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16.10.2018

Russell Canouse: Ex-Hoffenheimer startet in den USA durch

Fünf Jahre spielte Russell Canouse für die TSG Hoffenheim. Der US-Amerikaner kam 2011 in die U16, wurde 2014 als Kapitän Deutscher Meister mit der U19, machte sein Abitur an der Heidelberg International School und absolvierte sogar ein Bundesliga-Spiel für die Profis. Nun steht der mittlerweile 23-Jährige in der Major League Soccer (MLS) bei D.C. United unter Vertrag und kämpft mit den Hauptstädtern um den Einzug in die Playoffs. Achtzehn99.de hat mit Russell Canouse über seine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen. Und über Wayne Rooney.

Russell, zunächst einmal: Wie geht es Dir?

"Sehr gut!"

Glückwunsch zu Deinem Tor am Wochenende! Du hast im Heimspiel gegen den FC Dallas vier Minuten vor Schluss den 1:0-Siegtreffer erzielt…

"Das war mein erstes MLS-Tor überhaupt und alleine aus dem Grund schon ein sehr besonderer Moment. Dass er uns zudem noch in die Playoff-Ränge gebracht hat, macht es umso schöner. Der Vater meines Freundes und Teamkollegen Paul Arriola ist vergangene Woche gestorben. Paul hat deswegen nicht gespielt. Ich habe den Treffer ihm und seiner Familie gewidmet."

Ihr steht derzeit auf Platz 6 in der Eastern Conference. Wie zufrieden bist Du?

"Unsere aktuelle Leistung ist in Ordnung. Ich persönlich hatte einen schwierigen Start in diese Saison, weil mich eine Knieverletzung vier Monate außer Gefecht gesetzt hat und zwei weitere Rückschläge mein Comeback verzögert haben. Jetzt bin ich aber wieder voll da und es läuft seit meinem ersten Einsatz super für mich."

Welche Ziele habt ihr diese Saison noch? Reicht es für die Playoffs?

"Natürlich. Wir haben noch drei Spiele, zwei davon zu Hause. Wir haben es in der eigenen Hand und das ist für uns eine spannende wie aufregende Saisonphase."

Seit diesem Sommer gehört Wayne Rooney zu eurem Team. Wie ist es denn, mit einem Superstar zusammenzuspielen und was ist er für ein Typ?

"Es ist sehr cool, mit Wayne zu spielen. Als Jugendlicher war Manchester United mein Lieblingsklub und wenn ich ihre Spiele gesehen habe, habe ich ihn immer bewundert. Jetzt mit einer United-Klublegende in einer Mannschaft zu stehen, ist etwas Besonderes. Wayne ist seit dem ersten Tag ein großartiger Teamkollege und zwischen uns hat sich auch neben dem Platz eine Freundschaft entwickelt."

Du gehörst jetzt seit über einem Jahr zum Team. Wie gut bist Du in der Mannschaft integriert?

"Sehr gut, ich komme mit allen Jungs gut klar. Mit Zoltán Stieber, der ja viele Jahre in der Bundesliga gespielt hat, kann ich sogar Deutsch sprechen, was mir hilft, meine Sprachkenntnisse aufrechtzuerhalten. Zudem ist einer meiner besten Freunde, Paul Arriola, in unserem Kader. Wir kennen uns sehr lange und haben schon in der U14-Nationalmannschaft zusammengespielt. Zu ihm habe ich daher eine besondere Beziehung."

Dein Geburtsort Lancaster liegt nur zweieinhalb Autostunden von Washington, D.C., der Heimat Deines aktuellen Klubs entfernt. Wo bist Du zu Hause?

"Ich wohne in der „Altstadt“ von Alexandria, Virginia, nur 15 Minuten vom Stadtkern Washingtons entfernt, eine wirklich nette Gegend. Es ist schön, in der Nähe der Familie zu leben. Wenn wir mal zwei Tage frei haben, fahre ich zu ihr – was ich in Deutschland nicht konnte."

Kommen wir auf Deine Hoffenheimer Zeit zu sprechen. Vor fast acht Jahren, im Januar 2011, bist Du als 15-jähriger Junge nach Hoffenheim gekommen. Welche Erinnerung hast Du an die Anfänge?

"Meinen ersten Eindruck von Deutschland bekam ich anlässlich eines U17-Spiels der TSG beim SV Waldhof in Mannheim, das war eine Woche vor meinem ersten Training in Hoffenheim. Alexander Rosen, der damals noch U23-Spieler war, führte mich und meinen Dad ein wenig herum und brachte uns unter anderem zu diesem Spiel. Ich dachte nur: Was ist das für ein hohes Tempo? Das hat mich im Hinblick auf meine erste Einheit etwas eingeschüchtert."

Und wie lief es dann?

"Ich saß vor meinem ersten Probetraining in der Kabine und dass alle eine Sprache sprachen, die ich nicht verstand, hat mein Selbstbewusstsein nicht gerade gestärkt. Aber es ist dann alles gut gegangen, wobei die Situation schwierig blieb."

Warum?

"Die Spieler und Trainer waren alle sehr nett zu mir, aber es ist nunmal nicht leicht, wenn Du kein Deutsch kannst. Ich habe es mir dann zum Ziel gesetzt, mir die Sprache und die Kultur so schnell wie möglich anzueignen, und so wurde Hoffenheim für mich nach und nach zur Heimat und zu einer Familie."

Du hast dann auch als U16-Spieler Dein Debüt in der U17-Bundesliga gegeben…

"Das war in einem Nachholspiel beim FC Bayern. Marcel Seegert verletzte sich beim Aufwärmen, so dass mich Trainer Xaver Zembrod ins kalte Wasser warf. Ich durfte als Innenverteidiger neben Niklas Süle von Beginn an ran. Wir haben zwar 0:1 verloren, aber dafür, dass es mein erstes Spiel war, dazu noch auf einer für mich ungewohnten Position, war es ok. Alles in allem waren die ersten Monate, weit weg von zu Hause und von der Familie, wirklich eine harte Zeit, aber ich habe einen Traum verfolgt und so ist diese Zeit dann doch verflogen."

Du hast mit der TSG viele emotionale Momente erlebt. Wir denken zum Beispiel an die Deutsche Meisterschaft mit der A-Jugend unter Trainer Julian Nagelsmann, als Du auch Kapitän der Mannschaft warst. Oder an Deinen ersten Bundesliga-Einsatz, ebenfalls unter Nagelsmann. Teile bitte Deine Erinnerungen mit uns!

"Das waren wirklich unvergessliche Momente für mich. Julian Nagelsmann war ja schon in der U17 als Assistent von Xaver Zembrod mein Trainer. Damals hat er einige Ansagen im Training für mich übersetzt. Als wir dann 2014 Deutscher A-Jugend-Meister wurden, war das wirklich unglaublich. Ich hatte am Saisonanfang meine Mutter verloren, sie war an Krebs gestorben. Auch wenn mich alle unterstützt haben, war es eine sehr, sehr schwierige Zeit für mich. Vor diesem Hintergrund war der Gewinn der Meisterschaft mit mir als Kapitän besonders emotional. Aber der größte Moment war sicherlich mein Bundesliga-Einsatz. Davon hatte ich so lange geträumt und dafür habe ich viele Opfer gebracht. Aber nicht nur für mich war es ein großes Spiel, auch für den Klub, schließlich ging es (im März 2016 gegen den VfL Wolfsburg, Anm. d. Red.) gegen den Abstieg."

Zurückblickend: War es die richtige Entscheidung, mit 15 nach Deutschland zu gehen?

"Ich werde sie nie bereuen. Es war bislang eine der besten Entscheidungen meines Lebens, auch wenn ich dadurch auf vieles verzichten musste. Aber in Deutschland und bei der TSG wurde ich zu dem Spieler und zu dem Menschen, der ich heute bin."

Hast Du „typisch deutsche Eigenschaften“ mitgenommen aus Deiner Zeit hier?

"Auf dem Platz definitiv. Wie könnte es nach fünf Jahren Ausbildung in Hoffenheim und Zuzenhausen auch anders sein? Aber auch neben dem Platz bin ich ein bisschen „deutsch“. Witzigerweise befindet sich neben meinem aktuellen Wohnhaus ein deutscher Supermarkt, in dem ich immer einkaufen gehe. Und ich koche manchmal noch traditionell deutsche Gerichte, wie zum Beispiel Schnitzel, Bratwurst oder Spätzle."

Zu welchen ehemaligen Mitspielern hast Du noch Kontakt?

"Wenn man einen Klub verlässt und jeder seinen eigenen Weg geht, ist es immer schwierig, in Kontakt zu bleiben. Zu Nico Rieble, mit dem ich dann ja auch in Bochum zusammengespielt habe, habe ich noch einen engen Draht, außerdem folge ich vielen ehemaligen Teamkollegen auf den sozialen Netzwerken. Auch mit einigen TSG-Mitarbeitern habe ich noch losen Kontakt."

Du bist heute Profi in einer der stärksten Ligen Nordamerikas. Bist Du stolz auf Deine Karriere – oder bedauerst Du es, nicht in der Bundesliga Fuß gefasst zu haben?

"Gott hat mich auf meiner Reise begleitet und ich mag es nicht, zurückzuschauen und zu fragen, was gewesen wäre, wenn. Im vergangenen Jahr habe ich mich gut entwickelt und ich glaube noch immer, auf höchstem Niveau spielen zu können. Da ich in Deutschland aufgewachsen bin, und das bei einem der besten Klubs im Land, kenne ich das Umfeld sehr gut und würde es mir zutrauen und auf jeden Fall in Erwägung ziehen, noch einmal Bundesliga zu spielen. Mein Ziel ist es, innerhalb des nächsten Jahres US-Nationalspieler zu werden."

Apropos Nationalmannschaft: Du hast mehrere Länderspiele und Turniere mit US-amerikanischen Junioren-Auswahlteams bestritten. Wie schätzt Du Deine Chance ein, mal in der A-Nationalmannschaft aufzulaufen?

"Sehr hoch, ich warte nur noch auf den Anruf. Ich hatte bereits im Januar meine Chance und stand beim Freundschaftsspiel gegen Bosnien-Herzegowina im Kader, wurde aber leider nicht eingewechselt. Ich bin überzeugt, dass ich, wenn ich so weiterspiele wie zuletzt, wieder meine Chance kriege."

Wie sieht Deine Zukunftsplanung aus?
"Als Berufssportler kannst Du Deine Zukunft nicht planen. Ich versuche einfach nur, täglich mein Bestes zu geben und der Rest ergibt sich dann. Im Dezember werde ich heiraten, so viel zu meiner persönlichen Planung. Aber was den Fußball angeht, werde ich abwarten müssen."

Verfolgst Du die Spiele der TSG?

"Ja, alle, von den Profis bis zu den oberen Jugendmannschaften. Dass der Verein jetzt sogar in der Champions League spielt, ist einfach unfassbar. Es macht auch viel Spaß, die Karrieren ehemaliger Teamkollegen zu verfolgen. Viele Jungs aus der U19-Meister-Mannschaft sind mit der TSG oder bei einem anderen Verein erfolgreich. Ich bin wirklich für jeden Moment, den ich hier hatte, dankbar."

 

Zur Person

* 11. Juni 1995 in Lancaster, Pennsylvania (USA)
2011-14: TSG Akademie [U16-U19]
2014-16: TSG 1899 Hoffenheim [U23 und Profis]
2016-17: VfL Bochum [Leihe]
2017-     : D.C. United (USA)

Deutscher A-Jugend-Meister 2014 mit der U19
Einsätze/Tore TSG: 130/3
U17: 31/0
U19: 47/2
U23: 51/1
Profis: 1/0

D.C. United

Die Franchise wurde 1995 gegründet, um an der Premierensaison der Major League Soccer (1996) teilnehmen zu können – und wurde prompt Meister. Mit insgesamt vier Titeln, der letzte 2004, ist das Team aus der Hauptstadt zweiterfolgreichster Verein hinter LA Galaxy. Seit dieser Saison spielt United im nagelneuen, 20.000 Zuschauer fassenden und zweieinhalb Kilometer südlich des Kapitols gelegenen „Audi Field“. Zuvor war die Franchise im traditionsreichen Robert F. Kennedy (RFK) Memorial Stadium, in dem auch unser Foto entstanden ist, zu Hause. Größter internationaler Erfolg war der Gewinn der CONCACAF-Champions-League 1998 durch ein 1:0 gegen die Mexikaner von Deportivo Toluca.

In der aktuellen Saison wird das Team vom ehemaligen US-Nationalspieler Ben Olsen trainiert. Nachdem D.C. United im vergangenen Jahr die Playoffs verpasst hat, ist nun Platz sechs in der Eastern Conference und die eben damit verbundene Qualifikation für die Playoffs das Minimalziel.

Ende Juni sorgte D.C. United mit der Verpflichtung von Wayne Rooney international für Aufsehen. Der ehemalige Everton- und Manchester-United-Star trägt das Trikot mit der Nummer 9, Russell Canouse läuft mit der 4 auf.

Das Restprogramm in der „Regular Season“:

D.C. United – FC Toronto, 18.10., 1:30 h
D.C. United – FC New York City, 21.10., 21:00 h
Chicago Fire – D.C. United, 28.10., 21:30 h

Alle Zeiten MEZ.

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