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SPIELFELD
21.07.2020

Samassékou: „Hier sind alle gleich“

Diadie Samassékou ist in Afrika ein Topstar. Die TSG Hoffenheim organisierte daher für „Bundesliga international“, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Fußball Liga (DFL), eine Videokonferenz mit dem Mittelfeldspieler für zehn Journalisten aus Uganda, Kenia, Namibia und Südafrika. Samassékou, der in seiner Heimat Mali mit der französischen Sprache groß geworden ist, spricht bei diesem Termin Englisch. Direkt danach war der Profi bereit, das SPIELFELD-Interview auf Deutsch zu führen. Im Gespräch mit dem 24 Jahre alten Sprachtalent ging es nicht nur um die bewegte Saison, die er mit der TSG erlebt hat, sondern auch um ernste Themen wie den Bürgerkrieg in seiner Heimat und das Rassismus-Problem.

Diadie, durch den Tod von George Floyd, der in den USA durch Polizeigewalt starb, haben die Proteste gegen Rassismus eine neue Form bekommen. Weltweit versammelten sich Menschen, um gegen Gewalt gegenüber Schwarzen zu demonstrieren. Wie hast Du die Proteste wahrgenommen?

„Das waren großartige Aktionen. Es ist aktuell eine sehr spannende Phase. Alle gucken in die gleiche Richtung. Wir wollen Rassismus auslöschen. Sowohl im Fußball als auch in der Gesellschaft. Für Rassismus ist nirgendwo Platz. Wir kommen aus verschiedenen Ländern und haben unterschiedliche Hautfarben, aber wir sind alle gleich. Die Proteste könnten einiges ermöglichen. Viele Menschen folgen der Bewegung und schließen sich den Protesten an. Das ist eine tolle Entwicklung.“

Auch in der Bundesliga wurde protestiert. Mehrere Spieler haben ein Zeichen gesetzt.

„Das hat mich sehr gefreut. Zum Glück wurden sie von der DFL nicht bestraft – sie haben ja auch alles richtig gemacht. Man sollte ihnen folgen und nacheifern. Zudem fand ich das gemeinsame Niederknien der Mannschaften vor den Spielen eine überragende Aktion. Das zeigt die Geschlossenheit auf dem Rasen. Rassismus muss enden. Wir müssen alle in die gleiche Richtung gehen. Die Menschen merken aktuell, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Das ist ein erster Schritt.“

„Kein Kind wird als Rassist geboren“

Bist Du selbst schon mal rassistisch beleidigt worden?

„Ich wurde noch nie rassistisch beleidigt als Fußballer. Ich weiß nicht, ob ich einfach Glück hatte oder woran das lag. Aber keine Person auf der Welt sollte rassistisch beleidigt werden. Es muss aufhören. Kein Kind wird als Rassist geboren. Vieles hängt mit der Erziehung zusammen.“

Hast Du Freunde oder Bekannte, die schon beleidigt oder sogar attackiert wurden?

„Glücklicherweise nicht. Fast all meine Freunde spielen in Frankreich. Dort gibt es mehr dunkelhäutige Menschen und Rassismus ist kein so großes Problem. Aber natürlich bekomme ich es in den Medien mit. Das macht mich natürlich unglaublich traurig. Ich hoffe sehr, dass es bald endet. Der erste Schritt ist jetzt gemacht. Daran müssen wir anknüpfen.“

Es gibt ja nicht nur Beleidigungen, sondern auch andere Arten von Missachtungen: Man wird ausgegrenzt oder nicht beachtet. Wie erlebst Du den Alltag in dieser Beziehung?

„Im Fußball ist es anders als im normalen Leben. Es wird nur auf die fußballerische Qualität geachtet. Es ist egal, ob du weiß oder schwarz bist. Im normalen Leben ist das etwas anderes. Wenn sich ein Schwarzer und ein Weißer mit den gleichen Qualitäten auf einen Job bewerben, wird fast immer der Weiße den Arbeitsplatz bekommen. So muss es aber nicht sein. Man muss nur auf die Fähigkeiten achten. Nicht auf die Herkunft. Daran müssen die Menschen arbeiten.“

Was muss aus Deiner Sicht verändert werden, damit sich die Probleme verringern?

„Der Fußball kann ein Vorbild für die Gesellschaft sein. So viele verschiedene Nationalitäten stehen auf dem Platz und dies spielt überhaupt keine Rolle. Fußballer sind da wie Brüder und haben Spaß zusammen. So muss das Leben sein, egal woher du kommst. Genau das spüre ich auch bei der TSG. Niemand guckt auf deine Hautfarbe oder Herkunft. Hier sind alle gleich.“

„Ich fühle mich hier wie zu Hause“

Du bist seit knapp einem Jahr in Hoffenheim. Fühlst Du Dich wohl im Kraichgau?

„Ich wurde sofort super aufgenommen. Ich fühle mich hier wie zu Hause, obwohl ich noch nicht mal ein Jahr hier bin. Ich versuche immer mein Bestes auf dem Rasen zu geben und will damit das Vertrauen zurückzahlen.“

Mit dem 6. Platz und der Teilnahme an der Gruppenphase der UEFA Europa League endete Deine erste Saison in der Bundesliga. Wie bewertest Du Deine erste Spielzeit für die TSG?

„Am Anfang war es natürlich etwas schwierig. Durch den Afrika-Cup 2019 habe ich die Vorbereitung verpasst und kam erst später zu der Mannschaft. Dann habe ich mich gleich zu Beginn der Saison verletzt und musste recht lange auf mein Startelf-Debüt warten. Aber das habe ich alles hinter mir gelassen. Ich bin zuversichtlich, dass ich eine sehr gute Zeit hier haben werde.“

Du hast Deine Verletzungen in dieser Saison angesprochen. Wie hast Du die Rückschläge mental verarbeitet?

„Vor allem an der ersten Verletzung (Muskelverletzung im Oberschenkel, Anm.d.Red.) hatte ich lange zu knabbern. Denn ich war zum ersten Mal so verletzt, dass ich länger ausfiel. Aber das passiert im Fußball. Ich habe hart an mir gearbeitet, um zurückzukommen und glaube auch, dass ich dann gute Leistungen zeigen konnte. Beim Re-Start nach der Corona-Pause war ich leider erneut verletzt und habe ein paar Wochen verpasst. Anschließend habe ich aber Vollgas gegeben und bin jetzt richtig dabei.“

Die letzten neun Partien wurden ohne Zuschauer ausgetragen. Wie hast du die „Geisterspiele“ empfunden?

„Es war vor allem zu Beginn ein anderes Gefühl, allerdings hatten wir uns nach ein paar Spielen daran gewöhnt. Wir wollten mit unseren Siegen die Fans am Fernseher glücklich machen und die Emotionen übertragen. Ich habe während der Corona-Krise realisiert, was es für ein Privileg ist, Fußball spielen zu dürfen. Vorher habe ich es als selbstverständlich empfunden, aber wir haben gesehen, dass aktuell nicht jeder seinen Job ausüben darf. Das sollten wir alle genießen und wertschätzen, so lange es geht.“

Du spielst im defensiven Mittelfeld. Mit Florian Grillitsch, Sebastian Rudy und Dennis Geiger herrschte in der vergangenen Saison eine große Konkurrenzsituation bei der TSG.

„Ich habe zu Beginn nicht auf meiner gewohnten Position gespielt, sondern eher auf der Achter-Position. Aber man muss immer bereit sein, um der Mannschaft helfen zu können – egal, wo der Trainer einen aufstellt. Ich bin immer positiv gestimmt und habe stets alles gegeben. Seit dem Re-Start habe ich dann im defensiven Mittelfeld gespielt. Es lief ganz gut, denke ich. An die Leistungen will ich anknüpfen und mich in der Startelf festspielen.“

Vier Spieltage vor dem Saisonende hat sich die TSG von Alfred Schreuder getrennt.

„Das kam auch für uns als Mannschaft sehr überraschend. Ich hatte ein sehr gutes Verhältnis zu Alfred Schreuder und schätze ihn als Menschen sehr. Er hat mir geholfen in den ersten Wochen und Monaten. Ich habe zum ersten Mal erlebt, dass ein Trainer während einer Saison geht. Das ist natürlich nie leicht, aber so ist Fußball.“

„Ein großartiges Ende einer sehr besonderen Saison“

Mit einem neuen Trainerteam habt Ihr Euch dann im Schlussspurt für Europa qualifiziert.

„Es war natürlich ein großartiges Ende einer sehr besonderen Saison. Für die TSG ist die dritte Qualifikation für den Europapokal in vier Jahren eine fantastische Bilanz. Für mich war es immer das große Ziel, wieder international zu spielen. Entsprechend glücklich bin ich, dass ich hier jetzt die Gelegenheit dazu bekomme.“

Du kamst vor der Saison von RB Salzburg zur TSG. Wie groß ist der Unterschied zwischen der österreichischen und der deutschen Liga?

„Der Unterschied ist enorm. Jedes Spiel in der Bundesliga ist eine Herausforderung. Egal, gegen wen du spielst. Man muss immer Vollgas geben. Mit Salzburg haben manchmal auch 80 oder 90 Prozent gereicht, um eine Partie zu gewinnen. Aber hier muss man in jedem Spiel alles geben. Auch daran musste ich mich erst gewöhnen.“

Wie war es, als Du aus Mali nach Österreich kamst?

„Das war natürlich vor allem zu Beginn nicht so einfach. Ich musste mich verändern und anpassen. Ich hatte das Glück, bei einem Verein zu spielen, der mir die nötige Zeit gegeben hat. Natürlich war es eine ganz andere Situation als zuvor, aber ich habe mich durchgebissen.“

Einige Jahre zuvor bist Du von Deiner Familie weggezogen und einer Fußball-Akademie beigetreten. Wie war die Zeit damals?

„Am Anfang war es nicht so einfach. Ich bin zum ersten Mal schon aus Faladie, einem Viertel in der Hauptstadt Bamako, mit elf Jahren in die Akademie gegangen. Aber ich war noch zu jung. Deshalb bin ich nach Hause zurückgekehrt. Aber die JMG Akademie – die beste in Mali, aus der großartige Spieler hervorgegangen sind – wollte mich unbedingt wieder. Mit 14 bin ich also erneut in die Akademie gezogen. Von meinen Eltern und meinen vier Geschwistern getrennt zu sein, war schwierig für mich. Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich es schaffen kann. Ich hatte mein Ziel Profifußball immer vor Augen und habe hart dafür gekämpft.“

„Es war eine sehr schwierige Zeit für uns“

Als in Mali 2012 der schlimme Bürgerkrieg ausbrach, hunderttausende Menschen auf der Flucht waren, warst Du 16 Jahre alt. Wie hast Du diesen Krieg erlebt?

„Es war eine sehr schwierige Zeit für uns. Als der Krieg ausbrach, war ich in der Akademie und konnte meine Familie mehrere Wochen nicht sehen. Die Akademie war direkt neben einem Armee-Stützpunkt. Entsprechend war es sehr gefährlich für uns. Ich habe in der Zeit schlecht geträumt. Ich hoffe sehr, dass ich sowas nicht mehr erleben muss. Das wünscht man keinem.“

Deine Freunde und Familie leben noch in Mali. Wie ist die Situation in Deiner Heimat heute?

„Es ist nicht mehr so schlimm wie vor ein paar Jahren. Meine Familie lebt in der Hauptstadt Bamako. Dort ist die Lage beruhigt und sie sind entspannt. In den kleineren Orten herrscht aber noch immer Krieg.“

Im nächsten Jahr wird der Afrika-Cup ausgetragen. Was sind Deine Ziele mit der Nationalmannschaft?

„Natürlich wollen wir eines Tages den Afrika-Cup gewinnen. Ich glaube auch, dass wir ein sehr gutes und talentiertes Team haben. Allerdings weiß auch jeder, dass es unglaublich schwierig ist, den Afrika-Cup zu gewinnen. Der afrikanische Fußball ist etwas anders als in Europa. Zudem wollen wir uns unbedingt für die Weltmeisterschaft 2022 in Katar qualifizieren.“

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