vater mittlerweile auch nicht mehr. Mit meiner Mutter aber fast ausnahmslos. Meine Eltern kommen aus Sizilien und sprechen ein sehr spezielles Italienisch, vergleichbar mit dem Deutsch der Bayern. Mein Italienisch ist in Ordnung, aber meine Sprache ist natürlich Deutsch. Als Kind war ich auf einer italienischen Schule. Und wie sieht es denn mit dem Mannheimer Dialekt aus? Ajo. Wenn isch will, kann isch richtig babble. Awwa liewer ned (lacht).

Du hast zwei Pässe. Gibt es eine zweite Heimat, die fern der ersten Heimat ist?

Terrazzino: Ja und nein. Klar versuche ich, mal wieder wie früher mit der Familie zusammen den Urlaub in Sizilien zu verbringen und unsere Verwandten zu besuchen. Leider klappt es aber kaum. Das ist die Heimat meiner Eltern und somit ja auch meine, ich fühle mich aber pudelwohl in Deutschland und bin sehr dankbar für alles. Obwohl Mannheim mein Zuhause ist und ich nicht länger als ein paar Wochen Urlaub am Stück in Italien verbringen könnte, schlägt mein Herz emotional für Italien.

Wie erklärst du dir das?

Terrazzino: Ich glaube, das ist mir so in die Wiege gelegt worden. Es ist ein anderes Gefühl, die italienische Hymne zu hören. Da kribbelt es, ich werde nervös und fiebere mit wie ein Fan. Natürlich drücke ich auch Deutschland die Daumen und freue mich über jeden Sieg, als Junioren-Nationalspieler habe ich ja auch stolz die deutsche Nationalhymne gesungen. Aber meine Eltern sind nun mal richtige Italiener, und ich habe das Blut in meinen Adern, darum ist es eine andere Verbundenheit.

Wie gefällt dir Mannheim, der Ruf der Stadt ist nicht überall der beste.

Terrazzino: Das höre ich auch immer wieder, verstehe es aber nicht. Klar, gibt es Ecken, die ein bissel dunkler und gefährlicher sind. Die gibt es aber überall. Mannheim ist eine multikulturelle, tolle, offene Stadt: 144 Quadratkilometer mit viel Lebensqualität. Wirklich schade ist aber, dass Waldhof es nicht gepackt hat, aufzusteigen. Das war bitter. Ich habe zwar nie für den Waldhof gespielt, aber ich bin ein richtiger Mannheimer und habe in der Rückrunde und den Aufstiegsspielen mitgefiebert.

Statt zu Waldhof ging es von deinem Heimatverein VfL Neckarau in der Jugend nach Hoffenheim. Im ersten Jahr wurdest du mit den glorreichen Sieben aus Neckarau – außer dir wechselten sechs weitere Spieler zur TSG – U17-Meister. Verwandelte sich die Bundesliga in dieser Zeit vom Traum zum Ziel?

Terrazzino: Das kann man so sagen. Die Bundesliga war in Neckarau natürlich sehr weit weg. Aber Stephan Groß, der Vater vom Ingolstädter Profi Pascal Groß, war einfach ein überragender Trainer, der uns sehr gut geschult hat, bevor Pascal, ich und die anderen zur TSG wechselten. Dennoch hatte niemand in dem Tempo damit gerechnet. Mit 17 trainierte ich plötzlich bei den Profis, hatte mit professionellem Lebenswandel aber noch nichts am Hut. Ich habe gelebt wie ein normaler Jugendlicher. Beim Thema Alkohol hat mein Bruder zwar auf mich aufgepasst, aber ich habe abends einfach mal zwei Liter Mezzo Mix getrunken und mich von Fast Food ernährt.

Also nicht gerade das, was man einen professionellen Lebenswandel nennt.

Terrazzino: In dieser Zeit trainierte ich dann unter Ralf Rangnick. Am Anfang unbekümmert und sehr gut, aber dann war der Sprung einfach zu schnell und zu groß für mich. Ich habe als Profi ganz neue Erfahrungen machen müssen: Denn in dieser Phase war ich selten fit, habe selten so überragt wie in der Jugend und selten gezeigt, was ich kann. Erst in Bochum wurde das besser, deshalb sind die zwei Jahre dort mittlerweile die schönste Phase in meinem Fußballer-Leben.

Hast du noch Kontakt zu den sechs Jungs von damals, die mit dir zur "Goldenen Generation Mannheims" gehörten?

Terrazzino: Pascal Groß und Manuel Gulde sind noch immer enge Freunde. Mit Pascal war ich im Sommer gemeinsam mit Pirmin Schwegler und Präventiv-Trainer Christian Neitzert in der Schweiz, da haben wir für uns trainiert, um schon beim Vorbereitungsstart topfit zu sein. Zu Robin Szarka, Marcel Gruber, Anthony Loviso und Philipp Meyer habe ich nur noch losen Kontakt, aber wir verstehen uns noch alle gut. Wir hatten in Neckarau eine unglaubliche Zeit, die keiner von uns je vergessen wird. Wir sind von der Kreisklasse vier Mal aufgestiegen und waren phasenweise so gut, dass wir gehofft haben, dass die Gegner nicht antreten, damit wir unter uns spielen konnten. Ich will wirklich nicht respektlos gegenüber den damaligen Gegnern sein, aber das hat uns damals mehr gefordert und uns mehr Spaß gemacht. Mit den Jungs zu kicken, war unglaublich schön. Danach die Meisterschaft mit der TSG in der U17 war wirklich etwas Besonderes.

Im Jahr 2009 wurdest du sogar mit der Fritz-Walter-Medaille in Gold ausgezeichnet, der höchsten Auszeichnung des DFB für deutsche Nachwuchsspieler.

Terrazzino: Die Medaille war im Nachhinein für lange Zeit ein schwieriges Thema für mich. Weil man immer geschaut hat, was die Vorgänger und Nachfolger alles erreicht haben, das konnte ich nicht mehr hören. Bei mir hat es einfach lange gedauert, ich hatte ja auch gar nicht die Athletik in jungen Jahren. Und auch vom Kopf her war ich nicht so weit. Die TSG hatte auch ein unglaubliches Niveau. Wenn Carlos Eduardo und Luis Gustavo den Ball laufen ließen, fühlte ich mich wie bei der brasilianischen Nationalmannschaft.

Es hat damals wahrscheinlich nicht geholfen, dass ein Spieler wie Demba Ba dich öffentlich mit dem damaligen Barca-Juwel Bojan Krkic verglichen hat.

Terrazzino: Das war ja positiv gemeint, aber ich wusste in dieser Zeit überhaupt nicht mehr, wo mein Kopf steht. Dann kam eine Phase, in der ich zum ersten Mal in meinem Leben keine Lust mehr auf Fußball hatte. Ich habe mich damals fremd in meinem Körper gefühlt. Es wurde auch zu früh zu viel erhofft. Ich war 18 Jahre alt und kam gegen Leverkusen zur Halbzeit rein und der Trainer sagte: Du drehst das Spiel. Das gelang nicht und im Anschluss auf der Pressekonferenz äußerte er sich negativ über mich. Damals dachte ich, es sei normal. Wenn ich mir die heutige Zeit anschaue, denke ich: Wer spielt denn mit 18 so groß auf, dass man es verlangen kann, gegen eine Top-Mannschaft wie Leverkusen das Spiel zu drehen? Aber das ist mittlerweile okay und ich bin niemandem böse. Man muss seine Erfahrungen machen.

Glaubst du, dass die TSG mit all ihren technischen Möglichkeiten und der modernen Trainingssteuerung die Möglichkeit bietet, ein neues Level zu erreichen?

Terrazzino: Wegen dieser Dinge habe ich mich noch mehr gefreut, dass der Wechsel geklappt hat. Ich habe Luft nach oben und hoffe, viel mehr rausholen zu können. Die Trainingsbedingungen sind unglaublich und auch das Athletik-Training mit Christian Neitzert wird mich enorm weiterbringen. Die Intensität ist ohnehin eine ganz andere: Jedes Training ist eine Herausforderung und ich will mich jeden Tag verbessern. Schon nach ein paar Einheiten in der Vorbereitung habe ich gemerkt, dass es eine ganz andere Qualität ist als in der zweiten Liga. Das motiviert mich, ich hänge mich extrem rein.

Spielt es im Kopf eine Rolle, dass du es damals bei der TSG nicht geschafft hast, dich durchzusetzen?

Terrazzino: Auf jeden Fall. Ich will es allen zeigen und es mir selbst beweisen. Es ist ein Neustart und eine besondere Motivation für mich. Die gestiegene Professionalität und das Umfeld der TSG mit all den Möglichkeiten bringen mich enorm weiter, ich muss mich aber natürlich noch an die taktischen Vorgaben von Julian Nagelsmann gewöhnen.

Kanntest du ihn vorher schon?

Terrazzino: Nein, aber ich habe die Rückrunde natürlich sehr emotional verfolgt und mir genau angeschaut, wie er die Mannschaft spielen lässt. Die Spiele zu sehen, hat richtig Spaß gemacht, vor allem die Heimspiele waren beeindruckend. Ich stand auch regelmäßig mit Nadiem Amiri in Kontakt, er hat mir auch nur Gutes erzählt: dass die Mannschaft lebt, alle mitziehen, Spaß haben und das Trainerteam einfach gut zur Mannschaft passt. Ich habe mich wirklich sehr auf die Zusammenarbeit mit Julian Nagelsmann gefreut. Ich hatte einfach Bock, wieder zur TSG zurückzukommen.

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