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SPIELFELD
23.07.2020

Vorsorge durch Vorhersage

Trainingsmethoden durch Virtual-Reality-Technologien finden einen immer breiteren Einsatz auf unterschiedlichen Feldern des Sports. Das TSG Research Lab arbeitet bereits seit längerem mit dieser zukunftsweisenden Technik. Die Hoffenheimer Profis nutzen das VR-Tool BE YOUR BEST, um die Antizipation von Spielszenen zu trainieren. Aber das TSG Research Lab unter der Leitung von Prof. Dr. Jan Mayer bietet sein Knowhow auch anderen Interessierten an. Deswegen ist ein sehr interessanter Austausch mit dem französischen Rugby-Club Atlantique Stade Rochelais zustande gekommen, in dem es darum geht, die Gesundheit der Spieler zu schützen.

Fußballspieler, die während der Partien sehr wachsam sind und ständig gucken, wo sich der Ball befindet, sind erfolgreicher als Mitspieler, die sich Aufmerksamkeitspausen nehmen. Eine solche Fähigkeit, ständig die Umgebung nach dem Spielobjekt förmlich zu scannen und gleichzeitig auch instinktiv zu analysieren, wo sich freistehende Mitspieler befinden, bezeichnen Sportpsychologen als Erkundungsverhalten. Spieler, die überrascht werden, dass der Ball in ihre Nähe kommt, weil sie vielleicht einmal abgelenkt waren, haben in einer solchen Situation kein gutes Erkundungsverhalten gezeigt. Der nächste Pass, den sie vielleicht gerade noch spielen können, findet nicht den am besten postierten Mitspieler, weil sie sich nicht optimal auf ihre Aktion vorbereiten konnten. Der Gegner kommt womöglich in Ballbesitz, leitet einen Gegenangriff ein und schießt ein Tor.

In der Sportpsychologie wird dem Erkundungsverhalten eine hohe Bedeutung zugeschrieben. Forschungen haben ergeben, dass sich mit einer hohen visuellen Erkundungsfrequenz die Wahrscheinlichkeit, einen erfolgreichen Pass zu spielen, signifikant erhöhte. Das visuelle Erkundungsverhalten, auch Vororientierung genannt, ist ein Teil der Entscheidungsfindung, welche sich in drei Schritte einteilen lässt: 1. die visuelle Wahrnehmung zur Aufnahme und Interpretation von neuen Informationen, 2. das visuelle Erkundungsverhalten, um Informationen zu sammeln und 3. die Antizipation der nächsten Situation.

Das visuelle Erkundungsverhalten kann mit Hilfe von VR-Technologien trainiert werden. Bei der TSG Hoffenheim wird auf das VR-System BE YOUR BEST gesetzt. Dabei handelt es sich um ein wissenschaftlich geprüftes Verfahren zum kognitiven Training für professionelle Fußballspieler. Über die VR-Brille werden die TSG-Spieler virtuell Teil einer originalen Champions-League-Szene. Die Spielszenen folgen dem Zufallsprinzip, lediglich die Spielerposition, aus der die Szene erlebt werden soll, kann festgelegt werden. Die Situationen können in einer langsamen Variante (einfach) und einer schnellen Variante (schwer) abgespielt werden. Sobald die Szene beginnt, gilt es, den ballführenden Spieler zu finden und das Spielfeld nach Optionen für einen geeigneten Pass oder Torschuss zu scannen. Ist der Spieler im Ballbesitz, muss er innerhalb einer Sekunde eine Entscheidung treffen und sie über den Controller mitteilen. Nach jeder Szene folgt eine Auswertung. Zum einen wird die Orientierung auf dem Spielfeld bewertet, zum anderen die Qualität der Entscheidung.

DAS PROJEKT DES TSG RESEARCH LAB MIT FRANZÖSISCHEN RUGBYSPIELERN

Die Virtual-Reality-Technologie kann Sportler besser machen, aber möglicherweise bewahrt sie Mannschaftsspieler auch vor Gefahren. In Frankreich ist nach dem Tod von vier Rugbyspielern, die 2019 innerhalb von acht Monaten auf dem Platz oder nach einem Spiel starben, eine Diskussion über die Gefährlichkeit der Sportart entbrannt. Nun wird nach Möglichkeiten gesucht, wie die Gesundheit der Spieler besser geschützt und die Sportart sicherer gestaltet werden kann. Über längere Zeiträume vorgenommene Untersuchungen hatten bereits zuvor ergeben, dass die Verletzungshäufigkeit bei den Profispielern dieser sehr körperbetonten, mit zahlreichen Zweikämpfen und harten Ganzkörper-Tackles verbundenen Sportart zugenommen hat. Parallel stiegen auch die Schwere der Verletzungen und die Ausfallzeiten an, vor allem die Zahl der Kopf- und Gesichtsverletzungen nahm zu.

Eine Untersuchung, welche sich mit den Entstehungsursachen von Verletzungen auseinandersetzte, konnte zeigen, dass 52 Prozent aller Verletzungen durch Tackles entstanden, die der angegriffene Spieler nicht kommen sah. Die Verletzungsrate lag zudem 1,5-mal höher, wenn die Tackles von der Seite kamen. Durch das Bewusstsein, im nächsten Moment angegriffen zu werden, tritt wohl eine kognitive und physische Vorbereitung ein, die wie eine Schutzfunktion wirkt. Die Muskeln können angespannt und der Körper so positioniert werden, dass der Schlag mit weniger Wucht trifft.

Die Fähigkeit des visuellen Erkundungsverhaltens könnte auch eine Möglichkeit für die Vorbereitung auf Tackles darstellen, um Verletzungssituationen zu minimieren. Dafür wurde von Prof. Jan Mayer und seinen Mitarbeitern ein wissenschaftlich fundierter, umfangreicher Fragebogen für Rugbyspieler entwickelt. Die Befragung von 22 Rugbyspielern und fünf Trainern startete am 21. Februar 2020 an der Rugby-Akademie von Atlantique Stade Rochelais in Frankreich.

Die zwölf jungen Spieler, die in der Rugby-Akademie auf eine Profi-Karriere zusteuern, sowie die Trainer schätzten den Nutzen von VR-Brillen für einen Schutz vor Verletzungen deutlich positiv ein. Skeptischer waren in dieser Hinsicht die Profispieler. „Tendenziell ist VR-Systemen zur Verletzungsprophylaxe und Leistungsverbesserung ein großes Potenzial zuzuschreiben“, sagt Prof. Mayer, „der stärkste Nutzen des VR-Vororientierungstraining wurde von den Rugbyspielern und -trainern allgemein der Leistungsverbesserung zugeschrieben.“ Er weist darauf hin, dass die Zahl der Testpersonen zu klein war, um wissenschaftlich belastbare Ergebnisse zu ermitteln. Aber die Stichprobe war dennoch wertvoll. „Sie ist ein klarer Hinweis darauf, dass der Einsatz von VR-Brillen im Training von Rugby-Spielern zu wertvollen Ergebnissen führen kann.“

 

Prof. Dr. Jan Mayer ist seit zwölf Jahren bei der TSG Hoffenheim als Sportpsychologe beschäftigt. Der 48 Jahre alte Heidelberger arbeitete auch mit mehreren Nationalmannschaften, darunter Skispringer, Sportschützen, Boxer und DFB-Auswahlteams zusammen. Seine Erkenntnisse aus dem Spitzensport transferiert er in seinen Büchern in Strategien für jedermann.

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