Alle Ergebnisse TSG eSPORTS TSG Radio
U23
03.03.2021

„Hoffe zwo“-Serie (10): Zeitreise mit Roland Dickgießer

TSG Hoffenheim II, U23 oder einfach nur „Hoffe zwo“ – der Unterbau unseres Bundesliga-Kaders hat viele Bezeichnungen, aber nur ein Ziel: den TSG-Talenten beim Sprung von den Junioren zu den Senioren den letzten Schliff zu verpassen. In den „U23-Wochen“ blicken wir auf ehemalige wie aktuelle „Hoffe zwo“-Protagonisten und denkwürdige Ereignisse. Heute: Ex-Bundesliga-Profi Roland Dickgießer, der die TSG-Reserve über vier Jahre trainierte und 2003 in die Oberliga führte, im Interview.

Roland Dickgießer wurde am 9. November 1960 in Bruchsal geboren und wuchs in Bad Schönborn auf. Als 15-Jähriger wechselte er vom TSV Bad Langenbrücken zum SV Waldhof Mannheim, bei dem er seine gesamte Profikarriere (1978-94) verbrachte und für den er von 1983 bis 1990 über 200 Bundesliga-Partien bestritt. 1999 kam der frühere Abwehrspieler als Trainer und Jugendkoordinator zur TSG. Im Lauf der Saison 2001/02 übernahm er die zweite Mannschaft, mit der er 2003 über die Relegation gegen Emmendingen (4:0, 4:0) und Heidenheim (3:1, 1:1) in die Oberliga Baden-Württemberg aufstieg. Heute ist der 60-Jährige Sportlicher Leiter des FC-Astoria Walldorf.

Roland, 1999 führte Dich Dein Weg zur TSG. Wie kam es dazu?

„Nach meiner Zeit als Co-Trainer beim SV Waldhof hatte ich die Wahl, Verbandssportlehrer beim BFV zu werden oder nach Hoffenheim zu gehen. Der Kontakt war über Anton Nagl und den damaligen TSG-Trainer Günther Hillenbrand entstanden. Ich habe mich für die TSG entschieden, weil ich zusätzlich einen Job bei SAP antreten konnte. Das war eine sichere Kombination.“

Wie sah Deine Arbeit bei SAP aus?

„Ich habe in einer Ausbildungsabteilung gearbeitet, die interne Fortbildungen für 90.000 Mitarbeiter koordiniert hat. Wir waren eine gute Truppe, die aus einigen ehemaligen Fußballern bestand. Seit vier Jahren bin ich jetzt im Vorruhestand und ausschließlich als Sportlicher Leiter beim FC-Astoria Walldorf tätig.“

Welche Erinnerungen hast Du an Deine Anfangszeit in Hoffenheim?

„Das Dietmar-Hopp-Stadion war gerade fertiggestellt, aber ansonsten war die TSG noch in allen Belangen ein Dorfverein. Ich startete als Jugendtrainer und war nebenbei Nachwuchskoordinator, die Mannschaften spielten aber alle noch in der Kreisklasse.“

Irgendwann hast Du dann die zweite Mannschaft übernommen…

„Ich war gerade auf dem Rückweg von einem U19-Spiel in Lauda, als mich Präsident Peter Hofmann anrief und mich bat, noch am selben Tag die zweite Mannschaft zu übernehmen. Wenige Stunden später saß ich auf der Bank.“

Das war noch in der Verbandsliga, 2003 bist Du mit „Hoffe zwo“ aufgestiegen. Wie ging es weiter?

„Wir haben viele Spieler aus der U19 hochgezogen, ihnen ausreichend Zeit gegeben und sie kicken lassen. Die Jungs haben sich schnell in der Oberliga etabliert, hatten aber auch nicht den Druck, aufsteigen zu müssen. Zumal es gar nicht möglich gewesen wäre, weil die Erste ja auch ‚nur‘ Regionalliga gespielt hat. Aber so nach und nach entwickelte sich die TSG zum Aushängeschild der Region.“

Du hast die Erste dann auch kurzzeitig als Cheftrainer übernommen…

„Ja, für drei Spiele, als Hansi Flick Ende 2005 gehen musste. Wir haben unter anderem in Kaiserslautern gewonnen und zu Hause Trier geschlagen, dann kam Lorenz-Günther Köstner und brachte seinen eigenen Co-Trainer mit.“

War es keine Option, dauerhaft Cheftrainer zu werden?

„Die Überlegung war durchaus da. Aber dafür hätte ich meinen Job bei SAP aufgeben müssen, und das wollte ich nicht. Ich habe zwar den Fußballlehrer gemacht, aber nicht mit dem Hintergedanken, eine große Karriere zu starten. Dafür bin ich viel zu heimatverbunden.“

2006 bist Du nach Walldorf gegangen. Warum?

„Bei einem Freundschaftsspiel in Dielheim hat mich Walldorfs Präsident Willi Kempf angesprochen und gefragt, ob ich dort Trainer werden wollte. Danach ging alles ganz schnell. Bei der Astoria habe ich ein familiäres Umfeld vorgefunden, das ist für mich sehr wichtig, und den FCA sechs Jahre in der Verbands- und Oberliga betreut. Willi Kempf ist ein sehr umtriebiger Präsident, der trotz seiner bald 80 Jahre jeden Tag auf dem Sportplatz ist.“

Heute bist Du Sportlicher Leiter der Astoria und somit Konkurrent der Hoffenheimer U23!

„Ich habe 2012 eine Pause eingelegt, weil ich ziemlich ausgebrannt war, und bin 2016 als Sportlicher Leiter zurückgekehrt. In der Zwischenzeit ist Guido Streichsbier mit dem FCA in die Regionalliga aufgestiegen, aber ich sehe uns nicht in einer Konkurrenzsituation zur U23. Ich verfolge weiterhin meinen Kurs, junge Talente aus der näheren Umgebung zu entdecken und zu fördern. Wenn diese Talente, wie zum Beispiel Philipp Strompf oder Semih Şahin, dann nach Hoffenheim oder wie etwa André Becker oder Erik Wekesser in die Zweite Liga wechseln, freue ich mich über ihre gute Entwicklung. Wenn man ihnen genügend Zeit gibt, rutscht immer einer durch.“

Geduld als Geheimrezept?

„Becker hatte anfangs noch Probleme und wurde ein paar Mal zwischen der Ersten und der Zweiten hin und hergeschoben, ist dann aber richtig durchgestartet. Wir haben allerdings auch keinen Druck. In der vergangenen Saison hat uns Corona einen Strich durch die Rechnung gemacht, wir standen beim Abbruch auf einem sehr guten fünften Platz. Diese Runde läuft es nicht so gut. Das ist aber nicht schlimm. Wenn wir absteigen, was ich nicht glaube, würde es sicher wehtun, aber es wäre kein Weltuntergang.“

Wie beurteilst Du die aktuelle Situation der TSG-U23?

„Tabellarisch sieht es wie bei uns nicht so gut aus. Die Verletzung von Andreas Ludwig war ein schwerer Rückschlag. Der Kopf der Truppe fehlt jetzt, aber es ist immer noch genügend Potenzial da. Die Mannschaft wird nicht absteigen.“

Lass uns über Deine aktive Zeit sprechen. Was ist der größte Unterschied von heute zu damals?

„Zwischen dem Fußball der 80er Jahre und dem heutigen liegen Welten. Das Tempo ist extrem schneller geworden, die Spieler sind viel athletischer und handlungsschneller als wir es damals waren. Aber: Vielleicht war es früher schöner anzuschauen. Zu meiner Zeit war mehr Ballkontrolle und Technik gefragt.“

Du warst knapp 15 Jahre Profi. Heute stehen Spieler mit einer Vita wie Deiner finanziell deutlich besser da. Ärgert Dich das?

„Überhaupt nicht. Wir haben damals nicht die Summen von heute verdient, aber besser als der normale Arbeiter. Entscheidend ist, dass man alles gut zusammenhält und ordentlich mit dem Geld umgeht. Ich habe damals ein Haus in meinem Heimatdorf gebaut und mir geht es heute sehr gut. Man muss auch sehen, dass die Spieler heute auf Schritt und Tritt verfolgt werden und hinter jeder Ecke eine Kamera und ein Mikrofon lauern. Sie haben kein Privatleben mehr. Ich konnte damals mit meiner Freundin unerkannt durch Karlsruhe laufen.“

Mit Alfred Schön arbeitet einer Deiner ehemaligen Waldhof-Weggefährten bei der TSG. Habt ihr noch Kontakt?

„Wir sehen uns hin und wieder und sprechen gerne über die alten Zeiten. Auch mit Uwe Zimmermann, der ja aus Kronau kommt, Mike Schüssler, Kalle Bührer oder Günter Sebert gibt es regelmäßigen Austausch. Andere treffe ich immer wieder auf dienstlicher Ebene: Mirko Reichel zum Beispiel, der Nachwuchschef in Fürth ist, oder Michael Serr, der als Berater tätig ist.“

Wir haben vorhin schon über Deine Heimatverbundenheit gesprochen. War die der Grund dafür, dass Du den Waldhof nie verlassen hast?

„Mit 21 Jahren hätte ich wechseln können. Ich saß im Hotel Krone in Großsachsen, das unserem Präsidenten Wilhelm Grüber gehörte, und er sagte mir, dass Angebote aus Mönchengladbach und Beveren für mich eingegangen wären. Aber ich habe abgelehnt.“

Beveren war in den 80er Jahren ein belgischer Spitzenklub, der regelmäßig im Europapokal spielte, und die Borussia wäre auch ein Karrieresprung gewesen…

„Ich hatte auch in Mannheim eine schöne Zeit und wusste nicht, weshalb ich hätte gehen sollen. Also blieb ich.“

Vielleicht wäre Dir so der Sprung in die Nationalmannschaft gelungen?

„Ich hatte meine internationalen Spiele. 1984 war ich sechs Wochen unterwegs: Erst mit dem Waldhof in China, wo wir den ‚Great Wall Cup‘ gewonnen haben, dann mit der deutschen Olympia-Auswahl an der Seite meiner Vereinskollegen Dieter Schlindwein und Alfred Schön bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Leider sind wir im Viertelfinale an Jugoslawien gescheitert. Ich habe die Zeit aber sehr genossen.“

Was ist Deine schönste Erinnerung an Deine Zeit als Profi?

„Als wir mit dem Waldhof in die Bundesliga aufgestiegen sind. Insbesondere der 2:0-Sieg in Offenbach zum Rückrundenstart war vom Gesamterlebnis phänomenal. Da habe ich kurz vor Schluss das 2:0 gemacht – und ich habe als Abwehrspieler nicht oft getroffen. Von da an sind wir durchmarschiert.“

Wer war der beste Fußballer, mit dem Du zusammen gespielt hast?

„Die Frage wird mir oft gestellt und ich weiß, welche Antwort erwartet wird.“

Welche denn?

„Maurizio Gaudino.“

Aber?

„Mauri war ein herausragender Spieler. Aber nehmen wir zum Beispiel Jürgen Kohler, der fußballerisch deutlich limitierter war. Wer von beiden hatte die erfolgreichere Karriere?“

Kohler.

„Eben. Gaudino war ein Genie, ihm ist vieles in den Schoß gefallen. Kohler musste sich alles erarbeiten und hat es mit seiner Mentalität weiter gebracht. Fritz Walter und Norbert Hofmann, der seine Karriere bei der TSG hat ausklingen lassen, waren auch zwei überragende Kicker, die aber gemessen an ihrem Talent mehr hätten erreichen müssen.“

Jetzt Downloaden!
Seite Drucken nach oben