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08.08.2020

Sejad Salihović: Habe Deutschland mein zweites Leben zu verdanken

Mit 171 Bundesliga-Spielen für die TSG steht Sejad Salihović auf Platz drei der Hoffenheimer Bestenliste, nur Andreas Beck und Sebastian Rudy waren öfter im Einsatz. Seine 46 Tore werden nur von Andrej Kramarić übertroffen. Rechnet man seine Spielzeiten seit der Regionalliga dazu, belegt „Sali“ in beiden Kategorien Platz eins. Der 35-jährige Bosnier, der noch immer so etwas wie das „Gesicht der TSG“ ist und zu Ehren von Michael Jordan die Rückennummer 23 trug, hospitiert seit wenigen Tagen bei U17-Cheftrainer Kai Herdling. Im Interview mit tsg-hoffenheim.de spricht er unter anderem über die Flucht vor dem Bürgerkrieg, den Neuanfang in Berlin, die WM 2014 – und natürlich über die Elfmeter von Dortmund.

Sali, bevor wir auf Dein aktuelles Engagement zu sprechen kommen, erzähl uns bitte von Deiner Kindheit!

Sejad Salihović: Ich wurde in Loznica geboren, einer kleinen Stadt, die heute zu Serbien gehört, wuchs aber auf der anderen Seite des Flusses Drina im Dörfchen Gornji Šepak auf, das weniger Einwohner als Hoffenheim hat und im heutigen Bosnien-Herzegowina liegt.

Deine Familie musste Anfang der 90er Jahre wegen des jugoslawischen Bürgerkriegs fliehen. Welche Erinnerungen hast Du an diese Zeit?

Salihović: Erinnern kann ich mich weniger, ich war gerade mal sieben. Aber durch die Erzählungen meiner Eltern weiß ich vieles. Der Krieg hat ihr ganzes Leben verändert. Sie haben ihr Haus, das später von serbischen Soldaten eingenommen und bewohnt wurde, verlassen müssen. Wir hatten Glück, dass wir über Slowenien und Österreich nach Deutschland gekommen sind. Wären wir geblieben, hätten wir kaum überlebt. Das war für meine Eltern eine sehr schwierige Zeit, meine Mutter hat einige Verwandte im Krieg verloren, aber uns ist nichts passiert. Es ist traurig, was Politik alles anrichten kann. Das Haus haben wir uns mittlerweile zurückgeholt.

In Berlin habt ihr ein neues Leben aufgebaut…

Salihović: Wir haben viel Hilfe bekommen, doch es war nicht einfach. Ich konnte kein Deutsch, durfte aber zur Schule gehen und habe mich durchgeschlagen.

Inwiefern haben Dich diese Erfahrungen geprägt?

Salihović: Ich hatte das Gefühl, immer für alles kämpfen zu müssen. Das hat meinen Charakter auf gewisse Weise stärker gemacht. Irgendwann wollten uns die Behörden zurückschicken, da war ich schon bei Hertha BSC. Dieter Hoeneß, der damals Manager war, ist mit mir zur Ausländerbehörde gefahren und hat sich für mich und meine Familie eingesetzt. Mit 18 wurde ich schließlich Profi.

Stimmt es, dass Du erst mit elf, zwölf angefangen hast, Fußball zu spielen?

Salihović: Das ist korrekt. Wir wurden vom Sozialamt hin und hergeschoben, wohnten mal in Lichterfelde, dann die längste Zeit in Charlottenburg. Mein älterer Bruder Mirza hat mich dann mal zu Minerva 93 mit ins Training genommen, wo ich zunächst in der 2. E-Jugend spielte. Ich wechselte später zu Hertha 03 Zehlendorf und kam mit 15 zu Hertha BSC ins Internat, wo ich mir mit Patrick Ebert ein Zimmer teilte. Danach ging alles ganz schnell.

Du warst sogar auf dem Sprung in die deutsche Junioren-Nationalmannschaft!

Salihović: Ja, ich habe mit Jungs wie Bastian Schweinsteiger und Piotr Trochowski an DFB-Lehrgängen teilgenommen. Weil ich aber keinen deutschen Pass bekommen habe, habe ich keine Länderspiele bestritten und mich dann in der U21 für Bosnien-Herzegowina entschieden.

Warum hat es für Dich bei Hertha nicht gereicht?

Salihović: Ich habe in der zweiten Mannschaft in der Regionalliga 14 Tore in der Hinrunde gemacht und unter Falko Götz mein Bundesliga-Debüt geben dürfen. Mit Spielern wie Josip Šimunić, Niko Kovač, Yıldıray Baştürk, Marko Pantelić oder Fredi Bobic war die Mannschaft aber top besetzt.

Du und Patrick Ebert wart Teil jener Clique, die als „Ghetto Kids“ bekannt wurde und deren Anführer die Gebrüder Boateng waren…

Salihović: Ashkan Dejagah und Änis Ben-Hatira gehörten auch dazu. Das waren fußballerisch unglaubliche Jungs. Sicher haben wir auch die eine oder andere Dummheit gemacht. Das Ghetto-Image stand uns schließlich im Weg. Unsere Wege haben sich dann irgendwann getrennt, jeder musste seinen eigenen gehen.

Deiner führte Dich 2006 nach Hoffenheim. Von Berlin in den Kraichgau, von der Bundesliga in die Regionalliga – war das nicht wie drei Gänge runterschalten?

Salihović: Als ich das erste Mal herkam, habe ich mich schon gefragt: Wo bin ich hier gelandet? Aber mir war schnell klar, dass es die richtige Entscheidung war. Ich bin ohnehin kein Stadtmensch und mag mehr die Ruhe, erst recht im Alter. Berlin ist eine sehr komplizierte Stadt, Hoffenheim hat mir gutgetan…

Zumal Du dann zwei Jahre später wieder in der Bundesliga warst!

Salihović: Wir sind von der Regionalliga in die Bundesliga durchmarschiert und wurden auch noch Herbstmeister., Eine unglaubliche Zeit. Das sind herausragende Erinnerungen.

Am legendären Nicht-Abstieg 2013 warst Du maßgeblich beteiligt, weil Du in Dortmund zwei Elfmeter eiskalt verwandelt und die TSG in die nicht mehr für möglich gehaltene Relegation geschossen hast. Was ging damals in Dir vor?

Salihović: Jürgen Klopp ist mit voller Kapelle gegen uns angetreten, obwohl es für sie um nichts mehr ging. Nach ein paar Minuten macht Lewandowski das 1:0 und eigentlich muss uns der BVB 4:0, 5:0 abschießen, doch zur Pause haben wir uns gesagt: Es steht nur 1:0, und wenn wir irgendwie einen machen, ist alles möglich.

Dann das Foul an Kevin Volland und der Elfmeterpfiff. Wie hoch war der Druck?

Salihović: Ich habe keinen Druck verspürt. Druck ist, wenn Väter um das Leben ihrer Familie fürchten müssen oder sie nicht wissen, wie sie sie ernähren sollen. Ein Elfmeter ist nur ein Elfmeter. Ich wollte gerade zur Bank gehen und sagen, dass ich schießen werde, da kam schon Roberto (Firmino) und gab mir den Ball. Dann habe ich ihn reingejagt. Scharf unter die Latte. Unhaltbar.

Und wenn er drüber geflogen wäre?

Salihović: Dann wäre er eben drüber geflogen. Beim zweiten Strafstoß war Kevin Großkreutz im Tor, weil Weidenfeller vom Platz geflogen war und Dortmund nicht mehr wechseln konnte. Ich habe nur gesehen, wie er hin und her springt, da habe ich den Ball Vollspann in die Mitte gehauen. Man muss aber auch sagen: Wir hatten in diesem Spiel alles Glück der Welt.

Dir heftete immer ein bisschen das Image das Hallodri an. Andererseits gab es mal ein TSG-internes Match Profis gegen U23, zu dem einige Spieler nicht im Vollbesitz ihrer Kräfte erschienen. Es endete 4:0 für die Bundesliga-Mannschaft. Tore: Vier Mal Salihović. Also doch ein Musterprofi?

Salihović: Ich war immer da, wenn es darauf ankam. Fußball war für mich nie ein Job, ich habe den Fußball geliebt. Du musst Spaß und Leidenschaft für dieses Spiel haben. Das ist, finde ich, ein bisschen verloren gegangen.

Wie meinst Du das?

Salihović: Es geht nur noch ums große Geld. Ich war neulich bei meinen Verwandten in Berlin und habe bei einem Jugendspiel zugeschaut. Was die Väter da alles reinbrüllen, ist unglaublich. Die Kinder sind nur noch Objekte und werden in den Blackout getrieben, weil alle nur noch die Kohle sehen. Dann kommen die ganzen Schulterklopfer und die sozialen Medien dazu, auf denen sich alle so früh wie möglich zu vermarkten versuchen, bevor sie überhaupt etwas erreicht haben. Das lässt sich alles nicht mehr aufhalten, gut finde ich es aber nicht. Habt einfach Spaß am Fußball und lasst euch nicht so viel ablenken!

Als Hospitant in der TSG-U17 kannst Du diese Werte nun selbst vermitteln. Wie kam es zu diesem Engagement?

Salihović: Ich wohne in Frankenthal und fühle mich in der Region wohl. Also habe ich Kai (Herdling) gefragt, ob er sich das vorstellen kann, dass ich bei ihm hospitiere. Toll, dass er so offen war. Ich habe der TSG viel gegeben und die TSG mir. Daher freue ich mich, hier etwas Neues ausprobieren zu können.

Und wie sind Deine ersten Eindrücke?

Salihović: Es macht Spaß, aber ich gebe zu, dass ich es mir anders vorgestellt habe. Der Jugendfußball von heute ist mit dem aus meiner Jugend nicht mehr zu vergleichen. Die Jungs sind so schnell und haben für ihr Alter eine sehr hohe Qualität. Das hat mich wirklich überrascht.

Sehen wir Dich bald als Cheftrainer?

Salihović: Das weiß ich noch nicht. Deshalb mache ich das ja, um zu sehen, ob das etwas für mich wäre.

Stichwort Cheftrainer: Wer hat Dich am meisten geprägt?

Salihović: Ralf Rangnick. Mit ihm war es nicht einfach, er hat sehr viel gefordert und wir hatten vier Mal die Woche eine Auseinandersetzung. Aber diese Auseinandersetzungen haben mich weitergebracht und ich bin froh, bei ihm in Hoffenheim geblieben zu sein. Rangnick hat mir den Unterschied zwischen bloßem Talent und professionellem Verhalten gezeigt. Und er war immer ehrlich, das habe ich an ihm geschätzt. Wenn Du zu den Spielern ehrlich bist, ziehst Du die Mannschaft auf Deine Seite, und das ist das A und O für jeden Trainer.

Du wurdest in Hoffenheim zum Nationalspieler Bosnien-Herzegowinas…

Salihović: Für die Nationalmannschaft zu spielen war eine großartige Erfahrung, es hat mich meinem Land, meiner Sprache und meiner Kultur wieder nähergebracht. Ich habe dort viele Dinge gesehen, die der Krieg angerichtet hat und die sehr traurig sind. Ich hatte großes Glück, dass mir durch den Fußball dieses Leben ermöglicht worden ist.

Du hast Dich mit den „Goldenen Lilien“ für die WM 2014 qualifiziert und bist nach Brasilien geflogen. Erzähle uns davon!

Salihović: Ich habe mich zehn Tage vor der WM in der Vorbereitung an der Wade verletzt. Miralem Pjanić, der bei der AS Roma spielte, hat seinen Klub-Physio einfliegen lassen und der hat einen richtig guten Job gemacht, aber ich konnte nicht sprinten. Beim ersten Spiel im Maracanã gegen Argentinien saß ich 90 Minuten auf der Bank. Da hat mein Herz geblutet. Die brasilianischen Zuschauer waren auf unserer Seite, es war ein super Gefühl. Gegen Nigeria und den Iran habe ich dann immerhin 30 und 15 Minuten spielen können. Klar hatte ich mir das anders vorgestellt, es war aber trotzdem ein tolles Erlebnis.

Lass uns abschließend noch ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern! Du warst selbst ein begnadeter Fußballer … aber welcher Deiner Weggefährten hat Dich am meisten begeistert?

Salihović: Marcelinho bei Hertha BSC. Dem konntest Du den Ball einfach nicht abnehmen. In Hoffenheim war es Carlos Eduardo, das war ein ähnlicher Typ. Wenn er Lust hatte, konnte ihn keiner aufhalten.

Wie kann es sein, dass ein Fußballer mit internationalem Top-Niveau „keine Lust“ hat?

Salihović: Was soll ich sagen, das sind Brasilianer. Wenn ein Trainer die wegen taktischer Dinge anschnauzt, machen sie dicht.

Wie würdest Du Sejad Salihović beschreiben?

Salihović: Ich bin ein Gewinnertyp, will immer gewinnen. Und ich bin ein hilfsbereiter Mensch. Meine Familie habe ich finanziell unterstützt, damit sie besser über die Runden kommt, denn sie hatte es nicht leicht. Natürlich habe ich auch Fehler gemacht und Geld ausgegeben für Dinge, die man nicht braucht. Aber ich bin älter geworden und heute sage ich, ich mag keine Prahler, die sich dicke Autos zulegen, um damit zu protzen.

Du hast eine elf Monate alte Tochter und einen zehnjährigen Sohn. Linksfuß?

Salihović: Ja, tatsächlich. Ich kicke manchmal mit ihm. Aber ich dränge ihn zu nichts, er soll machen was ihm Spaß macht. Lebensfreude ist der Schlüssel zum Erfolg.

Du hast mit Deiner linken Klebe einige Freistoß-Tore erzielt. Wie viele Extra-Schichten hast Du eingelegt?

Salihović: Ich hatte von Anfang an einen guten Schuss. Natürlich habe ich versucht, ständig besser zu werden, aber Freistöße konnte ich schon immer gut schießen.

Fühlst Du Dich eher als Bosnier oder als Deutscher?

Salihović: Ich fühle mich als Bosnier, weil ich die ersten Jahre meines Lebens dort verbracht habe und meine Familie aus diesem Land stammt. Aber ich lebe jetzt 30 Jahre in Deutschland und habe viele deutsche Eigenschaften übernommen wie Disziplin und Respekt. Ich habe Deutschland mein zweites Leben zu verdanken.

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