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AKADEMIE
01.08.2021

TSG nimmt Julius Hirsch Preis entgegen

Eigentlich hätte der Julius Hirsch Preis 2020 bereits im Herbst 2020 in Frankfurt der TSG Hoffenheim übergeben werden sollen. Die Corona-Pandemie machte den geplanten Feierlichkeiten allerdings einen Strich durch die Rechnung. In dieser Woche wurde der Termin nun nachgeholt – in Hoffenheim und mit prominenten Besuchern.

Die Umkehrung des Veranstaltungsorts hatte etwas Positives. So konnten sich die Mitglieder der Preisjury – Andreas Hirsch, Enkel des 1943 in Auschwitz ermordeten Julius Hirsch, und Eberhard Schulz, Sprecher der Initiative „!Nie wieder“ – direkt vor Ort ein Bild über jenes Projekt machen, das sie selbst ausgezeichnet hatten: Der 18-minütige Kurzfilm „Zahor – Erinnere dich“, ein Gemeinschaftsprojekt der TSG-Akademie und von Centropa Deutschland, einem internationalen Verein zur Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens. Der 2018 in deutscher, hebräischer und englischer Sprache veröffentlichte Film erzählt die Geschichte der beiden Hoffenheimer Holocaust-Überlebenden Heinz (Menachem) und Manfred (Fred) Mayer. Sprecher des Films ist Ilay Elmkies (21), der aktuell an Admira Wacker Mödling ausgeliehene israelische Nationalspieler der TSG Hoffenheim, der zum Zeitpunkt der Aufnahmen 18 Jahre jung war.

Projektkoordinator und entscheidender Impulsgeber für dieses Projekt war Michael Heitz, Geschichtslehrer an der Sinsheimer Albert-Schweitzer-Schule, die eng mit der TSG kooperiert. Gemeinsam mit dem Verein Jüdisches Leben Kraichgau e.V. haben sich vor knapp zehn Jahren Jugendmannschaften der TSG mit der bewegenden Biografie des Brüderpaars auseinandergesetzt und unter anderem den Menachem-und-Fred-Wanderweg in Erinnerung an die jüdische Geschichte der Region gestaltet. Und so war es sehr passend, dass der Tag der Verleihung am Bahnhof in Hoffenheim mit einer von Heitz kommentierten Begehung eines Teilstücks dieses Wanderwegs begann. Unterstützung erhielt der Geschichtslehrer von Michael Westram, dem stellvertretenden Ortsvorsteher Hoffenheims.

Elmkies sendet Grussbotschaft

Zu den geladenen Gästen gehörten neben den beiden Jury-Mitgliedern Hirsch und Schulz auch BFV-Vizepräsident Rüdiger Heiß (für den DFB) sowie Vertreter der Organisationen, die zur Entstehung dieses Films entscheidend beigetragen haben, also der Dietmar Hopp Stiftung (Meike Leupold), von Anpfiff ins Leben (Vorsitzender Dietmar Pfähler, Katharina Plein), der Albert-Schweitzer-Schule (Schulleiter Oliver Frank, Lehrerin Ronja Baumgärtner) und der Centropa (Ninja Stehr), des Zentrums zur Erforschung und Dokumentation jüdischen Lebens in Ost- und Mitteleuropa.

Der Protagonist des Kurzfilms konnte leider nicht anwesend sein, sendete aber eine Videogrußbotschaft in den Kraichgau: „Ich freue mich sehr für alle, die bei diesem tollen Projekt mitgemacht haben, dass wir mit dem Julius Hirsch Preis ausgezeichnet worden sind“, so Ilay Elmkies aus Wien. „Ich hoffe, dass das noch viele Menschen motivieren wird, die Geschichte von Menachem und Fred und den Juden aus Hoffenheim zu erzählen und sich gegen Diskriminierung einzusetzen.“

TSG-Interimspräsident Kristian Baumgärtner begrüßte schließlich die Gäste zum offiziellen Teil im Dietmar-Hopp-Stadion, zu dem auch der Leiter der Akademie Jens Rasiejewski erschienen war, und gab einen kurzen Überblick über die jüngere Geschichte der TSG. Bevor er die Urkunde des DFB entgegennahm, überließ er das Rednerpult den Herren der Jury. „Das Kooperationsprojekt der TSG-Akademie mit Partnern aus der Zivilgesellschaft ist vorbildhaft“, lobte der Jury-Vorsitzende Schulz. „Die Originalität des pädagogischen und gesellschaftspolitischen Ansatzes sowie die historische und methodische Tiefe des Projekts sind anerkennend herausgestellt und die jüdische Lokalgeschichte und Kultur der interessierten Öffentlichkeit als ein generationenübergreifender Schatz nahegebracht worden. Der vor vielen Jahren eingeschlagene Weg zur Auseinandersetzung mit der jüdischen Geschichte der Region Kraichgau und mit den Schicksalen seiner jüdischen Bürger wird in diesem Film einfühlsam erzählt.“

Andreas Hirsch lobt beispielhaftes Projekt

Die Judenverfolgung unter dem Nazi-Regime ist ein Teil der deutschen Geschichte, der so schrecklich und unvorstellbar ist, dass man ihn aus heutiger Sicht nicht begreifen kann. Vielleicht ist auch genau das der Grund, warum er von jüngeren Generationen verdrängt wird. Für Andreas Hirsch, dessen Großvater Julius in Auschwitz ermordet wurde und dessen Vater und Tante in Theresienstadt (heute: Terezín, Tschechische Republik) von der Roten Armee befreit wurden, ist daher die Aufklärung und Ermahnung gegen das Vergessen ein besonders wichtiges Anliegen.

„Ich habe 1982 mein Abitur am Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe gemacht und hatte Leistungskurs Geschichte“, so Hirsch, der mit dieser Erinnerung eine niederschmetternde Anekdote verknüpft: „Ich werde nicht vergessen, dass mein Geschichtslehrer uns bei der Vorbereitung zur Abiturprüfung auf die Frage, welches Thema wir besonders vorbereiten sollten, vor unserer Klasse gesagt hat: Vor dem Nationalsozialismus warne ich, da machen Sie nur Judenverfolgung bis zur Vergasung.“ Stille im Veranstaltungsraum des Dietmar-Hopp-Stadions. „Der Nationalsozialismus ist kein ‚Vogelschiss der deutschen Geschichte‘, sondern ein Staatsverbrechen ohnegleichen, der uns für immer begleiten wird und bekämpft werden muss“, fuhr Hirsch fort. „Unsere Pflicht ist es, aus der Geschichte zu lernen und aktiv gegen eine mögliche Wiederholung vorzugehen. Das haben Sie mit Ihrem Filmprojekt und dem Menachem-und-Fred-Wanderweg beispielhaft geleistet“, lobte er die TSG-Akademie und die Projektbeteiligten. Bildung sei die Grundlage für Prävention, jede Generation müsse von den Verbrechen der Nazis und ihrer Millionen Helfershelfer erfahren.

„Zahor“ als wichtiger Teil des Geschichtsunterrichts

Als Vertreterin der Centropa war Ninja Stehr aus Hamburg nach Hoffenheim gekommen. „Der Film wird aktuell in 15 Ländern im Geschichtsunterricht eingesetzt, teilweise sogar mit Untertiteln in der jeweiligen Landessprache“, hob sie die Relevanz, die „Zahor“ in der schulischen Aufklärungsarbeit bereits erreicht hat, hervor. Lobende Worte fand auch DFB-Vertreter Rüdiger Heiß: „Wir sind stolz, hier in der Region einen Verein zu haben, der diese Erinnerungskultur auf diese außergewöhnliche Art und Weise pflegt. Wir als Verband und die Vereine haben die Aufgabe, das ‚Nie wieder‘ weiterzutragen“, sagte Heiß.

Bevor die knapp drei Stunden währende Veranstaltung bei einem kleinen Büffet und einem lockeren Austausch der Beteiligten ihr Ende fand, verteilte Kristian Baumgärtner noch Gastgeschenke in Form einer Flasche TSG-Wein und eines TSG-Trikots mit der Rückennummer 10.

Über den Julius Hirsch Preis

Mit der Stiftung des Julius Hirsch Preises erinnert der DFB seit 2005 jährlich an den deutsch-jüdischen Fußball-Nationalspieler Julius Hirsch (1892-1943) und an alle, insbesondere die jüdischen Opfer, des nationalsozialistischen Unrechtsstaates. In besonderer Weise erinnert er damit an die verfolgten Menschen, für die der Fußball Freude, Aufgabe und Heimat war.

Der DFB gedenkt so seiner jüdischen Mitglieder und erinnert an ihre vielfältigen und prägenden Verdienste im deutschen Fußball. Er stellt sich seiner Geschichte und seiner Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus. "Nie wieder" heißt das Zeichen, das der DFB mit der Stiftung des Julius Hirsch Preises setzt. Er will damit einen Beitrag zur Stärkung der Zivilgesellschaft leisten, in der Demokratie, Menschenrechte sowie der Schutz von Minderheiten unveräußerliche Werte sind.

Ausgezeichnet werden Personen, Initiativen und Vereine, die sich als Aktive auf dem Fußballplatz, als Fans im Stadion, im Verein und in der Gesellschaft beispielhaft und unübersehbar einsetzen.

Hier geht es zum Kurzfilm Zahor.

Hier geht es zu einem Beitrag der Sport-Reportage vom Frühjahr 2019 mit Ilay Elmkies.

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