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U23
31.03.2021

„Hoffe zwo“-Serie (18): Dominik Kaisers ungewöhnlicher Weg

TSG Hoffenheim II, U23 oder einfach nur „Hoffe zwo“ – der Unterbau unseres Bundesliga-Kaders hat viele Bezeichnungen, aber nur ein Ziel: den TSG-Talenten beim Sprung von den Junioren zu den Senioren den letzten Schliff zu verpassen. In den „U23-Wochen“ blicken wir auf ehemalige wie aktuelle Protagonisten und denkwürdige Ereignisse. Heute erzählt Dominik Kaiser, wie er die U23 als Sprungbrett für eine nicht mehr möglich gehaltene Profi-Laufbahn genutzt hat.

Als Dominik Kaiser im Sommer 2009 mit fast 21 Jahren zur U23 der TSG Hoffenheim stieß, hatte der technisch versierte, aber eher schmächtige Mittelfeldspieler bereits zwei Jahre Herren-Fußball beim Oberligisten 1.FC Normannia Gmünd auf dem Buckel. Die Züge in Richtung Profi-Karriere schienen bereits abgefahren zu sein. Heute blickt der mittlerweile 32-Jährige auf knapp 150 Einsätze in der 1. und 2. Bundesliga sowie 50 weitere in der dänischen Superliga beim Spitzenklub Brøndby IF zurück.

Dominik, Du bist Profi-Fußballer geworden, ohne jemals ein Leistungszentrum besucht zu haben. Wie war das möglich?

„Ich bin sicherlich einen ungewöhnlichen Weg gegangen, aber für mich war es der richtige. Vielleicht wäre ich andernfalls zu früh ‚verschluckt‘ worden.“

Gab es denn in Deiner Jugendzeit nie Angebote?

„Doch, vom VfB Stuttgart, aber das kam alles noch zu früh. Ich wollte lieber zu Hause wohnen und nicht aus meinem familiären Umfeld gerissen werden.“

Wie kam es eigentlich im Sommer 2009 zu Deinem Wechsel in den Kraichgau?

„Das war eine ungewöhnliche Geschichte. Mein Bruder kannte Markus Gisdol, weil er mit ihm zusammen beim SC Geislingen gespielt hat. Und als feststand, dass Gisdol die U23 der TSG übernehmen würde, hat er ihn angerufen und mich empfohlen.“

Dein Bruder Steffen ist 14 Jahre älter als Du und ihr seid zwei Jahre zusammen für die Normannia in der Oberliga Baden-Württemberg aufgelaufen!

„Sein letztes Spiel war im Mai 2009 im Dietmar-Hopp-Stadion gegen die TSG, die Partie endete 2:2. Danach wurde er von den zehn Normannia-Fans verabschiedet, und ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass ich wenige Wochen später hierher wechseln würde.“

Wie lange musstest Du überlegen, als der Anruf kam?

„Ich habe überhaupt nicht überlegt, sondern sofort zugesagt. Für mich gab es da nichts zu verhandeln, denn ich hatte mir ohnehin überlegt, in Heidelberg Mathematik und Sport auf Lehramt zu studieren. Nebenbei in der U23 eines Bundesligisten zu spielen, hat perfekt gepasst. Es war ein großes Glück, diese Chance bekommen zu haben.“

Und wie waren Deine ersten Eindrücke damals?

„Das war eine andere Welt für mich. Bei der Normannia haben wir drei Mal die Woche trainiert: Um 20:30 Uhr abends, wenn die Leichtathleten und Hockeyspieler fertig waren. In Hoffenheim wehte ein anderer Wind – und ich habe ein paar Wochen gebraucht, um mich daran zu gewöhnen.“

Die U23 musste damals unbedingt Oberliga-Meister werden, um in die Regionalliga aufsteigen. Das ist euch schließlich auch gelungen!

„Ja, nach kleinen Startschwierigkeiten sind wir souverän durchmarschiert. Für mich persönlich war es eine sehr lehrreiche Zeit. Ich habe mich aufgrund der höheren Trainingsqualität extrem verbessert und von der gezielten, individuellen Arbeit in den Bereichen Athletik, Kraft und Schnelligkeit profitiert. Ich musste mich mit meinem schmächtigen Körper erst noch durchsetzen. Die Infrastruktur war dazu hervorragend geeignet und ich habe erkannt, dass ich die Chance, hier noch einiges aus mir rauszuholen, einfach nur ergreifen muss. Ich hatte jeden Tag große Lust, ins Training zu kommen.“

Deine Leistungen wurden bald mit einer Einladung ins Profi-Training honoriert. Nervös gewesen?

„Nein, ich hatte ja nichts zu verlieren. Von mir hat niemand etwas erwartet. Bei mir war der Leistungsdruck nicht so hoch wie bei anderen Spielern, die in ihrer Jugend für Furore gesorgt und bereits einen Profi-Vertrag in der Tasche hatten. Ich konnte hingegen frei aufspielen. Bei aller Unbekümmertheit musste ich natürlich auf dem Platz performen.“

Du hast im Mai 2011 Dein Bundesliga-Debüt gegeben. Welche Erinnerungen hast Du daran?

„Sejad Salihović hatte sich verletzt, Trainer Marco Pezzaiuoli nominierte mich und wechselte mich gegen Wolfsburg ein. Aber erst in der Folgesaison unter Holger Stanislawski durfte ich regelmäßig ran.“

Wann hattest Du das Gefühl, „es geschafft“ zu haben?

„Für mich war damals klar: Diese Chance kriege ich nur einmal. Daher habe ich Vollgas gegeben und mich nur auf Fußball konzentriert. Ich habe ein gutes Abitur in der Tasche und mir gedacht: Im schlimmsten Fall verlierst Du jetzt zwei Jahre. Aber das konnte ich mir leisten. Meine Familie hat mir die nötige Sicherheit gegeben und nach und nach ist der Glaube gewachsen. Als ich das erste Mal 90 Minuten spielen durfte und wir gewonnen haben, hat sich der Glaube in Gewissheit gewandelt.“

Welchen Anteil an Deiner Karriere hatte die U23?

„Einen großen. Markus Gisdol hat mich gefördert und mit den anderen Jungs hatte ich eine überragende Zeit. Der Aufstieg in meiner ersten Saison, der Umzug ins neue, hochmoderne Trainingszentrum – das alles waren besondere Momente.“

Mit welchen ehemaligen TSG-Kollegen bist Du noch in Kontakt?

„Mit Philipp Klingmann und Kai Herdling bin ich regelmäßig im Austausch, auch mit Tabe Nyenty oder den Physios von damals. Adam Jabiri ist sogar mein Trauzeuge geworden.“

Du bist dann im Sommer 2012 nach Leipzig und drei Ligen runter gegangen. Warum?

„Ich hatte den ersten kleinen Rückschlag in meiner Karriere, weil ich in den Planungen von Markus Babbel keine Rolle spielte und meilenweit von der Bundesliga entfernt war. Ich wollte aber unbedingt Profi bleiben und mich weiterhin auf höchstem Niveau mit anderen messen. Durch die Verbindung zu Ralf Rangnick und Alexander Zorniger, unter dem ich ja bereits in Schwäbisch Gmünd trainiert hatte und der nun Chefcoach in Leipzig war, habe ich mich zu diesem Schritt in die Regionalliga entschieden. Es war ja auch nicht so, dass mir zig Angebote vorlagen.“

Mit Leipzig bist Du bekanntermaßen in die Bundesliga durchmarschiert und dabei als einziger Spieler in allen vier Spielklassen zum Einsatz gekommen. Genießt Du dort Kultstatus?

„Welchen Status ich dort genieße, müssen andere entscheiden. Tatsache ist: Ich hatte sechs schöne Jahre und mir wurde ein Abschiedsspiel geschenkt, zu dem 30.000 Zuschauer erschienen sind und das sehr emotional war. Kai Herdling war auch dabei.“

Du bist anschließend zum dänischen Spitzenklub Brøndby IF gewechselt, wo Du mit dem ehemaligen Akademie-Keeper Marvin Schwäbe zusammengespielt hast und wieder auf Deinen „Mentor“ Alexander Zorniger getroffen bist. Wie hast Du diese Zeit erlebt?

„Am Anfang war es schwierig, weil Zorniger bald nach meiner Ankunft beurlaubt wurde. Ich habe mich aber nach und nach durchgebissen und in der zweiten Saison acht Tore in 20 Spielen erzielt.“

Das Pokalfinale habt ihr auch erreicht!

„Leider haben wir es im Elfmeterschießen gegen Midtjylland verloren. In der regulären Spielzeit habe ich zum 1:1-Endstand getroffen, dann aber den ersten Elfer verschossen.“

Du hast in Kopenhagen gewohnt, wo auch Deine heute 16 Monate alte Tochter geboren ist. Hast Du eine besondere Verbindung zu dieser Stadt?

„Auf jeden Fall! Ich hatte mir vor dem Wechsel einige Gedanken gemacht und wollte unbedingt etwas Neues sehen und kennenlernen. Kopenhagen ist eine attraktive Stadt, und die Spiele gegen den FC Kopenhagen oder auch gegen den FC Midtjylland hatten es ordentlich in sich – sowohl auf dem Rasen als auch auf den Rängen.“

Kopenhagen ist auch die Heimat eines anderen ehemaligen U23-Weggefährten, der heute in der Premier League spielt…

„Jannik Vestergaard! Wir haben uns auch in der Tat ein paar Mal getroffen. Wir haben über die alten Zeiten geplaudert und Jannik hat mir die Stadt gezeigt.“

Seit Januar 2020 bis Du für Hannover 96 am Ball, mittlerweile als Kapitän. Wie läuft’s?

„Hannover ist ein Top-Verein mit großen Möglichkeiten, aber die Liga ist schwierig und leider hinken wir unseren Zielen etwas hinterher. Mit meiner eigenen Leistung bin ich nicht immer zufrieden, denn zuletzt habe ich mein Top-Level nicht erreicht. Das alles fuchst mich, denn ich bin zwar mittlerweile 32, will aber nicht nur rumkicken, sondern gewinnen. In Leipzig ging es vom ersten Tag an nur in eine Richtung, jetzt mache ich die Erfahrung, dass es auch mal Gegenwind geben kann. Aber auch daraus kann man lernen.“

Du scheinst in Deinem Leben alles richtig gemacht zu haben!

„Wie viele kleine Jungen habe ich von einer Profi-Karriere geträumt, heute ist das ohne in einem Leistungszentrum zu spielen praktisch nicht mehr möglich. Da sind Karrieren wie meine oder die meines aktuellen Teamkollegen Hendrik Weydandt die absolute Ausnahme. Es war natürlich auch Glück dabei, aber das gehört dazu. Damit meine ich, die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben und den richtigen Förderern begegnet zu sein, zu denen ich Zorniger, Gisdol und Rangnick zähle. Wer weiß: Vielleicht hätte ich woanders auch meinen Weg gemacht, aber Hoffenheim war für mich sicherlich das ideale Sprungbrett!“

Hast Du Dir schon Gedanken über die Zeit nach Deiner aktiven Laufbahn gemacht? Was ist aus Deinem Lehramtsstudium geworden?

„Das Lehramtsstudium ist mittlerweile weit weg. Ich könnte mir sehr gut vorstellen, in der Sportpsychologie tätig zu werden – aber ich habe noch einen Vertrag bis 2022 und denke noch nicht ans Aufhören!“

Kehren wir noch einmal zu „Hoffe zwo“ zurück! Es hieß damals, Du würdest sämtliche Sportarten aus dem Stand beherrschen und hättest das teaminterne Tischtennisturnier oder den Fußballgolf-Wettbewerb mühelos gewonnen. Bist Du ein Allroundtalent?

„Ich habe zwei deutlich ältere Geschwister, die mich von der ersten Minute an sportlich überallhin mitgenommen haben. Das hat mich sicherlich positiv geprägt.“

Du bist jetzt knapp zehn Jahre Profi. Welche Mitspieler haben den größten Eindruck bei Dir hinterlassen?

„Carlos Eduardo in Hoffenheim und Naby Keïta in Leipzig waren zwei außergewöhnliche Jungs, was die individuellen Fähigkeiten angeht. Im Gesamtpaket hat mich Joshua Kimmich am meisten beeindruckt. Nach seiner ersten Einheit mit den Profis in Leipzig wusste ich, dass er seinen Weg gehen wird. Dass er eine derart erfolgreiche Karriere hinlegen wird, war zwar noch nicht abzusehen, aber er brachte neben seinem Talent eine unglaubliche Disziplin mit, war sehr fokussiert, geradlinig und zielstrebig.“

Welchen Ratschlag hast Du für einen jungen Spieler parat, der das Sprungbrett U23 für eine Profi-Karriere nutzen will?

„Über allem steht die Eigenmotivation! Er sollte die hervorragenden Möglichkeiten, die die TSG ihren jungen Spielern bietet, nutzen und individuell immer hart an den Schwächen arbeiten, um sich auf das nächste Level zu heben und um konkurrenzfähig zu bleiben. Desweiteren sollte er Rückschläge verarbeiten können und immer stabil bleiben!“

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