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SPIELFELD
30.03.2021

„Ich habe viel positive Energie in mir“

Kasim Adams lacht gern und viel. Auch während des SPIELFELD-Gesprächs ist der 25-Jährige bester Laune. Die positive Lebenseinstellung des Ghanaers ist nicht selbstverständlich, in seiner Jugend hat er durch den Tod seiner Mutter einen schweren Schicksalsschlag erlitten und auch die ersten Monate als Teenager in Europa haben an ihm gezehrt. Rückblickend halfen ihm die Erlebnisse jedoch dabei „ein sehr starker Mann mit einem sehr starken Charakter“ zu werden. Im großen Interview spricht der Innenverteidiger über einen richtungsweisenden Positionswechsel, die Kraft, die er aus der schwierigsten Zeit seines Lebens schöpfte und die Veränderungen bei der TSG nach der Rückkehr aus Düsseldorf.

Kasim, vor rund sieben Jahren veränderte ein Spiel gegen die Junioren von Real Madrid Deine Karriere. Denkst Du heute noch manchmal an den denkwürdigen Tag zurück, der aus Dir einen Innenverteidiger machte und Deinen Weg in den Profifußball ebnete?

„Ja, denn dieses Spiel beeinflusste meine Laufbahn wie kein anderes. Es war ohnehin eine sehr intensive Zeit, denn ich war erst ein Jahr zuvor aus Ghana zum spanischen Klub Leganés gewechselt. Bis zum Spiel gegen Real Madrid hatte ich in meiner Heimat, in der Jugend-Nationalmannschaft und in Spanien immer im Mittelfeld als Sechser gespielt. Dann bekam unser Innenverteidiger im Spiel gegen Real nach 15 Minuten die Rote Karte und ich rückte nach hinten. Zufällig war bei dem Spiel ein Scout aus Mallorca, der einen Verteidiger suchte. Er kam auch zu unserer nächsten Partie, in der ich aufgrund der Sperre meines Teamkollegen wieder Innenverteidiger spielte. Ich gefiel dem Scout – und wechselte im Januar 2014 als Abwehrspieler nach Mallorca und wurde auf dieser Position Fußballprofi.“

Du hast Deinen Umzug von Ghana nach Spanien erwähnt. Es war das erste Mal, dass Du Afrika verlassen hast. Wie waren die Anfangsmonate in der ungewohnten Umgebung für Dich?

„Es war eine sehr schwierige und auch sehr schmerzhafte Zeit. Kurz nachdem ich nach Spanien gereist war, verstarb meine Mutter. Ich hatte noch all die Trauer in mir und musste dann allein auf einem fremden Kontinent damit fertig werden. Aber ich war bereits ein Mann und es gab niemanden außer meinem Vater, der für meine Familie kämpfte. Mir bot sich diese unglaubliche Chance, die ich nicht verstreichen lassen wollte. Also zog ich los, ließ meine Familie in dieser schwierigen Zeit allein und begann alles dafür zu tun, ihr durch meine Arbeit zu helfen.“

Wie hast Du diese harte Zeit überstanden?

„Obwohl es eine der schwierigsten Phasen meines Lebens war, hat sie mich letztendlich nur stärker gemacht. Hätte ich meine Mutter nicht verloren, hätte ich nicht so ausgeprägt das Gefühl entwickelt, den Menschen etwas zurückgeben zu wollen. Mir wurde nach ihrem Tod sehr geholfen. Das hat bei mir das Gefühl geweckt, den Menschen in meiner Gemeinde und Heimat auch zu helfen und etwas zurückzugeben. Denn ja, es gibt viele Leute da draußen, die Hilfe benötigen. Wir alle wissen, dass das Leben in Afrika nicht einfach ist. Manchmal sieht man Kinder, die jemanden im Leben haben möchten, der für sie kämpft. Aber sie sind allein. Ich versuche sicherzustellen, dass ich so viel wie möglich zurückgebe und helfe, wo ich kann. Ich denke, dass alles hat mich zu einem sehr starken Mann mit einem sehr starken Charakter gemacht.“

Woher hast Du damals die Kraft für diese Entwicklung geschöpft?

„Ich habe alles gegeben, um meine Familie stolz zu machen. Zu Beginn habe ich mich in Spanien sehr allein gefühlt, ich hatte lange Zeit fast niemanden zum Reden. Ich war damals noch ein Teenager und auch das Wetter war eine große Umstellung für mich, da ich im Winter ankam. In den ersten drei Monaten wurde mein Charakter stark geprüft. Ich bin für Probetrainings mit dem Zug zu unterschiedlichen Vereinen gefahren. Rückblickend bin ich vor allem meinem Agenten Jose dankbar, der mich von Ghana nach Spanien gebracht hat und sich dort um mich gekümmert hat. Ich habe damals alles auf eine Karte gesetzt und glücklicherweise ist im Endeffekt alles gut gelaufen.“

Zu Hause in Ghana hat Dir in dieser Zeit Dein Vater den Rücken freigehalten und es Dir ermöglicht, den Fokus auf den Fußball zu richten ...

„Wir hatten ständig Kontakt und er hat mir gute Nachrichten aus der Heimat und von meiner Familie geschickt, die mich beruhigt und mir sehr geholfen haben. Das war sehr wichtig in dieser Zeit. Jose half mir in Spanien und besorgte mir einen Schulplatz, mein Vater unterstützte mich aus Ghana und auch mein Jugendtrainer war sehr wichtig für mich. Sie alle sorgten dafür, dass ich mich auf den Fußball konzentrierte und meine Zeit nicht für Dummheiten nutzte.“

Dein ehemaliger Jugend-Trainer Al-Hassan Sediu hatte Deine gesamte Laufbahn ebenfalls einen großen Einfluss auf Dich …

„Er ist mein absoluter Held, er bedeutet mir alles. Ich weiß gar nicht, wie ich unsere Beziehung in Worte fassen kann. Ich würde sagen, er ist mehr eine Vaterfigur für mich als mein Jugend-Coach. Wir sprechen bis heute nahezu jeden Tag miteinander. Er ist eine große Inspiration für mich, mein Ratgeber. Er unterstützt mich in jeder Situation, gerade wenn die Dinge nicht so gut laufen. Er weiß genau, wie er mich motiviert und hat mir dabei geholfen, ein vernünftiger Mann zu werden. Ich denke, ohne jemanden wie ihn hätte einiges schief gehen können in meinem Leben. Denn wir Fußballprofis verdienen übermäßig viel Geld und manchmal wissen wir gar nicht, was wir mit unserem Reichtum anfangen sollen. Vor allem wir afrikanischen Spieler neigen dazu, unsere neuen Möglichkeiten auszureizen. Dann brauchst du jemanden, der dich führt und dir den richtigen Rat gibt. Er hilft mir auch, mich gut auf die Zeit nach meiner Karriere vorzubereiten.“

Dein leiblicher Vater war von Deiner Entscheidung, Fußballprofi zu werden, hingegen lange Zeit nicht sonderlich angetan ...

„Er wollte, dass ich eine gute Ausbildung erhalte. ‚Du musst in die Schule, Du musst in die Schule, Du musst in die Schule' – das sagte er mir jeden Tag. Meine Mutter unterstützte mich zu tun, was ich in meinem Leben möchte und sagte oft: ‚Wir wissen doch nicht, was aus ihm werden kann. Wir sollten ihm die Chancegeben, Fußball-Profi zu werden.' Irgendwann hat sich mein Vater dann auch damit angefreundet. Er wusste ja auch, dass es nicht so viele Möglichkeiten gab, etwas zu erreichen. Er ist nun sehr stolz auf mich, aber früher haben wir oft gestritten, wenn ich vom Fußball erst spät nach Hause kam...“ (lacht)

 ... aber er hat Dich noch nie im Stadion spielen gesehen?

„Das stimmt. Ich versuche ihn davon zu überzeugen, aber bislang hat es noch nicht geklappt. Vielleicht endlich, wenn ich das nächste Mal mit der Nationalmannschaft in Ghana spiele. Aber ihn zu überzeugen ist nicht so einfach. Er will mich nicht auf der Bank sitzen oder verlieren sehen – oder hören, wie die Zuschauer über mich schimpfen. Ich sage ihm dann immer: ‚Das gehört zum Job. Du musst einfach sitzenbleiben, ruhig bleiben und dir das Spiel anschauen.' Aber bislang konnte ich ihn noch nicht überreden.“

Corona mal ausgeklammert, hätte er in Sinsheim sehr gute Chancen, Dich spielen zu sehen. In dieser Saison gehörst Du regelmäßig zur Startelf. Wie beurteilst Du die bisherige Saison für Dich persönlich nach der Rückkehr aus Düsseldorf?

„Ich wurde direkt am ersten Spieltag in Köln in die Anfangsformation berufen. Besonders wenn man von einer Leihe zurückkehrt, ist das ein sehr schönes Zeichen und ein super Auftakt. Danach habe ich hart gearbeitet, um möglichst viele Spiele für das Team zu absolvieren, unglücklicherweise kam dann meine Corona-Infektion dazwischen und ich musste ein wenig zurücktreten. Aber das ist okay, denn auch meine Teammitglieder haben es verdient, ihre Einsätze zu bekommen. Ich habe viel positive Energie in mir und hoffe auf viele weitere Einsätze bis zum Saisonende.“

Ebenso wie für Dich ist es auch für die TSG eine Saison mit Höhen und Tiefen. Was sind Eure Ziele in den verbleibenden Spielen?

„Vor allem die vielen Corona-Fälle haben das Team immer wieder geschwächt. Wir haben einige Spieler auf dem Platz und auf der Bank vermisst. Aber das sind Dinge, die wir kaum beeinflussen können, das wissen wir alle. Wir verbessern uns aber von Woche zu Woche, haben einige Spiele gewinnen können und gute Leistungen abgeliefert. Ich hoffe, wir kehren schon bald auf das Level zurück, auf das wir gehören.“

In der Vergangenheit hast Du Dich immer wieder sehr reflektiert über die Ablösesumme geäußert, die Hoffenheim 2018 für Dich überwiesen hat. Ist sie noch immer eine Zusatz-Motivation für Dich?

„Wenn jemand viel Vertrauen in dich setzt, dann möchte ich es bestmöglich zurückzahlen. Ich habe damals erfolgreich in der Schweiz gespielt, aber wenn ein Verein wie Hoffenheim auf dich zukommt, dann ist das ein großes Ding. Mit meiner Ablösesumme war ich damals ein sehr teurer Einkauf für die TSG. Deshalb war und ist es für mich wichtig, bestmöglich zu spielen und dem Klub so viel wie möglich zurückzuzahlen. Unglücklicherweise lief es dann im ersten Jahr nicht so gut, was für mich persönlich hart war. Ich hatte damals das große Bedürfnis, dem Team weiterzuhelfen. Aber so ist das manchmal im Leben. Ich denke, zurzeit habe ich wieder einen sehr guten Einfluss auf das Team. Sollte der Verein mich in Zukunft verkaufen wollen, möchte ich dem Klub mindestens meine Ablösesumme von damals wieder einbringen.“

Es hat sich rückblickend gelohnt, alles auf eine Karte zu setzen und den schwierigen Weg nach Europa zu wählen. Angenommen es hätte nicht geklappt wie erhofft – was würdest Du heute beruflich machen?

„Ich hatte keine großartigen anderen Pläne, aber eine weitere Leidenschaft. Ich weiß nicht, ob es für eine professionelle Karriere gereicht hätte, aber ich habe damals viel gesungen. Darin war ich auch sehr gut. Vielleicht wäre das meine andere große Chance gewesen.“ (lacht) 

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