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AKADEMIE
01.10.2020

Von der Bedeutung und Herstellung mentaler Gesundheit

Seit dem Freitod des ehemaligen deutschen Nationalspielers Robert Enke vor fast elf Jahren sind Themen, die sich mit dem hohen Druck im Fußball und dessen möglichen Folgen befassen, in den Fokus gerückt. Die TSG Hoffenheim hat auf diesem Gebiet eine Vorreiterrolle übernommen und wurde bereits mit mehreren Präventionspreisen ausgezeichnet. Ein Einblick in die Arbeit der Sportpsychologen, die die „mentale Gesundheit“ der Spieler im Blick haben.

Max Müller (Name geändert) klopft an die Tür, wenige Sekunden später bittet die Sportpsychologin Katharina Söhnlein den Mittelfeldspieler der U17 mit einem Lächeln in ihr Büro. Der Schreibtisch ist leer, die Wände kahl, es gibt keine Ablenkungen. Es geht nur um Max Müller. Fünf Tage die Woche haben die TSG-Talente die Möglichkeit, mit für sie relevanten Themen – sei es aus dem fußballerischen, dem schulischen, dem familiären oder dem sozialen Kontext – Einzeltermine bei der ausgebildeten Sportpsychologin wahrzunehmen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert psychische Gesundheit als „Zustand des Wohlbefindens, in dem der Einzelne seine Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv und fruchtbar arbeiten kann und imstande ist, etwas zu seiner Gemeinschaft beizutragen.“ Und genau darum geht es auch in der TSG-Akademie.

Nichts dringt nach aussen

Seit zehn Jahren führt das von Prof. Jan Mayer angeleitete Sportpsychologenteam der TSG zwei Mal pro Saison schriftliche Fragebögen mit allen Spielern von den Profis bis zur U9 durch. Es handelt sich um einen allgemeinen Stressverarbeitungsfragebogen und ein von Prof. Mayer entwickeltes und speziell auf den Fußball ausgelegtes Motivprofil. „Es geht dabei nicht darum, lediglich Schwachstellen zu identifizieren, sondern herauszufinden, in welchen mentalen Bereichen ich den Spieler unterstützen kann, sein Potential bestmöglich ausschöpfen zu können“, sagt Katharina Söhnlein, die sich um die Mannschaften U23 bis U17 kümmert. Die Teams von der U16 abwärts werden von Paul Ehmann, der von der U16 bis zur U19 selbst für die TSG-Akademie am Ball war, betreut.

In ihrer Sprechstunde im Leistungszentrum der TSG-Akademie hat Katharina Söhnlein bis zum Saisonstart alle Spieler mindestens einmal empfangen, um die Ergebnisse durchzugehen. Durch diese Gespräche baut die Psychologin eine soziale Beziehung zu den Jungs auf, die es ihnen erleichtert, bei Bedarf das Büro der 27-Jährigen aufzusuchen. Dann kann sie individualisiert und auf deren persönliches Anliegen zugeschnitten mit den Jungs arbeiten und maßgeschneiderte Interventionen durchführen. Darunter fallen unter anderem klassische Fertigkeiten und Techniken aus der Sportpsychologie, wie beispielsweise der Umgang mit Selbstgesprächen, Strategien der Emotionsregulation oder das Mentale Training. Nichts, was in diesem Büro besprochen wird, dringt nach außen.

„Entscheidend ist, dass die hohen Anforderungen, die hauptsächlich durch Schule und Sport an die Jungs gestellt werden, nicht deren Ressourcen übersteigen“, sagt Katharina Söhnlein. „Ansonsten müssen wir eine Strategie entwickeln, wie der Spieler mit dieser Situation besser umgehen kann.“ Eine häufige Ursache für Ungleichgewicht ist, dass ein Jugendlicher Probleme hat, mit Kritik umzugehen und sich deshalb viele Gedanken macht. Hier lautet etwa die Strategie, auch „Empowerment“ genannt, das Selbstwertgefühl weiter aufzubauen, damit weniger Zuspruch oder Lob zur Herstellung des Gleichgewichts nötig ist. „Kritik an sich ist ja nichts Schlimmes, sondern sollte als Chance begriffen werden, sich zu verbessern.“

Weniger verletzungsanfällig

Für Max Müller ist es gerade ein bisschen zu viel der Belastung. Der Druck auf dem Trainingsplatz, wichtige Prüfungen in der Schule, Probleme im Freundes- und Familienkreis. Ein konstruiertes Beispiel, das es aber im Berufsalltag Katharina Söhnleins schon mehrfach gegeben hat. „In diesem Fall haben wir gemeinsam einen Wochenplan erstellt, um die Vielzahl an Terminen besser zu strukturieren. Zusätzlich haben wir über die Entwicklung konstruktiver Selbstgespräche seine Form des Umgangs mit der belastenden Situation angepasst. Eine veränderte Interpretation und eine andere mentale Haltung in der Herangehensweise an eine Situation kann das seelische Gleichgewicht begünstigen.“

Die mentale, also psychische Gesundheit gilt in der Wissenschaft als Grundlage für die körperliche Gesundheit. Wer im Kopf frei ist, wird seltener krank und ist weniger verletzungsanfällig. Wobei die Menschen nach Auffassung des Soziologen Prof. Aaron Antonovsky, dem „Vater“ der Salutogenese (Konzept der „Gesundheitsentstehung“), nicht „entweder gesund oder krank“ sind, sondern sich in einem fortlaufenden Prozess von „gesund und krank“ befinden. Das macht die Arbeit der Sportpsychologen so spannend. Und vielfältig.

Katharina Söhnlein gehört, wie Paul Ehmann auch, zum erweiterten Trainerstab jener Teams, für die sie zuständig ist. Sie bekommt also die Spieler nicht nur in ihrem Büro zu Gesicht, sondern beobachtet sie auch im Mannschaftstraining und bei den Pflichtspielen, um durch bestimmte Verhaltensmuster eventuelle „Baustellen“ zu identifizieren. Im Bedarfsfall spricht sie den Spieler ein paar Tage später an und lädt ihn zu einem Gespräch ein.

Bei Max Müller hat es an diesem Wochenende keine Auffälligkeiten gegeben.

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