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SPIELFELD
11.11.2021

Chris Richards: „Ich träume groß“

Es war ein ungewöhnlicher Ort für ein SPIELFELD-Interview. Im Fokus beim Foto-Shooting und Gespräch mit Chris Richards stand Basketball, nicht Fußball. Hintergrund des Treffens im Olympiastützpunkt Heidelberg – der Trainingsstätte des Bundesligisten MLP Academics – ist Richards‘ große Liebe zum Basketball, welche die Jugend des US-Amerikaners lange prägte. Im Interview spricht der 21-Jährige über seine Entscheidung zwischen beiden Sportarten, seine Kindheit in den USA sowie den schnellen Aufstieg zum Bundesliga-Spieler.

Chris, Du fühlst Dich hier unter dem Basketball-Korb erkennbar wohl. Woher kommt Deine Liebe zu diesem Sport?

„Mein Vater war früher Basketball-Profi. Das prägt natürlich. Als ich aufgewachsen bin, war Basketball immer das große Thema in unserer Familie. Mein Vater hat nach meiner Geburt noch zwei Jahre in Australien gelebt, kam dann aber zu uns zurück. Zuvor hat er bereits auf dem College, in Island und in Bolivien gespielt. Natürlich war es auch danach weiterhin seine Faszination, und er hat mir die Sportart beigebracht. Wäre es nach ihm gegangen, wäre ich auch Basketball-Spieler geworden.“

Wie sah Dein Alltag in Deiner Jugend zwischen Basketball und Fußball aus?

„Ich bin morgens um 5 Uhr aufgestanden und direkt zum Basketball-Training gefahren. Danach hatte ich Schule und anschließend wieder Basketball-Training. Von dort aus bin ich dann direkt zur Fußball-Einheit gelaufen und anschließend erst nach Hause gekommen. Als ich neun Jahre alt war, habe ich sogar noch Leichtathletik gemacht – aber das wurde dann auch mir zu viel.“ (lacht)

Deine intensive Beziehung zur Sportart spürt man nicht nur, man sieht sie auch. Du hast ein Kobe-Bryant-Tattoo, seinen Spitznamen ‚Mamba‘ trägst Du in Deinem Instagram-Profil. Was hat es damit auf sich?

„Er hatte diese Gewinnermentalität in sich, die etwas ganz Besonderes ist. Er war immer der  härteste Arbeiter und eine absolute Maschine auf dem Platz. Er hat nie aufgegeben. Selbst als er sich die Achillessehne gerissen hat, ist er zur Freiwurf-Linie angetreten und hat beide Würfe versenkt. So etwas sieht man nicht von jedem Sportler. Leider ist er auf tragische Art und Weise viel zu früh ums Leben gekommen, aber ich bin stolz, dass ich zumindest Teile seiner Karriere erleben durfte. Er ist ein Riesenvorbild für mich.“

Du hast Dich jedoch trotz des familiären Hintergrunds und der Begeisterung für den Fußball entschieden. Was war der Hauptgrund dafür?

„Ich habe meine ganze Jugend immer beide Sportarten ausgeübt. Als ich 16 war, haben wir mit meinem Fußball-Team einen Ausflug zu einem Turnier nach Argentinien gemacht. Ich habe mich in die Atmosphäre in den Stadien verliebt und mir war ab diesem Zeitpunkt klar, dass ich Fußball mehr liebe und mich darauf konzentrieren will.“

War Dein Vater enttäuscht von Deiner Entscheidung?

„Er hatte immer hohe Erwartungen an mich und hat in mir ein großes Basketball-Talent gesehen. Natürlich war er ein wenig enttäuscht, aber er konnte verstehen, dass ich das machen will, was ich liebe. Und dabei hat er mich dann komplett unterstützt.“

Du bist mit 16 Jahren aus Alabama nach Houston gezogen, um Fußball zu spielen. Hattest Du damals Bedenken, dass es ein zu großer Schritt sein könnte?

„Ich liebe meine Familie und ohne ihre Unterstützung könnte ich heute nicht hier sein. Natürlich hat das wehgetan und ich hatte auch Heimweh in den ersten Wochen. Ich bin ein sehr familiärer Mensch. Mein Bruder war zu jenem Zeitpunkt erst drei Jahre und meine Schwester neun Jahre alt. Es war klar, dass ich vermutlich nie mehr zu Hause wohnen werde. Das war keine einfache Zeit, aber sie haben mich immer unterstützt und mir Mut zugesprochen. Das hat mir geholfen, um keine großen Zweifel zu haben.“

Bevor Du nach Houston gegangen bist, wurdest Du zunächst bei einem Probetraining vom FC Dallas abgelehnt. Wie hast Du Dich danach gefühlt?

„Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Als 16-Jähriger dachte ich, dass alles vorbei ist. Aber  ich habe kurz darauf das Angebot aus Houston bekommen. Ich wusste, dass wir in der Liga gegen Dallas spielen und wollte beweisen, dass es ein Fehler war, mich nicht aufzunehmen. Und tatsächlich haben sie sich nach der Partie gemeldet und gesagt, dass ich nächstes Jahr für sie spielen soll. Im Nachhinein war die Entwicklung das Beste, was mir passieren konnte.“

Hattest Du schon immer das Ziel, eines Tages als Fußballspieler nach Europa zu kommen?

„Es war zumindest immer mein Traum. Aber als ich aufgewachsen bin, haben nicht viele US-Amerikaner in Europa gespielt. Es gab vielleicht vier oder fünf, die eine wichtige Rolle bei einem größeren Klub gespielt haben. Daher war es nie wirklich realistisch für mich.“

Dennoch hast Du es geschafft und bist mit 18 Jahren vom FC Dallas in die Jugend des FC Bayern München gewechselt. Hättest Du das für möglich gehalten?

„Auf keinen Fall. Dallas hatte eine Partnerschaft mit dem FC Bayern abgeschlossen. Sie haben dann  gesagt, dass ich im Rahmen der Vereinbarung für eine Woche zum Training nach München darf. Und nach einer Woche hat mich der U19-Trainer in München zur Seite genommen und gesagt, dass ich gern wiederkommen darf. Es war Sebastian Hoeneß. (lacht) Ich habe damals gedacht, dass es nur ein paar nette Worte waren, aber ein paar Wochen später sollte ich ins Büro des Sportdirektors in Dallas kommen. Er hat mir dann gesagt, dass ich nach München kann, wenn ich will. Ich konnte das alles nicht glauben und dachte, dass ich reingelegt werde. Aber es hat tatsächlich gestimmt und zum Glück habe ich dem Abenteuer zugestimmt.“

Wann hast Du realisiert, dass es wirklich passiert?

„Erst im Flieger. Ich saß da und dachte mir: ‚Du fliegst jetzt nach München und wirst Deine Familie und Freunde sechs Monate nicht sehen. Du kannst kein Wort Deutsch und kennst so gut wie niemanden. Jetzt gibt es kein Zurück mehr.‘ Aber als die Saison anfing, wusste ich, dass es die richtige Entscheidung war. Ich wollte alles versuchen, um mir den Traum vom Profi-Fußball zu erfüllen. Es lief dann zum Glück auch deutlich besser als gedacht.“

Zwei Jahre zuvor hattest Du noch für einen kleinen Verein in Alabama gespielt und auf einmal trainierst Du bei den Profis des FC Bayern München mit.

„Das habe ich nicht zu träumen gewagt. Als US-Amerikaner träumt man immer groß, aber so groß? Auf keinen Fall. Ich habe zuvor nie für eine Junioren-Nationalmannschaft gespielt, wurde sogar zunächst in Dallas abgelehnt und auf einmal stehe ich auf einem Platz mit Spielern wie Robert Lewandowski oder Manuel Neuer. Das waren Jungs, mit denen ich zuvor auf der Konsole gespielt habe. Hätte das jemand vor ein paar Jahren zu mir gesagt, hätten meine Familie und ich nur gelacht. Es ist verrückt, wie schnell alles ging.“

Der damalige Trainer von Bayerns U19 ist auch Dein aktueller Coach …

„Ja, Sebastian Hoeneß und ich haben eine enge Beziehung. Er hat mich immer gefördert. Sowohl bei der U19 und U23 in München als auch bei der TSG. Das gibt einem als Spieler immer Selbstvertrauen. Er hat einen großen Anteil an meiner Entwicklung. Er vertraut mir auf dem Platz und lässt mich spielen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.“

Du bist nun erneut bis zum Saisonende ausgeliehen. Hast Du Dir schon Gedanken über die Zeit danach gemacht?

„Als Leihspieler ist es glaube ich ein normaler Prozess, dass man solche Gedanken im Hinterkopf hat. Für mich zählt aber vorerst nur das Hier und Jetzt. Mehr kann ich sowieso nicht beeinflussen. Ich will in Hoffenheim meine Leistung bringen und dann werden wir sehen, was im Sommer passiert. Klar ist, dass ich in München meinen Vertrag verlängert habe. Es weiß aber auch jeder, dass ich mich bei der TSG ungemein wohlfühle.“

Unabhängig vom Klub: Was willst Du in Deiner Zukunft erreichen?

„Ich definiere mich nicht über Titel. Natürlich will man Trophäen gewinnen und erfolgreich sein, aber das ist nicht mein Hauptansporn. Ich will ganz viele Länderspiele für die USA bestreiten. Aber mein wichtigstes Ziel ist es, für meine Familie zu sorgen. Sie haben mich immer unterstützt und den letzten Dollar für mich ausgegeben, damit ich mir meinen Traum erfüllen kann. Als kleiner Junge hat man noch nicht so ein Verständnis für Geld. Aber mittlerweile weiß ich, was meine Familie alles geopfert hat, damit ich Fußball spielen kann. Das ist nicht normal und das weiß ich sehr zu schätzen. Ich will mich um meine Familie kümmern, denn ihr habe ich alles zu verdanken.“

Du hast die Länderspiele für die USA angesprochen. Wie siehst Du die fußballerische Entwicklung in Deiner Heimat. Spürst Du ein gesteigertes Interesse an der Sportart?

„Absolut. Jedes Mal, wenn ich mit der Nationalmannschaft in den USA bin, wird es nochmal größer. Die Stadien und Trainingsgelände sind vermutlich sogar schon besser als im Großteil Europas. Die Besitzer der MLS-Klubs investieren viel Geld, weil auch sie merken, dass das Interesse der Menschen am Fußball immer größer wird. Ich bekomme Nachrichten von Leuten, die früher vermutlich nicht ein einziges Fußball-Spiel in ihrem Leben gesehen haben.“

Die Heim-Weltmeisterschaft 2026 dürfte dem Fußball in den USA noch mal einen Schub geben.

„Klar, auch sportlich. Darauf arbeiten wir als Mannschaft hin. Wir sind ein sehr junges Team, das 2026 im besten Fußballeralter sein wird. Aber wir wollen bereits bei der WM 2022 Erfahrungen sammeln und eine gute Rolle spielen. Die Qualifikationsspiele im November werden sehr wichtig, damit wir in Katar dabei sein können. Wir wollen der Welt zeigen, wie groß Fußball in den USA ist und scheuen uns nicht davor, große Träume zu haben.“

Also ist der Titel 2026 Euer Ziel?

„Natürlich gibt es aktuell bessere Mannschaften, aber wieso sollten wir nicht träumen? Wir werden nicht eine Heim-WM austragen und verlieren wollen. Das ist nicht unser Anspruch. Wir haben eine mehr talentierte Mannschaft, deren Möglichkeiten noch längst nicht ausgeschöpft sind.“

Du hast auch vergangene Saison darüber gesprochen, dass Du mit der TSG in der Europa League den Titel holen willst. Woher kommt diese maximale Ambition? Eher aus den USA oder aus München?

„Ich glaube, dass beides ein Faktor ist. US-Amerikaner sind es gewöhnt, in fast allen Dingen die Besten zu sein. Egal, ob es im Basketball, American Football oder bei Olympischen Spielen ist. Daher will man in allem der Erfolgreichste sein. Ein ähnliches Denken gibt es beim FC Bayern. Dort ist man in fast jedem Spiel der Favorit. Da wäre es falsch, wenn man nur mitspielen will. Würden wir in dieser Saison erneut in der Europa League spielen, wäre wieder der Titel mein Ziel. Das bin ich, das steckt in meiner DNA. Wenn ich an einem Wettkampf mitmache, will ich ihn gewinnen und nicht nur daran teilnehmen. Ich träume groß.“

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