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AKADEMIE
10.05.2020

Historische Spiele (14): Nervenschlacht gegen die Knappenschmiede

Ein Wochenende ohne Spielberichte ist irgendwie seltsam. Leider wird sich das vorerst nicht ändern. Auf achtzehn99.de blicken wir daher seit sieben Wochen in loser Reihenfolge auf „historische Partien“ zurück, erzählen die dazugehörigen Geschichten nach und rufen sie wieder in Erinnerung. Heute: Der Halbfinal-Krimi der U19 gegen den FC Schalke 04 im Juni 2014.

Es gibt nicht nur schlechte Erinnerungen an Schalke, wie etwa die Niederlage im Finale um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2015. Zwölf Monate zuvor hatte sich die U19 bereits ein packendes Duell mit der „Knappenschmiede“ geliefert – und das bessere Ende für sich behalten. Und auch wenn in den beiden Halbfinal-Partien um den nationalen Titel nur ein einziges Törchen fiel, zählen diese Begegnungen – die den Weg zum Titelgewinn eine Woche später in Hannover ebneten – zu den anspruchsvollsten Auftritten der Akademie-Historie. Und als die, in denen der Stern Nadiem Amiris aufging.

Als das Team von Trainer Julian Nagelsmann am letzten Spieltag 2013/14 die Meisterschaft in der Süd/Südwest-Staffel durch einen 2:1-Erfolg über Astoria Walldorf unter Dach und Fach brachte, war Amiri gar nicht im Kader. Es war das letzte von drei Spielen Sperre, die der Deutsch-Afghane nach einer Roten Karte abzusitzen hatte. Und genau dieser Platzverweis am 27. April 2014 in Karlsruhe war so etwas wie der Wendepunkt in dieser historischen Saison.

0:2 lagen die Hoffenheimer auf dem Nebenplatz des Wildparkstadions gegen den KSC zurück und hatten zu diesem Zeitpunkt die Tabellenführung, die sie über die gesamte Rückrunde innehatten, an den VfB Stuttgart verloren. Zwar gelang Bahadır Özkan der Anschlusstreffer (38.), doch als Amiri in der Nachspielzeit der ersten Hälfte nach einer Tätlichkeit runter musste und Mitte des zweiten Durchgangs Grischa Prömel die Ampelkarte sah, standen die Zeichen mehr als schlecht. Doch Özkan per Strafstoß (77.) und U17-Aufrücker Benedikt Gimber (81.) machten das Unwahrscheinliche möglich und drehten diese verrückte Partie. Von da an waren die „Nagelsmänner“ nicht mehr aufzuhalten.

Elgert vs Nagelsmann, Jugendtrainerlegende gegen Nobody

Amiri, der sich erst in der Rückrunde zum Stammspieler gemausert hatte, musste in den abschließenden Spielen gegen Fürth (3:1), bei Bayern München (6:0!) und Walldorf (2:1) zuschauen. Nagelsmann war auf dem Weg nach Gelsenkirchen hin und hergerissen. Sollte er Amiri in der Arena auf Schalke, vor ungewohnt großer Kulisse und bei einer Live-Übertragung im überregionalen Fernsehen, in die Startelf stellen?

Schalke hatte sich in der West-Staffel souverän durchgesetzt und nur zwei Spiele verloren, das letzte Ende Oktober, also vor acht Monaten. Trainer Norbert Elgert genoss damals schon als der Ausbilder schlechthin Kultstatus. Als Deutschland wenige Wochen später Weltmeister wurde, feierte ihn der euphorisierte ARD-Kommentator Tom Bartels in den Minuten nach dem Schlusspfiff als jenen Mann ab, der einen großen Anteil an diesem Titel habe. Es war also auch ein Duell der deutschen Jugendtrainerlegende gegen den aufstrebenden Nobody, den jüngsten aller 42 A-Junioren-Bundesliga-Trainer. 30 Jahre, eine Generation, liegen zwischen den beiden.

Mit Donis Avdijaj, der 17 Tore in 15 Spielen erzielt hatte, Abwehrchef Thilo Kehrer, Kapitän Pascal Itter und dem pfeilschnellen Angreifer Leroy Sané verfügte Schalke über einige Hochkaräter, denen eine glorreiche Zukunft prophezeit wurde.

Siegtor durch Steffen Nkansah

Fast 11.000 Zuschauer säumten die Ränge der Arena. Elgert und Nagelsmann tauschten sich noch in einem kurzen Plausch aus, dann ging es los. Mit einem entfesselten Amiri in der Startelf. Und auch wenn Torchancen Mangelware blieben, entwickelte sich bald eine elektrisierende Partie, in der es hoch und runter ging. Amiri hatte den richtigen Zeitpunkt für einen Gala-Auftritt gewählt, die fünf Wochen ohne Spielpraxis waren ihm nicht anzumerken.

Es wäre aber unfair, die starke Leistung der Hoffenheimer nur am Ludwigshafener festzumachen. Das Innenverteidiger-Duo Steffen Nkansah und Nicolai Rapp bildete ein unüberwindbares Bollwerk, das absolute Ruhe und Unbesiegbarkeit ausstrahlte. Und Leroy Sané? Der rieb sich auf der linken Seite an Außenverteidiger Jesse Weippert ab, der nicht nur den späteren Weltstar abmeldete, sondern darüber hinaus auch noch Offensivakzente setzte.

In der 34. Minute ging Hoffenheim in Führung. Barış Atik hatte einen Eckball scharf in den Fünfmeterraum getreten, S04-Schlussmann Timon Wellenreuther sich verschätzt – und der aufgerückte Nkansah die Kugel direkt vor der Schalker Fankurve über die Linie gestochert. Hektischer Jubel auf der TSG-Bank, doch noch war eine Ewigkeit zu spielen.

Der zweite Abschnitt blieb hochklassig und nervenaufreibend, weitere Treffer fielen allerdings nicht. Nkansah wurde vor die TV-Kamera gezerrt, als er sich gerade mit seinen Teamkollegen von den mitgereisten Hoffenheim-Fans feiern ließ. Fast schon ungläubig, dass er auch noch das Siegtor erzielt hatte, bescheinigte er den Schalkern: „Die waren bockstark!“ Umso höher war also die eigene Leistung einzustufen!

Zweitliga-Atmosphäre im Dietmar-Hopp-Stadion

Die Szenerie erinnerte an die Zweitliga-Zeiten der Profis. Sechs Jahre war es her, dass letztmals eine größere Menschenmenge vom Hoffenheimer Bahnhof kommend einen Zwischenstopp bei der Döner-Bude im Ortskern einlegte oder die Zufahrtswege zum Dietmar-Hopp-Stadion verstopft waren. Einen Verkehrsstau in der Silbergasse hatte es seitdem nicht mehr gegeben.

90 Minuten trennten die U19 vom erstmaligen Einzug ins Endspiel um die Deutsche Meisterschaft, über 5.000 Zuschauer wollten dabei sein. Sie bekamen hochklassigen Jugendfußball und einen offenen Schlagabtausch zu sehen. Keeper Marvin Schwäbe durfte mehrfach seine Klasse unter Beweis stellen und entschärfte beste Chancen der Königsblauen, die enormen Druck ausübten, aber auch die von Nagelsmann auf vier Positionen veränderten Hoffenheimer machten deutlich, nicht einfach nur das 0:0 über die Zeit retten zu wollen.

Je länger das Spiel dauerte, desto unruhiger gestikulierte Elgert an der Seitenlinie herum, doch rund um die TSG-Bank war die Luft ebenfalls in Scheiben geschnitten. Eine Viertelstunde vor Schluss zog Nagelsmann seine letzte Option und schickte Felix Schröter für Joshua Mees aufs Feld. Schröter zirkelte die Kugel zunächst knapp am Winkel vorbei (81.) und versenkte sie drei Minuten später im Netz – Schiedsrichter Timo Gerach entschied jedoch auf Abseits. Kurz vor Schluss (89.) forderten die Schalker lautstark einen Elfmeter: Leroy Sané war zu Boden gegangen, der Pfiff ausgeblieben. Elgerts lautstarke Beschwerde beantwortete Gerach mit dem Verweis auf die Tribüne.

Schwäbes Glanzparade und Krafts Emotionen

Eine brenzlige Situation musste die TSG dann noch überstehen: Avdijaj packte nach schönem Alleingang den Hammer aus, die Kugel flatterte, doch Schwäbe entschärfte sie (90.+4). Was für ein Nervenkitzel! Schlusspfiff. Die ganze Anspannung rutschte wie eine Gerölllawine von der Bank und von den Rängen, Nagelsmann trug seinen Co-Trainer Matthias Kaltenbach huckepack über den halben Platz, ehe ihn die Kräfte verließen.

„Ich bin sehr erleichtert“, gab er schließlich zu Protokoll. „Nicht überrascht – denn ich war davon überzeugt, dass wir das Finale erreichen – aber nach diesen Schlussminuten erleichtert.“ Elgert hatte seine Emotionen zu diesem Zeitpunkt wieder im Griff und erwies sich als fairer Verlierer: „Großes Kompliment an Hoffenheim. Sie haben es verdient, ins Endspiel zu kommen, für das wir ihnen alles Gute wünschen.“

In der Kabine kam es zu einem emotionalen Höhepunkt, als Nagelsmann die Jubelgesänge kurz unterbrechen musste. Der Zeitpunkt war gekommen, den Spielern eine Nachricht zu überbringen, die ihnen bis dahin vorenthalten worden war: Athletiktrainer Kai Kraft würde zur kommenden Saison zu den Profis von RB Leipzig wechseln und daher im Endspiel nicht auf der Bank sitzen können. Während Kraft um Fassung rang, wurde er nach und nach von den Spielern geherzt.

In seiner anschließenden Kabinenansprache stimmte Nagelsmann seine Jungs auf die kommende Woche ein. „Wir wollen jetzt Deutscher Meister werden!“ Doch das ist eine andere Geschichte.

Das Hinspiel

FC Schalke 04 – TSG 1899 Hoffenheim 0:1 (0:1)
Schalke:
Wellenreuther – Koseler, Friedrich, Hedlund, Neubauer – Itter, Müller (75. Avdijaj), Kehrer – Multhaup (87. Lohmar), Pick (65. Boyamba), L. Sané.
Hoffenheim: Schwäbe – Weippert, Rapp, Nkansah (75. Gimber), Rieble – Öztürk (63. Canouse), Prömel, Amiri – Ochs, Atik (55. Mees), Trümner (46. Sessa).
Tor: 0:1 Nkansah (34.). Zuschauer: 10.854. Schiedsrichter: Robert Schröder (Hannover). Karten: Gelb für Neubauer, Koseler / Rieble.
Gelsenkirchen, Arena auf Schalke, 11. Juni 2014

Das Rückspiel

TSG 1899 Hoffenheim – FC Schalke 04 0:0
Hoffenheim:
Schwäbe – Weippert, Rapp, Nkansah, Rieble (57. Gimber) – Canouse, Prömel, Özkan (62. Amiri) – Sessa (46. Ochs), Mees (74. Schröter) – Atik.
Schalke: Wellenreuther – Hedlund, Friedrich, Kehrer, Koseler (86. Boyamba) – Itter (79. K. Sané), Müller, Neubauer – L. Sané, Lohmar (74. Avdijaj), Multhaup (64. Pick).
Tore: Fehlanzeige. Zuschauer: 5.022. Schiedsrichter: Timo Gerach (Landau-Queichheim). Karten: Gelb für Wellenreuther, Pick.
Sinsheim, Dietmar-Hopp-Stadion, 14. Juni 2014

Historische Spiele

1 | Triumph im Schatten des Olympiastadions | U19: TSG Hoffenheim – Hertha BSC 2:1 | Finale DFB-Junioren-Pokal 2010

2 | Ein Meistertitel zum Geburtstag | U16: TSG Hoffenheim II – VfB Stuttgart II 3:2 | Entscheidungsspiel um die B-Jugend-Oberligameisterschaft 2013

3 | Das eingelöste Versprechen | U19: TSG Hoffenheim – SV Werder Bremen 3:1, 2:0 | Halbfinals um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2016

4 | Meisterstück in Walldorf | U23: FC-Astoria Walldorf – TSG Hoffenheim II 0:1 | Entscheidender Sieg zum Aufstieg in die Regionalliga 2010

5 | Rapps goldenes Händchen gegen City | U19: TSG Hoffenheim – Manchester City 5:2 | Sieg im ersten Youth-League-Gruppenspiel 2018

6 | Im Fernduell die Nerven behalten | U15: TSG Hoffenheim – SC Freiburg 3:1 | Entscheidender Sieg zur Süddeutschen C-Jugend-Meisterschaft 2016

7 | Schmerzhaftes Treffen mit einem späteren Weltstar | U19: FC Schalke 04 – TSG Hoffenheim 3:1 | Finale um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2015

8 | Meisterfeier auf dem Halberg | U15: SV Wehen – TSG Hoffenheim 2:3 | Entscheidender Sieg zur Süddeutschen C-Jugend-Meisterschaft 2013

9 | Pokalfight gegen Grifos Pforzheimer | U19: 1.CfR Pforzheim – TSG Hoffenheim 4:7 n.V. | Sieg im BFV-Pokal-Finale 2011

10 | U17 triumphiert nach „Tennismatch“ | U17: TSG Hoffenheim – Borussia Dortmund 6:4 | Finale um die Deutsche B-Junioren-Meisterschaft 2008

11 | Internationales Glanzlicht der U14 | U14: Hertha BSC – TSG Hoffenheim 2:4 | Europafinale des Premier Cups in Berlin 2017

12 | Die legendäre Regenschlacht | U19: TSG Hoffenheim – Real Madrid 4:2 | Youth-League-Viertelfinale 2019

13 | Zwei spätere Weltmeister im Gmelin-Stadion | U19: TSG Hoffenheim – FC Bayern München 1:3 | A-Junioren-Bundesliga Süd/Südwest 2006/07

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