Alle Ergebnisse TSG eSPORTS TSG Radio
U23
17.02.2021

„Hoffe zwo“-Serie (6): Das Namibia-Abenteuer

TSG Hoffenheim II, U23 oder einfach nur „Hoffe zwo“ – der Unterbau unseres Bundesliga-Kaders hat viele Bezeichnungen, aber nur ein Ziel: den TSG-Talenten beim Sprung von den Junioren zu den Senioren den letzten Schliff zu verpassen. In den „U23-Wochen“ blicken wir auf ehemalige wie aktuelle „Hoffe zwo“-Protagonisten und denkwürdige Ereignisse. Heute: Das in vielerlei Hinsicht denkwürdige Winter-Trainingslager 2012 in Namibia.

Auf den Tag genau vor neun Jahren entging die U23 nur knapp einer Katastrophe. Am 17. Februar 2012 kam der Reisebus, der die Hoffenheimer nach ihrem zehntägigen Trainingslager in Namibia an den Flughafen Hosea Kutako befördern sollte, mit überhöhter Geschwindigkeit von der Straße ab und kippte um. Die Insassen wurden zum Teil schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Es war das traurige Ende eines eigentlich gelungenen Abstechers in den Südwesten Afrikas. Dieser Rückblick beschränkt sich daher nur auf die positiven Momente davor.

Bei klirrender Kälte und Schneewehen hatte sich der U23-Tross am 7. Februar 2012 aus dem Trainingszentrum Zuzenhausen verabschiedet, um 24 Stunden später bei perfekten Bedingungen in Windhoek die erste Einheit des zehntägigen Trainingslagers zu bestreiten. Das Regenwetter verhinderte, dass die Hoffenheimer bei einem Temperaturunterschied von über 30 Grad einen Klimaschock erlitten. Auf dem Programm der 19 Spieler plus Funktionäre standen neben der Vorbereitung auf die Regionalliga-Restrückrunde auch zahlreiche soziale und kulturelle Termine.

Der zweite Tag begann mit einer kleinen Verwirrung am Frühstückstisch. Die deutschsprachige „Allgemeine Zeitung“ aus Windhoek, deren Reporter den TSG-Tross am Vortag beim Spaziergang durch die City abgelichtet hatte, verkündete auf ihrer Titelseite die Ankunft der Hoffenheimer – bezeichnete dabei allerdings auf einem halbspaltigen Bild fälschlicherweise Betreuer Arno Schneider als Cheftrainer Frank Kramer. Ein Fauxpas des Layouters, der bei Rührei und Müsli für Erheiterung sorgte.

Fingernägel schneiden!

Nach zwei schweißtreibenden Einheiten schlüpften die U23-Spieler am frühen Abend selbst in die Trainerrolle und leiteten an mehreren Stationen Übungen mit U13- und U15-Spielern des Erstligisten Ramblers FC. „Das ist für die Jungs natürlich ein Riesenereignis, wenn deutsche Fußballer aus einem Bundesliga-Klub hier Tricks zeigen“, freute sich Uwe Wolff, der damalige U15-Coach der Ramblers (nicht zu verwechseln mit dem früheren U19-Coach der TSG, Uwe Wolf). Als krönenden Abschluss gab es noch Präsente in Form von TSG-Trikots und -Sporthosen für die jungen Ramblers.

Zwei Gruppen machten sich am nächsten Morgen in den Norden der Stadt auf. Die eine um Kapitän Kai Herdling stattete der „Eros Primary School“ einen Besuch ab, die andere um Philipp Klingmann fuhr noch etwas weiter in den SOS Kindergarten. Die Grundschul-Gruppe warf einen Blick in die Klassenzimmer und traf auf begeisterte Schüler, die sich über die Stippvisite der „Germans“ freuten und natürlich allerhand Fragen stellten.

Anschließend ging es auf den benachbarten Schulsportplatz, wo mit den Spielern des namibischen Tabellenführers und Rekordmeisters Black Africa gekickt wurde. Die TSG-Delegation wartete schließlich mit einer Überraschung für die zahlreich erschienenen Kids auf und verteilte auch hier Trikots, Hosen und Bälle. Praise God Nganga, der kleine Kapitän der Schülermannschaft, nahm die Geschenke voller Stolz entgegen.

Die Kindergarten-Gruppe hatte derweil mit den Kleinen im Kinderdorf einen Riesenspaß. Dort besuchten sie zunächst das Klassenzimmer der integrierten Taubstummen- und Schwerhörigen-Klasse. Die sieben Mädchen und Jungs begrüßten die U23-Spieler mit einem „Ich liebe Dich“ in Gebärdensprache, die anderen sangen ihnen ein Lied. „Das war einfach überragend. Eine tolle Erfahrung“, fasste Philipp Klingmann den Besuch zusammen, der mit einem kurzen Kick und altersgemäßem Herumalbern im Freien weiterging, ehe auch an die jubelnden Kindergarten-Kids TSG-Präsente verteilt wurden.

Im Independence Stadium, dem Nationalstadion Namibias, stand schließlich am Abend das Freundschaftsspiel gegen eine zusammengewürfelte Truppe aus den eigentlich rivalisierenden Lagern SK Windhoek und Ramblers FC an. Kurios: Das strenge Schiedsrichtergespann verdonnerte einige TSG-Spieler vor ihrer Einwechslung noch dazu, ihre Fingernägel zu schneiden! Vor rund 250 Zuschauern gewannen die Hoffenheimer, die mit der Höhenluft (1.700 Meter) zu kämpfen hatten, mit 3:2 (2:0). Die Tore erzielten Andreas Ludwig, Denis Thomalla und Björn Recktenwald.

Kloß im Hals in der Suppenküche

Am vierten Tag wartete eine ereignisreiche Pirschfahrt in die 30 Kilometer nördlich der Hauptstadt gelegene Okapuka Ranch auf die „Hoffe zwo“-Talente. Der Reisebus, der die Hoffenheimer in diesen Tagen begleitet und am Vortag kurzzeitig seinen Geist aufgegeben hatte, beförderte das Team erstmals über die Stadtgrenze hinaus. Auf der Ranch ging es in drei Geländewagen im wahrsten Sinne über Stock und Stein. Neben dem Oryx, dem Wappentier Namibias, wurden Antilopen, Giraffen, Krokodile und weitere wilde Tiere beobachtet.

Auch der fünfte Tag ließ keine Zeit für Verschnaufpausen. In der „Suppenküche“ im Armenviertel Okahandja Park erlebte die U23 sehr bewegende Momente. Auf der Fahrt zur „Soup Kitchen“ (Suppenküche), einer kindergartenähnlichen Institution im Windhoeker Stadtteil Katutura, ging es an Wellblechhütten und ärmlichen Behausungen vorbei. Der Name stammt aus der Sprache der Herero und bedeutet in etwa „Ort, an dem wir nicht leben möchten“. In der Suppenküche angekommen, fuhr es den Hoffenheimern in Mark und Knochen, als die rund 100 Waisenkinder ein Begrüßungslied nach dem anderen schmetterten. Von Montag bis Samstag kommen hier täglich 400 Kinder in den Genuss einer warmen Mahlzeit. Sieben Erzieherinnen sorgen dafür, dass die Zwei- bis 16-Jährigen in drei Klassen eine Grundausbildung erhalten.

Den U23-Spielern steckte ein Kloß im Hals, einige bolzten mit den Kids auf dem zum Gelände gehörenden Spielplatz oder halfen beim Austeilen der Mahlzeit. Die Geschenke, die die Betreuer mitgebracht hatten, wurden ihnen förmlich aus der Hand gerissen, so dass anschließend im Hotel Nachschub geholt werden musste. Ein Besuch, der den Blick fürs Wesentliche schärfte.

Im Sam-Nujoma-Stadium, das ebenfalls im ehemaligen Township Katutura liegt, knapp 10.000 Zuschauer fasst und über einen Kunstrasenplatz verfügt, wurde anschließend das Testspiel gegen den Rekordmeister Black Africa angepfiffen. Bei brütender Hitze brachte Seifedin Chabbi die Hoffenheimer nach 25 Minuten in Führung, doch die Platzherren gewannen am Ende 3:1.

Ausflug in die Dünen von Swakopmund

Co-Trainer Otmar Rösch, der beim Aufwärmen zum Testspiel gegen Black Africa durch einen verunglückten Pass einen Nasenbruch erlitten hatte, bestand allen Widrigkeiten zum Trotz vor der Abfahrt noch auf einen 45-minütigen Regenerationslauf, anschließend hieß es Zimmer räumen und – für eine Nacht – auschecken. Der Terminkalender hatte für den sechsten Tag einen Ausflug mit Übernachtung in die knapp 360 Kilometer entfernte Küstenstadt Swakopmund vorgesehen. Die mehrstündige, kerzengerade Fahrt endete am Meer, und das gerade noch rechtzeitig, um vor den Toren der stark deutsch geprägten Stadt auf einer Düne der Namib-Wüste den Sonnenuntergang zu feiern. Der „Hoffe zwo“-Tross stieg anschließend im Hotel „Europa Hof“ ab, das einem Fachwerkhaus nachempfunden war und in dem eine von Schlagermusik untermalte urig-deutsche Atmosphäre herrschte, so dass sich einige Hoffenheimer im Kraichgau wähnten.

Nach dem zweitägigen Kulturprogramm und der Rückkehr nach Windhoek stand wieder der Fußball im Mittelpunkt. Teamleiter Thomas Gomminginger folgte der Einladung des deutschen Botschafters Egon Kochanke, dem er einen kurzen Überblick über die bisherigen Erlebnisse vermittelte und vom Besuch in der Suppenküche, in der Grundschule im Stadtteil Eros oder im SOS Kindergarten berichtete. „Es ist prima, dass Hoffenheim hier ist und auch seine soziale Ader zeigt“, lobte der Botschafter. Denn auch wenn es im Gegensatz zu anderen afrikanischen Nationen nahezu überall Fernsehen, Strom oder funktionierende Geldautomaten gebe, so sei Namibia immer noch ein armes Land. „Für die Hoffenheimer Hilfe bin ich als Botschafter sehr dankbar.“

Buschmannspieß im „Beerhouse“

Am Nachmittag nahm der TSG-Bus Kurs auf Havana, einem weiteren Armenviertel im Nordwesten der Stadt, in dem sich Wellblechhütte an Wellblechhütte reiht und das sich immer weiter ausdehnt. Eine dieser notdürftigen Behausungen, in der bis zu achtköpfige Familien auf geringster Fläche wohnen und teilweise auf dem Boden schlafen, wurde dabei in Augenschein genommen.

Am direkt angrenzenden „Fußballplatz“ trafen die Hoffenheimer dann die hier lebenden Kinder und Jugendlichen. Jeden Freitag und Samstag kommen hier bis zu acht Mannschaften zusammen, losen einen Turnierplan aus und spielen eine inoffizielle Meisterschaft vor bis zu 1.000 Zuschauern aus. Für das Team von Mshasho FC hatten die Hoffenheimer drei Bälle und mehrere Trikots im Gepäck, zudem durfte sich der Keeper der Mannschaft über neue Torwandhandschuhe freuen.

Im dritten und letzten Testspiel bezwang „Hoffe zwo“ die U23-Nationalmannschaft Namibias mit 1:0 (1:0). Das Tor des Tages im Independence Stadium erzielte Robin Szarka. Den (vermeintlich) letzten Abend verbrachten Spieler und Funktionäre schließlich im Freiluft-Restaurant „Joe's Beerhouse“ bei einem saftigen Buschmannspieß, der sich unter anderem aus Strauß-, Krokodil- und Zebra-Fleisch zusammensetzt. „Wer nicht in Joe's Beerhouse war“, so heißt es, „der war auch nicht in Windhoek.“ Die Hoffenheimer U23 war also definitiv in Windhoek. Aber nicht alle haben den Buschmannspieß gegessen.

600 Euro für die Kinder von Katutura

Nach einer regenerativen Einheit am Abschlusstag machten sich Kapitän Kai Herdling und der gebürtige Kameruner Tabe Nyenty (heute FC-Astoria Walldorf) auf den Weg in einen Großmarkt, um mit Rosemary Falk, Leiterin der „Suppenküche“, für umgerechnet 600 Euro Lebensmittel für die Kinder dieser Einrichtung zu kaufen. Das Geld hatten Spieler und Funktionäre in den Tagen zuvor gespendet.

Auf dem Einkaufszettel standen unter anderem mehrere Packungen Cornflakes, Tomatensoße, Äpfel, Pflaumen, Orangen, Milch, Saftpulver und Gemüse-Dosen. „Damit können wir unsere Kinder rund zweieinhalb Monate ernähren“, bedankte sich Rosemary Falk. Die Einkäufe wurden auf direktem Weg in die Suppenküche gefahren und von Herdling, Nyenty und weiteren Helfern in die Speisekammer getragen.

Mit dieser guten Tat endeten die zehn Tage Namibia. Kurz vor der Abfahrt zum Flughafen wurde noch ein Gruppenfoto mit den Hotel-Angestellten geschossen. Eine halbe Stunde später verunglückte der Reisebus.

Jetzt Downloaden!
Seite Drucken nach oben