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SPIELFELD
18.08.2021

Hoeneß: „Wir sind gierig auf Erfolg”

Sebastian Hoeneß, 39, geht in seine zweite Saison als Cheftrainer der TSG Hoffenheim. Seine erste Spielzeit auf der Trainerbank war geprägt von immensen Herausforderungen – Corona, Verletzungen und dem Start in drei Wettbewerben. Im Interview mit SPIELFELD zieht der 39-Jährige Bilanz einer aufregenden Debütsaison, spricht über Momente der Frustration und seinen Job als Krisenmanager ebenso wie über neue Energie und den Siegeshunger seines Teams.

Herr Hoeneß, Ihre erste Dienstreise als TSG-Coach führte Sie im Sommer 2020 ins Trainingslager nach Rottach-Egern. Genau dorthin, wo Sie die Mannschaft nun, im Juli 2021, wieder auf die Saison vorbereitet haben. Wie sehr unterschied sich das Jahr 2021 am Tegernsee vom Start 2020?

„Das fängt bei den praktischen Dingen an. Als wir vor einem Jahr ins Trainingslager gefahren sind, kannte ich außer meinem Co-Trainer erstmal keinen. Und ein Job- und Ortswechsel bedarf immer einer Eingewöhnungszeit. Dann arbeitet man von Tag eins einfach los und lernt sich dabei kennen, das ist schon ein gewaltiger Unterschied zu dieser Saison. Es gibt zwar in jeder Saison Umstrukturierungen und Optimierungen, ein paar neue Gesichter, aber diese Sich-aneinander-gewöhnen- Phase, die spart man sich. Das war nun ein gutes Gefühl, weil das Eingewöhnen viel Energie gekostet hat. Vor dieser Spielzeit war es deshalb ein immenser Vorteil, dass ich meine Energie den Kernaufgaben widmen konnte. Zudem haben wir auch in anderen relevanten Dingen ein viel höheres Ausgangsniveau. Das ist gut, das spüre ich jeden Tag, weil wir dieses Jahr einfach da anknüpfen konnten, wo wir aufgehört haben und nicht alles neu erfinden mussten.“

Nun starten Sie mit einer weitgehend unveränderten Mannschaft in die zweite gemeinsame Saison. Wofür soll das Team stehen?

„Wir wollen aktiv spielen, Dominanz und Dynamik zeigen. Dominanz heißt, einen ballbesitzorientierten Ansatz mit einer dynamischen Komponente zu verbinden, also immer wieder in die Tiefe zu kommen. Die Umschaltphasen sind extrem wichtig, nach vorn verteidigen, den Ball gewinnen und dann direkt Richtung Tor. Gegen den Ball bedeutet Dominanz, früh zu attackieren und den Ball zurückzuholen – auch dafür brauchst du Dynamik. Das war vergangene Saison schon unser Ziel, aber nun haben wir viel bessere Möglichkeiten, dies auch gezielt zu trainieren. Und dann sieht es von der Tendenz ungefähr so aus, wie es die letzten sieben Spiele in der Rückrunde ausgesehen hat.“

Auch die Frage „Wie vermeide ich einen frühen Rückstand?“ dürfte auf der Agenda stehen.

„Das ist ein wichtiges Thema, dem wir uns widmen: Wie starten wir besser ins Spiel? Das macht man nicht einfach mal anders, man muss erst einmal das Bewusstsein dafür haben und dann die Sinne dafür schärfen. Wir haben in der Vorbereitung zum Beispiel in Trainingseinheiten mittels Provokationen daran gearbeitet: Wir haben oft drei Mal zehn Minuten gespielt, in den ersten drei Minuten zählen Tore doppelt. Das sind Dinge, denen wir uns intensiv widmen. Und eher nicht, acht verschiedene Systeme zu spielen.“

Um im Training bestmöglich arbeiten zu können, möchten Sie eine „leistungsbereite Gruppe“ zusammenstellen. Wie sieht diese aus?

„Eine funktionierende Gruppe ist elementar, um Leistung bringen zu können. Und wenn die Einsatzchance gleich Null ist, sinkt die Leistungsbereitschaft. In jedem Team, in dem nur Jungs sind, die das Gefühl haben: ‚Wenn ich gut trainiere, dann spiele ich‘, entsteht eine Energie. Und wenn nur einer dabei ist, der weiß, dass er nicht mehr gebraucht wird, dann belastet das die positive Energie. Das gilt es zu verhindern.“

Jeder Spieler soll demnach wichtig werden können für das Team.

„Das ist ja das Schöne am Mannschaftssport und speziell am Fußball. Durch Spiel- oder Saisonverläufe, aber natürlich auch taktische Überlegungen oder leider auch Verletzungen und im aktuellen Fall Krankheiten ändert sich im Gefüge stets einiges und es kommt der Zeitpunkt, wo Spieler aus der zweiten Reihe die Hand heben und zeigen können: ‚Hey, ich möchte da auch rein und ich habe mir eine Chance verdient.‘ Das war schon immer das Spannende. Und hier ist jeder Spieler herzlich willkommen, sich in den Vordergrund zu spielen.“

Eine Chance gerade auch für junge Spieler.

„Auf jeden Fall. Dass so eine Geschichte wie die von Marco John passiert, ist nicht alltäglich und auch den besonderen Umständen geschuldet. In einer anderen Saison hätte er diese wichtige Rolle im Team wohl nicht so schnell übernehmen müssen und sich auch nicht so präsentieren können. Und plötzlich nimmt man einen, der eigentlich ein totaler Rookie war, als gestandenen Spieler wahr. Marco hat sich das erarbeitet. Er hat die Chance unverhofft bekommen, und sich diesen Platz dann genommen. In David Raum bekommt er nun neue und starke Konkurrenz, das wird beiden guttun – und vor allem der TSG. Zumal Marco vom Kopf her ein sehr klarer Spieler ist und seine Situation realistisch einschätzen kann und ebenfalls jemand, der immer spielen will und alles dafür tut.“

Der angesprochene David Raum ist im Sommer U21- Europameister geworden und hat Deutschland bei den Olympischen Spielen in Tokio vertreten. Welche Rolle trauen Sie ihm zu – und ab wann?

„Wir haben ihn geholt, weil er uns helfen kann und hoffen, dass er das so schnell wie möglich tut. Es war wichtig, Jungs zu holen, die auch eine gewisse Mentalität mitbringen. Ermin Bičakčić und Benni Hübner fehlen uns ja noch. Spieler, die hart verteidigen und vorangehen können, helfen uns da sehr. Bei allen Neuzugängen war es uns wichtig, dass sie lern- und leistungsorientiert sind. Wir wollen gierig sein – um uns weiterzuentwickeln und etwas zu erreichen.“

Sie selbst belegen nach 35 Spielen auf der Bundesliga-Trainerbank statistisch bereits einen Spitzenplatz: Von den 16 Bundesligisten, welche schon 2020 in der Liga waren, werden nur vier Klubs mit dem gleichen Trainer in die neue Saison gehen. Christian Streich, Urs Fischer, Pellegrino Matarazzo – und Sie. Was sagt das über die Volatilität des Geschäfts aus – und vielleicht auch über die Qualität der TSG Hoffenheim?

„Schnelllebiger geht es ja kaum noch, das wird deutlich. Und das vergangene Jahr hat sicher auch nicht immer das beste Licht auf die Trainerbranche geworfen. Auf der anderen Seite hat die TSG als Klub gezeigt, dass es das Ziel ist, langfristig etwas aufzubauen. In der vergangenen Saison konnte es aufgrund der Umstände nur darum gehen, die aktuelle Situation zu bewältigen. Das haben wir getan. Wir haben die Ruhe nicht verloren und daraus kann Kraft entstehen. Ich bin auch überzeugt, dass es wichtig ist, Kontinuität zu haben innerhalb des Klubs, um nachhaltig Dinge zu entwickeln.“

Ein Blick zurück: Sie haben sich als Bundesliga- Novize vor ihrer ersten Saison sicher auch Gedanken gemacht, wie groß der Sprung tatsächlich sein wird.

„Dass der Unterschied groß wird, war mir ja klar. Es gibt zusätzliche Aufgabenfelder wie Medienarbeit oder den deutlich größeren Staff, durch den man noch viel mehr in eine Führungsrolle rückt. Und es macht natürlich einen enormen Unterschied, mit Spielern zu arbeiten, die schon gewisse Erfahrungen auf höchstem Niveau gemacht haben. Das sind sicher signifikante Unterschiede zu der Arbeit in der 3. Liga. Was am Ende aber gleichbleibt, ist das Spiel an sich: Die Spielphasen, über die man sich Gedanken machen muss, bleiben von der U19 bis zur Bundesliga unverändert.“

Sie hat es in der abgelaufenen Saison aufgrund der Umstände aber besonders hart getroffen.

„Ich musste einfach permanent auf Situationen reagieren, die vorher nicht planbar waren. Insbesondere in einer Saison, die durch die Corona-Pandemie geprägt war, die später anfing, aber dennoch zum gleichen Zeitpunkt endete – und wir hatten noch die zusätzlichen Aufgaben in der Europa League zu bewältigen und somit sehr viele Spiele in wenigen Wochen. Wenn dann – wie bei uns geschehen – noch unzählige Verletzungen und Erkrankungen hinzukommen, wird man plötzlich zum Krisenmanager.“

Mit neuem Aufgabenprofil.

„Ich musste schnell lernen, auf Dinge zu reagieren, trotzdem lösungsorientiert zu denken, positiv bleiben und nach vorn schauen. Das war das Entscheidende. Und ich glaube, das war schon auch etwas Besonderes: Gleich in der ersten Saison dies alles zu erleben, das war ein Einstieg von Null auf Hundert. Schneller geht es nicht, ich wurde ins kalte Wasser geworfen und musste mich freischwimmen. Das haben wir auch als Klub getan und das sind Erfahrungen, die uns in dieser Saison helfen werden. Wir wissen, dass wir Krisen bewältigen können und hoffen aber dennoch, dass wir sorgenfreier durch die neue Spielzeit kommen und wir aus der Rolle des Krisenmanagers in die des Entwicklers wechseln.“

Gab es aufgrund der vielen Rückschläge irgendwann mal Phasen der Frustration?

„Die gab es zwischendurch, glaube ich, im gesamten Klub. Durch das Corona-Thema gab es überhaupt keine Blaupausen, in denen wir mal einfach Dinge abarbeiten konnten. Das Jahr war sehr, sehr fordernd und, ja, eine sehr, sehr große Herausforderung. Aber am Ende kann ich sagen: Wir haben alle Prüfungen gemeistert.“

Sie haben der TSG-Saison in einem Interview mit der Heilbronner Stimme die Schulnote „2- oder 3+“ gegeben. Was hat rückblickend gefehlt, um eine bessere Note zu erreichen?

„Das ist schwer zu sagen. Erstens bin ich ein demütiger Mensch, ich würde mir wahrscheinlich ohnehin nie eine besonders gute Note geben. Und du kannst dir ja keine Eins geben, wenn du Elfter wirst, auch wenn man diese Saison nicht nach normalen Standards bewerten kann. Man muss die Rahmenbedingungen miteinbeziehen, das ist die Kunst. Und da sage ich am Ende, auch mit dem finalen Schlussspurt mit sieben Spielen ohne Niederlage, nachdem es zwischenzeitlich eng wurde: Wir können schon auch stolz sein. Was wir trotz der Umstände geleistet haben, ist positiv zu bewerten. Es haben fast durchgängig zehn oder mehr Spieler gefehlt. Das sind keine Entschuldigungen, aber natürlich hat es Auswirkungen, wenn wir nur ein einziges Mal in der Saison mit derselben Startelf nacheinander ins Spiel gehen können. Doch auch da darf man sich nicht hinstellen, jammern und sagen: ‚Ja gut, wir konnten ja gar nichts dafür.‘ So einfach machen wir es uns nicht.“

Einige Spieler haben jetzt schon öffentlich bekundet: ‚Wir wollen wieder oben angreifen. Wir waren unzufrieden mit Platz 11.‘ Wie würde es der Trainer Sebastian Hoeneß formulieren?

„Grundsätzlich kann ich mich mit der Aussage identifizieren. Aber für mich als Trainer ist der Prozess interessant. Es reicht nicht, einfach nur ein Ergebnisziel zu formulieren, das zwölf Monate weg liegt. Deswegen bin ich immer dafür, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, die Dinge, die du in der Hand hast, gut zu machen – zum Beispiel das Verhalten bei Standards, den Willen zu zeigen, das Tor hart zu verteidigen. Das macht Ziele dann greifbarer und hilft dir dann auch, etwas zu entwickeln. Damit erhöhst du die Wahrscheinlichkeit, am Ende erfolgreich zu sein. Aber grundsätzlich sind wir ehrgeizig, ambitioniert und wollen das Maximale rausholen. Auch ich habe den Anspruch, oben anzugreifen – das heißt, die Klubs, die eigentlich finanzstärker sind, zu ärgern und auch den ein oder anderen hinter sich zu lassen. Diesen Ehrgeiz und diese Ambition, die brauchen wir – und die habe ich auch.“

Sie haben eine ganze Menge Druck gespürt, da braucht es Rückgrat, um die Ruhe zu bewahren.

„Du brauchst ein dickes Fell, ohne Frage, und darauf wirst du auch nicht richtig vorbereitet. Es gab schon Phasen, die waren sehr intensiv und trotzdem besitze ich die Fähigkeit, mich selbst nicht zu verlieren. Möglicherweise ist es auch ein Teil meiner Persönlichkeit, in solchen Phasen ruhig zu bleiben. Wir im Trainerteam haben es, natürlich mit Unterstützung des Klubs, dann geschafft, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren.“

Aber auch ein betont ruhiger Sebastian Hoeneß muss doch mal ins Grübeln geraten?

„Natürlich kenne ich den ersten Impuls, wenn ich teils bösartige Kritik lese oder höre: Boah, Wahnsinn. Dann geht es mal hier kurz in die Magengrube rein, wenn du Dinge liest, die sachlich nicht stimmen. Da hast du ein Unrechtsbewusstsein und weißt nicht genau, wohin damit. Aber ich habe verstanden: Das Einzige, was wir machen können, ist zu versuchen, sportlich erfolgreich zu sein. Und so lange gilt es, Ruhe zu bewahren.“

Wie gelingt Ihnen das?

„Ich habe eine intakte Familie. Und natürlich hilft das, einfach nach Hause zu kommen und da einen sicheren Hafen zu haben, um zu erkennen: Alles klar, am Ende ist es jetzt doch nur ein Beruf, es ist ein Sport und es gibt Schlimmeres. Aber das sind innere Prozesse und vielleicht besitze ich so eine innere Gelassenheit oder Sicherheit, zu sagen: Egal, was kommt, alles wird gut.“

Die große, öffentlichkeitswirksame Abrechnung ist offenbar nicht Ihr Ding.

„Ich mache etwas eben nicht in der und für die Öffentlichkeit, weil ich das einfach populistisch finde und es aus meiner Sicht nur eine kurze Wirkung entfacht. Natürlich war bei uns, etwa nach dem Mainz-Spiel (1:2 am 21. März; d. Red.) intern alles andere als Friede, Freude, Eierkuchen. Da wurde es schon ein bisschen rauer, aber halt auf eine authentische Art und Weise. Da war dann einfach Zug drin und das Pech, das wir vorher hatten, das hat sich dann gegen Leverkusen und in Leipzig auch ins Positive gedreht.“

Mit dieser positiven Erfahrung und zuletzt sieben Bundesliga-Spielen ohne Niederlage gehen Sie in die neue Spielzeit.

„Ich möchte das Team, uns alle, jetzt einfach nur entwickeln und dann geht das Ding in die richtige Richtung. Davon bin ich zutiefst überzeugt. Du merkst den Jungs täglich an: Es sind Siegertypen und sie haben Bock zu gewinnen. Und wenn sie plötzlich merken, da geht jetzt was, dann wird dieser Hunger immer größer. Darauf arbeiten wir jetzt hin. Wir sind gierig auf den Erfolg.“ 

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