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SPIELFELD
16.06.2021

Baumann: „Ich habe mich wirklich gequält“

Die abschließenden zwei Saisonspiele verpasste Oliver Baumann. Der Torwart der TSG musste die Saison wegen einer Schambeinverletzung vorzeitig beenden. Der 31-Jährige hofft aber, zum Vorbereitungsstart auf die kommende Spielzeit wieder fit zu sein. In SPIELFELD zieht der stellvertretende Kapitän die Bilanz einer unglaublich herausfordernden Saison, spricht über die schwierigen Momente, erklärt seine Ziele mit der Nationalelf und was ihm besonders fehlt. Zudem erzählt Oliver Baumann, warum ihm die Situation von Kindern inmitten der Corona- Pandemie besonders umtreibt.

Oliver, eine unglaublich herausfordernde Saison ist zu Ende. Welche Emotionen hast Du im Rückblick?

„Es sind auf jeden Fall gemischte Gefühle. Wir haben, auch wenn das gern vergessen wird, eine tolle Europa-League-Gruppenphase gespielt. Das hat wirklich Freude bereitet, wir haben es souverän durchgezogen und wir hätten es wahnsinnig gern mit den Fans zusammen erlebt. Im DFB-Pokal und in der Liga aber haben wir natürlich auch einen Preis gezahlt für unser Corona- und Verletzungspech.“

Tatsächlich war diese Serie an Ausfällen fast schon beängstigend.

„Zur Corona-Problematik gehört ja beileibe nicht allein die Virus-Erkrankung. Es waren dann auch viele Folgeverletzungen, weil man nach der Quarantäne vielleicht zu schnell wieder eingestiegen ist, die Muskeln nicht so da waren. Auf jeden Fall hat es uns massiv geschadet, dass wir in dieser Saison nicht allzu oft die Elf auf dem Platz hatten, die wir hätten haben können. Es war wie eine echte Achterbahnfahrt dieses Jahr, wir hatten auch in der Bundesliga Top-Spiele, aber bekanntermaßen auch schreckliche Momente.“

Es ging tatsächlich hoch und runter.

„Unter dem Strich muss man, glaube ich, trotzdem sagen: Hut ab, wie wir grundsätzlich mit dieser komplizierten Situation umgegangen sind. Wir sind durchaus wachsam gewesen in den schwierigen Momenten, sind aber gleichzeitig nicht nervös geworden, sondern haben dann versucht, die Dinge intern nachzujustieren.“

„Das war auch mental richtig hart“

Musstest Du dabei in Deinem Kapitänsamt eine herausgehobene Position übernehmen?

„Natürlich bin ich da besonders gefragt. Wir haben viel gesprochen, ich habe viel Energie in die Kommunikation gelegt, mit dem Trainer, mit dem Sportdirektor, mit den Mitspielern. Es ging drum, die Jungs zu pushen, Mut zu machen, sie anzutreiben im positiven Sinn. Es war extrem, quasi nebenher noch meine Torwartarbeit zu machen. Die letzten zwei Monate habe ich unter Schmerzen trainiert, mich in den Dienst des Vereins und der Mannschaft gestellt. Das war auch mental richtig hart. Ich bin ganz ehrlich: Es hat in diesen Momenten überhaupt keinen Spaß mehr gemacht, ich habe mich einfach nur durchgequält.“

Es hat sich gelohnt, Ihr habt zum Saisonende noch mal eine starke Serie hingelegt.

„Wir haben noch mal die Kurve nach oben gekriegt, mehr Punkte geholt, auch wieder besser gespielt. Wir waren knapp davor, aber wir sind eben nie wirklich in den Abstiegskampf geraten. Das lag eben auch daran, dass wir viel gesprochen haben, ruhig geblieben und nicht hektisch geworden sind. Woanders gibt es dann gern auch mal Schnellschüsse, da regiert die Panik – und am Ende hat es eher einen negativen Effekt. Ich finde, diese schwierige Phase hat unser Verein dann schon richtig gut gemeistert.“

Hat der Trainer sich auch noch mal verändert in dieser Phase?

„Natürlich wurde auch er dann noch mal emotionaler. Wenn Sebastian Hoeneß merkte, dass es zum Beispiel im Training an Feuer fehlte, hat er schon auch eine neue Schärfe reingebracht. Wir sind, gerade weil Korsettstangen wie Hübi (Benjamin Hübner, Anm. d. Red.) oder Ermin nicht nur auf dem Platz, sondern auch in der Kabine fehlen, eher eine leise Mannschaft. Dann kann es, wie bei uns, am Ende nur funktionieren, weil die Truppe charakterlich absolut in Ordnung ist.“

Hast Du schon ein Gefühl, was mit dieser Truppe in der nächsten Saison möglich wäre?

„Wenn ich mir jetzt allein die Mannschaft anschaue, ist es meine Erwartung und mein Ziel, realistisch natürlich eine bessere Saison zu spielen. Wir haben nur noch die Bundesliga und den DFB-Pokal im nächsten Jahr und deswegen ist es definitiv möglich, über eine gute Vorbereitung deutlich besser abzuschneiden. Ich will nicht schon wieder von internationalen Plätzen sprechen, weil uns natürlich jetzt Demut gut zu Gesicht steht. Aber ich sage: Mit der Qualität des Vereins und der Mannschaft kann und sollte jedes Jahr versucht werden, um die Europa League zu spielen. Natürlich muss dann vieles passen, es dürfen dich auch nicht so viele Verletzungen ereilen. Aber es ist definitiv möglich und bleibt auch immer mein persönliches Ziel.“

„Ich will noch näher rankommen“

Du warst erstmalig für die Nationalmannschaft nominiert, durch die Verletzung war eine mögliche EM-Teilnahme aber kein Thema. Der Traum vom DFB-Debüt aber bleibt?

„Natürlich hat es mir noch mal einen kleinen Stich versetzt, dass ich aufgrund der Verletzung jetzt keine Rolle für den EM-Kader spielen konnte. Aber es ist jetzt einfach wichtig, jegliche Belastung zu vermeiden. Ich bin im erweiterten Kreis und natürlich ist mein Ziel, noch näher ranzukommen. Ich habe einen guten Austausch mit Torwarttrainer Andreas Köpke und weiß, dass mich der DFB auf dem Zettel hat. Natürlich will ich irgendwann noch ein Länderspiel machen und glaube daran, weil ich mich definitiv nicht schlechter sehe als andere. Nicht wie alle, aber wie einige andere. Ich bin mit gerade 31 Jahren jetzt tatsächlich im besten Torwartalter und habe auch in der abgelaufenen Saison gezeigt, dass ich dazugehöre. Ich habe zum Beispiel während der Verletzung gemerkt, wie eminent wichtig die gewachsene Erfahrung ist. Ohne sie hätte ich bei meinem eingeschränkten Training nie so gut spielen und mich so sicher fühlen können. Erfahrung macht schon unheimlich viel aus.“

Zu den Herausforderungen der Saison gehören ganz sicher auch die Bedingungen aufgrund der Corona-Pandemie. Inwieweit hast Du Dich jetzt endgültig an die sogenannten Geisterspiele gewöhnt?

„Grundsätzlich tritt dieser Effekt natürlich ein, da funktioniert man auf der professionellen Ebene. Aber du merkst trotzdem in jedem Spiel, dass dies nicht der Normalfall sein kann, das ist nicht die normale Bundesliga. Es ist nicht das, worauf du früher hingeträumt und hingearbeitet hast. Es fehlt das Zusammenspiel mit den Fans, die ganzen Emotionen, egal, ob für oder gegen dich. Das fehlt so ungemein, jeder vermisst es. Es ist, glaube ich, dann auch nicht der gleiche Fußball. Die Zweikämpfe werden vor Zuschauern anders geführt, du hast andere Spielverläufe, weil du zum Beispiel ein 1:0 in Dortmund vor einer Südtribüne voller Fans anders verteidigst als ohne. Es gibt Spieler, die gehen mit so aufgeheizten Situationen besser um, andere werden nervös – aber so oder so verändern diese Emotionen das Spiel.“

„Spiele ohne Zuschauer fühlen sich wie ein leerer Luftballon an“

Verändert es auch Dein eigenes Torwartspiel?

„Offenbar. Ich habe zumindest jetzt schon mal gehört, dass gegnerische Spieler zu meinen Teamkollegen sagten: ‚Der Baumann, der schreit ja nur rum.‘ (lacht) Mit Zuschauern würden sie es gar nicht mitbekommen. Da bin ich schon froh, wenn ich meine Innenverteidiger erreiche und sie ordnen kann. Da brauche ich nicht pushen, das machen die Fans automatisch, jetzt aber musst du so eine Emotion auf eine gewisse Art künstlich erzeugen.“

Aber die Erkenntnis bleibt: Dieser Fußball ohne Zuschauer hat keine unbegrenzte Lebensdauer.

„Das weiß und spürt jeder, der mal in einem vollbesetzten Fußballstadion war. Diese Stimmung, diese Energie – das hat etwas Magisches. Spiele ohne Zuschauer fühlen sich daran gemessen wie ein leerer Luftballon an. Das ist einfach nicht das Gleiche. Wenn du als Kind jetzt das erste Mal ein Fußballspiel im Fernsehen siehst, was wünschst du dir dann? Wird es dann dein Kindheitstraum sein, dort stehen zu können und Profi zu werden? Ja, die Kids sehen professionellen und qualitativ sehr guten Fußball. Aber die Wahrheit ist: Das interessiert einen Achtjährigen ja nicht vorrangig, er will sich auf die große Bühne träumen, mit dem Jubel, er sucht das große Gefühlskino. Wenn du als Kind vom Fußball träumst, gehören die Fans immer dazu.“

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