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AKADEMIE
13.05.2020

Spieltagshelden (3): Geert Houtakkers, der „Hausherr“

Sie stehen nicht in der ersten Reihe, ihr Gesicht kennen nur diejenigen, die regelmäßig bei den Heimspielen der Akademie-Teams sind. Und doch sind sie teilweise schon seit vielen Jahren dabei und leisten an Spieltagen unverzichtbare Arbeit für die TSG Hoffenheim, indem sie einen reibungslosen Ablauf garantieren oder die Akademie-Teams unterstützen. Achtzehn99.de widmet den „Spieltagshelden“ eine kleine Serie, die in loser Reihenfolge diese Menschen porträtiert. Heute: Geert Houtakkers, der Spieltag für Spieltag für reibungslose Abläufe in der Akademie-Arena sorgt und dort so etwas wie der "Hausherr" ist.

Eigentlich wollte Geert Houtakkers, der wenige Wochen nach dem „Wunder von Bern“ am 31. August 1954 im niederländischen Heythuysen geboren wurde, nur für zwei Jahre nach Deutschland kommen. Mittlerweile sind es 31. Seine Familie ist längst fest im Kraichgau verwurzelt. Und wenn nicht gerade eine Pandemie für eine unfreiwillige Unterbrechung sorgt, ist der fußballbegeisterte Rentner Wochenende für Wochenende für die TSG-Akademie im Einsatz.

In der Heimspielstätte der U14- bis U17-Mannschaften ist er an Spieltagen zwei Stunden vor dem ersten Anpfiff da, schließt das Gebäude auf und ist Ansprechpartner für die Gäste-Teams sowie für die Schiedsrichter. Getreu dem Motto „Der Letzte macht das Licht aus“ verlässt er das Gelände erst dann, wenn niemand mehr da ist.

Doch zurück zu den Anfängen. Houtakkers wuchs in seinem Geburtsort auf und spielte mal im Mittelfeld, mal als Libero im Dorfverein RKVV (heute SV). Mit seinen Kumpels fuhr er regelmäßig ins nahegelegene Mönchengladbach, wo er die große Zeit der „Fohlen“ live erlebte. In der legendären Europapokalnacht am 20. Oktober 1971 war Houtakkers im Bökelbergstadion, als die Borussia den italienischen Meister Inter Mailand in seine Einzelteile zerlegte. Diese Partie, in der Günter Netzer und Jupp Heynckes je zwei Treffer markierten, ging jedoch nicht wegen des 7:1-Kantersiegs der Gladbacher, sondern wegen eines Büchsenwurfs in die Geschichte ein. Der Italiener Roberto Boninsegna wurde von einer Cola-Dose am Kopf getroffen und konnte nicht mehr weiterspielen. Die Begegnung wurde nach dem Rückspiel (2:4) neu angesetzt, endete 0:0 und die „Fohlen“ schieden aus.

Wie der Feyenoord-Fan das WM-Finale 1974 erlebte

Sein Herz hatte Houtakkers ohnehin an einen anderen Klub verloren: Feyenoord Rotterdam. Das Team um Superstar Willem van Hanegem hatte 1970 als erster niederländischer Verein überhaupt den Europapokal der Landesmeister gewonnen, in den folgenden drei Spielzeiten wanderte die Trophäe nach Amsterdam zu Ajax. Es waren fantastische Jahre für jeden Oranje-Fan, die in einem dominanten WM-Auftritt 1974 in Deutschland kulminierten. Johan Cruijff, van Hanegem und Co. spielten mit ihrem „totalen Fußball“ die Gegner reihenweise an die Wand und schienen der logische Champion zu sein – bis ihnen das DFB-Team im Finale einen Strich durch die Rechnung machte und 2:1 gewann.

Ein Trauma. Houtakkers erinnert sich: „Ich habe das Spiel im Haus meiner damaligen Freundin und heutigen Frau Bertie geschaut, ihre vier Schwager waren auch dabei. Es war nicht zu fassen. Die Niederlande waren drückend überlegen und verloren. Auf dem Parkplatz der Diskothek im Nachbardorf, die von vielen Deutschen besucht wurde, fehlten an diesem Abend einigen Autos die Rückspiegel.“

Wer in den Niederlanden aufwächst, kommt neben dem Fußball auch am Eisschnelllauf nicht vorbei. Wenn der kleine See in Heythuysen wieder einmal zugefroren und es zum Kicken zu kalt war, jagten die Jungs auf Kufen übers Eis. Im Fernsehen bewunderten sie die Helden der „Elfstedentocht“, der Elfstädtetour, einem unwirklichen Schlittschuhrennen, das mehrere Mythen hervorbrachte. In strengen Wintern – erstmals 1909, letztmals 1997 – werden auf Entwässerungskanälen, Flüssen und Seen elf friesische Städte auf einer Gesamtdistanz von rund 200 Kilometern angesteuert. Für Houtakkers unvergessen ist das Rennen von 1963, das nur 126 von 10.000 Startern beendeten. Mit 22 Minuten Vorsprung auf den Zweitplatzierten – und mit gefrorenen Fingern – erreichte ein gewisser Rainier Paping bei zeitweise Temperaturen um -18 Grad als Erster das Ziel und erlangte in den Niederlanden Kultstatus.

Vom SAP-Chef zum Bleiben überredet

Houtakkers kickte bald nur noch im Freundeskreis und gab den aktiven Fußball schließlich ganz auf, weil er sich Anfang der 80er Jahre dem Hundesport widmete und Schäferhunde ausbildete. Beruflich fasste er in der Werkzeugbau-Branche Fuß, packte in der Abendschule ein BWL-Studium drauf und führte in seiner Firma ein Softwarepaket ein. Mit Erfolg: 1989 wurde ein Headhunter auf ihn aufmerksam und stellte den Kontakt zur SAP her. Ob er es sich vorstellen könne, zwei Jahre nach Deutschland zu gehen? „Unsere Tochter Marieke war gerade mal zwei Jahre alt und wir haben uns auf das Abenteuer eingelassen“, erzählt Houtakkers, wie es ihn und seine Familie in das Land des Fußball-Erzrivalen verschlug.

Gemeinsam mit einem Spanier, einem Engländer und einem Norweger sollte der Niederländer eine Finanzbuchhaltungssoftware an ausländische Anforderungen anpassen. In diese Zeit fiel auch das nächste legendäre deutsch-niederländische Duell: Als bei der WM 1990 in Italien im Achtelfinale Frank Rijkaard Rudi Völler in die Lockenpracht spuckte, lag Houtakkers konsterniert in einem Pforzheimer Krankenhaus, wo er sich einer Leisten-OP unterzogen hatte. Das bessere Ende hatten – wieder einmal – die Deutschen, die 2:1 gewannen. Houtakkers musste die Hänseleien seines Zimmerkollegen ertragen, der im ersten Durchgang vor lauter Aufregung noch den Raum verlassen hatte.

Aus der geplanten Rückkehr der Houtakkers‘ in die Heimat wurde nichts. Nach Ablauf der zwei Jahre ließ er sich zu einem weiteren Jahr überreden. Und als die SAP die R/3-Software einführte, bat ihn schließlich der damalige Chef Henning Kagermann, „für immer“ zu bleiben. Houtakkers blieb. Die Familie, die bis dahin in Sinsheim-Weiler wohnte, erwarb ein Grundstück im angrenzenden Hilsbach, baute ein Haus und hieß mit Tom (*1994) ein weiteres Mitglied willkommen. 1991 war bereits die zweite Tochter Anika in Deutschland zur Welt gekommen.

Jugendtrainer und Vereinsvorsitzender beim SV Hilsbach

Zu Beginn der Nuller-Jahre engagierte sich Houtakkers beim SV Hilsbach, erst als Jugendtrainer, später als Jugendleiter. Sein Sohn stand beim SVH, der auch Heimatverein des TSG-Jugendleiters René Ottinger ist, zwischen den Pfosten und ist – wenn es die Zeit erlaubt – als Schiedsrichter im Namen des Dorfvereins unterwegs. Im Oktober 2019 wurde Geert Houtakkers zum Ersten Vorsitzenden des B-Ligisten gewählt, der 435 Mitglieder, darunter 136 Jugendliche, zählt. „Auf Corona hätte ich verzichten können“, ist der 65-Jährige von der aktuellen Situation wenig begeistert.

Vor zehn Jahren erhielt Houtakkers einen Anruf von Dietmar Pfähler, dem heutigen Vorsitzenden von Anpfiff ins Leben, der zu diesem Zeitpunkt Sportreferent bei der Dietmar Hopp Stiftung war. „Wir kannten uns seit 1989, weil wir Kollegen bei der SAP waren.“ Die beiden trafen sich auf ein Bierchen und sprachen über die alten Zeiten. Plötzlich eröffnete ihm Pfähler den wahren Grund seines Anrufs: Die Jugend des SV Hilsbach hatte sich bei der Aktion „Mobil zum Spiel“, mit der die Dietmar Hopp Stiftung 52 Vereine der Metropolregion mit einem Kleinbus ausstattete, den Zuschlag erhalten.

Als Houtakkers 2015 in Rente ging, suchte er eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung. Sein Hobby, das er in Weiler als Ausbilder und Vorstand des Hundevereins weitergeführt hatte, hatte er aufgrund von Rückenproblemen aufgeben müssen, und die Arbeit als Vorsitzender des Jugendfördervereins des SV Hilsbach lastete ihn nicht aus. Also klopfte der Neu-Rentner bei Dietmar Pfähler an, der ihn über zwei Ecken an René Ottinger verwies. „So ist die Sache mit der TSG ins Rollen gekommen“, sagt Houtakkers. Seit der Eröffnung der Akademie-Arena 2016 sorgt er nun also unter anderem dafür, dass die Gegner und Schiedsrichter eine ordentliche Kabine oder dass die Unparteiischen einen funktionstüchtigen PC vorfinden. „Meistens trinken wir noch einen Kaffee zusammen.“

Kurze Begegnung mit Landsmann Schreuder

Eine Rückkehr in die Heimat schließt Houtakkers nicht aus. „Meine Frau sagt immer: Mit 66 Jahren fängt das Leben an. Bei mir ist es im August soweit, sie hat noch zwei Jahre Zeit.“ Aktuell ist das Paar fest in Hilsbach verankert, wenn es ab und an in die Niederlande fährt, um ein paar Tage bei der Schwägerin bzw. Schwester zu verbringen, stellen Freunde und Bekannte eine lange Einkaufsliste zusammen: Beliebte Mitbringsel sind spezielles niederländisches Brot, Kaffee und Mayonnaise. Und „Hagelslag“, ein leckerer Schokoladenstreusel, den es in dieser Form in Deutschland nicht gibt.

Über die Geschehnisse in der Heimat informiert sich Houtakkers regelmäßig auf den Seiten der Regionalzeitung, den Fußball in der Eredivisie verfolgt er nach wie vor und auch über den Höhenflug von Ajax in der letztjährigen Champions-League-Saison konnte er sich als „Feyenoorder“ aufrichtig freuen. Den damaligen Co- und heutigen TSG-Cheftrainer Alfred Schreuder hat Houtakkers im Sommer 2017 bei einer TSG-Veranstaltung kurz kennengelernt: „Wir haben uns nett unterhalten. Ich kannte ihn natürlich bereits, da er ja viele Jahre für Feyenoord gespielt hat!“

An den Wochenenden in der Akademie-Arena hat er ebenfalls schon den einen oder anderen Niederländer gesprochen. TSG-Talent Melayro Bogarde zum Beispiel, der aus der Feyenoord-Jugend stammt. Oder den Bayern-Shooting-Star Joshua Zirkzee, der auch ein Jahr in Rotterdam spielte, bevor er nach München ging und im Herbst 2017 mit den Roten in Zuzenhausen aufkreuzte.

„Opa, wir haben Dein Fahrrad gefunden“

Im Vereinslokal des SV Hilsbach blüht die deutsch-niederländische Fußball-Rivalität natürlich immer wieder auf. „Zuletzt hatte ich ja mehr zu lachen“, grinst Houtakkers, der am liebsten jedoch an den 2:1-Sieg der Oranje-Elf im EM-Halbfinale 1988 in Hamburg zurückdenkt, als Marco van Basten der DFB-Elf in der Schlussminute den K.o.-Stoß versetzte. „Auf einem Plakat stand damals: Opa, wir haben Dein Fahrrad gefunden“, erinnert sich Houtakkers. „Ein Seitenhieb auf den Zweiten Weltkrieg, als viele deutsche Soldaten nach der Kapitulation Räder geklaut haben und nach Hause geflüchtet sind.“

Frotzeleien, die zum Alltag gehören, aber mehr Spaß als Ernst sind. Fast die Hälfte seines Lebens hat Geert Houtakkers in Deutschland verbracht, zwei seiner Kinder sind hier geboren. Und als zweifacher Großvater ist er ohnehin sehr entspannt. Zwei Enkel, Zwillingsbuben, hat ihm seine älteste Tochter geschenkt. Der eine heißt Lasse (nach dem ehemaligen Ajax-Spieler Lasse Schöne). Der andere Arjen.

Spieltagshelden

1 | Emil Vetters Herz hängt an der TSG

2 | Den Pascheks fehlt etwas

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