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19.04.2020

Historische Spiele (9): Pokalfight gegen Grifos Pforzheimer

Ein Wochenende ohne Spielberichte ist irgendwie seltsam. Leider wird sich das vorerst nicht ändern. Auf achtzehn99.de blicken wir daher während der „Corona-Wochen“ in loser Reihenfolge auf „historische Partien“ zurück, erzählen die dazugehörigen Geschichten nach und rufen sie wieder in Erinnerung. Heute: Das BFV-Pokal-Finale der A-Junioren 2011, das gleichzeitig das Abschiedsspiel von Trainer Guido Streichsbier war – und den Stern eines jungen Pforzheimers aufgehen ließ.

Die Saison 2010/11 war für die Hoffenheimer A-Junioren eine Übergangssaison. Die 1991er Generation um Pascal Groß, Manuel Gulde und Marco Terrazzino war in den Herrenbereich hineingewachsen, und Trainer Guido Streichsbier absolvierte während dieser Spielzeit den Fußballlehrer-Lehrgang in Hennef. Die Leistungen in der Bundesliga waren überschaubar: Die U19 landete am Ende jenseits von Gut und Böse auf Platz neun, erreichte aber im BFV-Pokal zum dritten Mal in Folge das Endspiel.

Auf dem Weg ins Finale setzten sich die Streichsbier-Schützlinge beim TSV Assamstadt (5:0), bei der SG Calmbach/Enzklösterle/Sprollenhaus (9:0), beim VfL Neckarau (6:0) und im Halbfinale beim FV Lauda (6:0) durch. Für den heutigen Trainer der U19-Nationalmannschaft Guido Streichsbier sollte das Finale das letzte Spiel auf der TSG-Bank werden, seit dem Frühjahr stand fest, dass der frischgebackene Fußballlehrer Hoffenheim verlassen würde. Da traf es sich gut, dass der Finalgegner der Verbandsligist 1.CfR Pforzheim war – und nicht etwa der Bundesliga-Konkurrent Karlsruher SC, der im Halbfinale in der Goldstadt überraschend mit 2:4 den Kürzeren gezogen hatte.

Fünf Tore im ersten Abschnitt

Gespielt wurde am 8. Juni 2011 auf der Anlage des FC Neibsheim. Klar, das 4:2 gegen den KSC war den TSG-Verantwortlichen ebenso wenig entgangen wie die Tatsache, dass der 1.CfR ohne Niederlage zur Meisterschaft und in die Oberliga gestürmt war. Aber die Favoritenrolle war dennoch klar verteilt. Und auch die Spieler hatten großes Interesse daran, ihrem scheidenden Coach ein nettes Abschiedsgeschenk zu bescheren.

In der Anfangsphase boten die Pforzheimer der TSG die Stirn, vor allem der Spieler mit dem südländischen Teint und der Rückennummer 8 bestach durch das eine oder andere technische Kabinettstückchen. Aber, so dachten die meisten der 500 Zuschauer im Talbachstadion, der Spielmacher des Fusionsklubs würde spätestens im zweiten Durchgang abbauen und seinem hohen Aufwand Tribut zollen. Sie sollten sich irren.

Dennoch lief alles nach Plan. Jonas Kiermeier brachte die Hoffenheimer mit einem Doppelschlag 2:0 in Führung, erst fälschte er einen Schuss Umberto Tedescos unhaltbar für Pforzheims Schlussmann Xaver Pendinger ab (8.), dann erhöhte er nach Vorarbeit von Marcel Linn (36.). Dem Verbandsligisten schien der Zahn gezogen, zumal der TSG ein klarer Strafstoß verwehrt wurde, als Antonio Čolak nach Jonas Hofmanns starkem Zuspiel im Strafraum gelegt wurde.

Der Elfmeterpfiff ertönte dann aber auf der anderen Seite, als Timo Helfrich einen Pforzheimer zu Fall brachte. Wer sonst als der Spieler mit der Nummer 8 sollte sich die Kugel schnappen – und Tim Paterok im TSG-Tor keine Chance lassen (40.). Ein kleiner Schönheitsfehler! Oder doch nicht? Nicht mal eine Minute später klingelte es erneut, Simon Schneider erzwang einen Pressschlag mit Paterok und der Ball trudelte zum Ausgleich ins Netz. Doch Sekunden vor der Pause servierten die Hoffenheimer dem aufmüpfigen Underdog die K.o.-Tropfen. Hofmanns Freistoß ließ Pendinger abklatschen, Čolak staubte in Torjägermanier ab und markierte den 3:2-Pausenstand.

4:2-Führung verspielt

Unmittelbar nach dem Wechsel zimmerte Seifedin Chabbi die Kugel derart wuchtig unter die Latte (52.), als wolle er seinem Ärger über die späte Einwechslung Ausdruck verleihen. 4:2 – jetzt sollte der Widerstand des Underdogs gebrochen sein, zumal ja der „Achter“ bald konditionell abbauen würde. Tat er aber nicht. Im Gegenteil: Als ob er genau dieses Setting benötigt hätte, drehte der Pforzheimer Spielgestalter nun immer mehr auf. Fünf Minuten später umkurvte er Paterok elegant und schob zum 3:4 ein.

Spätestens jetzt wurde nach dem Spielberichtsbogen gefragt. Wie heißt denn der „Achter“? Vincenzo Grifo. Nie gehört. Keine Bundesliga-Spiele, keine Länderspiele, nichts. Ein feiner Straßenkicker, gerade erst 18 geworden, und bis zu diesem Tag unter dem Radar geflogen. Während sich die anwesenden Scouts bereits Antworten auf den Vorwurf, diesen Spieler bislang nicht entdeckt zu haben, zurechtlegten, riss Grifo die Parte komplett an sich. Drei Minuten vor dem Schlusspfiff fiel dann tatsächlich der Ausgleich. Baransel Yurttas lauerte nach einer Links-Hereingabe am langen Pfosten und beförderte den kurzweiligen Pokalfight mit seinem 4:4 in die Verlängerung.

Fünf Jahre später erwähnte das Magazin „11Freunde“ Grifos Galavorstellung in einem Porträt über den mittlerweile etablierten Bundesligaspieler, wenn auch mit etwas Schönfärberei: „In jenem A‑Jugendjahr hatte er die Pforz­heimer mit 53 Toren nicht nur zur Meis­ter­schaft geschossen, son­dern im Pokal-Halb­fi­nale den Karls­ruher SC eigen­ständig zer­legt und im Finale gegen Hof­fen­heim wei­tere drei Treffer erzielt. Pforz­heim gewann 7:4 nach Ver­län­ge­rung und Grifo stand plötz­lich in allen Notiz­bü­chern.“ Liest sich gut, stimmt aber nicht ganz: Es waren „nur“ zwei Tore – und der Pokalsieg ging an die TSG.

Am Ende jubeln beide Seiten

Was sich in der Verlängerung abspielte, schilderte achtzehn99.de am selben Abend so:

Wieder erwischten die Hoffenheimer den besseren Start. Nach einem Foul an Linn vollstreckte Hirsch vom Elfmeterpunkt zum 5:4 (96.), doch noch immer war der Zug nicht durch. Eine Schrecksekunde musste noch überstanden werden, als Grifo einen hohen Ball im Strafraum in aller Ruhe mit der Brust stoppen und sich aus sieben Metern ungestört die Ecke aussuchen konnte – allerdings am Tor vorbeizielte (110.). Die Riesenchance zum dritten Ausgleich war vertan, und das bestraften die Hoffenheimer in der Schlussphase eiskalt. Hofmann traf nach Zuspiel von Čolak zum 6:4 (114.), doch nach dem bisherigen Spielverlauf wollte niemand von einer Vorentscheidung sprechen. Die fiel erst dann, als Čolak einen aufs Tor rollenden Scharfenberger-Schuss über die Linie drückte (119.).

Am Ende jubelten beide Seiten. Hoffenheim über den dritten Pokalsieg hintereinander und die damit verbundene Qualifikation für den DFB-Pokal, Pforzheim über eine herausragende Leistung. Bei Streichsbier mischte sich angesichts des nahenden Abschieds etwas Wehmut in den Jubelgesang. „Endspiele muss man gewinnen, wir haben unsere Mission erfüllt“, sagte der damals 41-Jährige. „Pforzheim hat uns alles abverlangt und wir hatten – wie schon über die gesamte Saison hinweg – mit individuellen Defiziten zu kämpfen. Aber die Jungs haben sich diesen Sieg verdient.“

Ein Jahr später wechselte Vincenzo Grifo zur U23 der TSG Hoffenheim.

1.CfR Pforzheim – TSG Hoffenheim 4:7 (4:5, 4:4, 2:3) n.V.
Pforzheim:
Pendinger – Schröder (56. Zanda), Mörgenthaler, Kuhn, Ramazan (103. Schröder) – Hessenberger (84. Stoljar), Schneider, Yurttas, Schramm (56. Günasan) – Murati (46. Bosch), Grifo.
Hoffenheim: Paterok – Kiermeier (46. Walter), Hirsch, Helfrich, Frisch – Linn (46. Recktenwald, 106. Čolak), Doro (116. Tedesco), Hofmann (116. Scharfenberger), Tedesco (79. Linn) – Scharfenberger (45. Heister), Čolak (46. Chabbi).
Tore: 0:1 Kiermeier (8.), 0:2 Kiermeier (36.), 1:2 Grifo (40., Foulelfmeter), 2:2 Schneider (40.), 2:3 Čolak (45.), 2:4 Chabbi (52.), 3:4 Grifo (57.), 4:4 Yurttas (87.), 4:5 Hirsch (96., Foulelfmeter), 4:6 Hofmann (116.), 4:7 Čolak (119.). Zuschauer: 500. Schiedsrichter: David Gonzales (Waghäusel). Karten: Gelb für Kuhn, Schneider, Yurttas, Günasan / Frisch, Chabbi, Doro.
Neibsheim, Talbachstadion, 8. Juni 2011

Historische Spiele

1 | Triumph im Schatten des Olympiastadions | U19: TSG Hoffenheim – Hertha BSC 2:1 | Finale DFB-Junioren-Pokal 2010

2 | Ein Meistertitel zum Geburtstag | U16: TSG Hoffenheim II – VfB Stuttgart II 3:2 | Entscheidungsspiel um die B-Jugend-Oberligameisterschaft 2013

3 | Das eingelöste Versprechen | U19: TSG Hoffenheim – SV Werder Bremen 3:1, 2:0 | Halbfinals um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2016

4 | Meisterstück in Walldorf | U23: FC-Astoria Walldorf – TSG Hoffenheim II 0:1 | Entscheidender Sieg zum Aufstieg in die Regionalliga 2010

5 | Rapps goldenes Händchen gegen City | U19: TSG Hoffenheim – Manchester City 5:2 | Sieg im ersten Youth-League-Gruppenspiel 2018

6 | Im Fernduell die Nerven behalten | U15: TSG Hoffenheim – SC Freiburg 3:1 | Entscheidender Sieg zur Süddeutschen C-Jugend-Meisterschaft 2016

7 | Schmerzhaftes Treffen mit einem späteren Weltstar | U19: FC Schalke 04 – TSG Hoffenheim 3:1 | Finale um die Deutsche A-Junioren-Meisterschaft 2015

8 | Meisterfeier auf dem Halberg | U15: SV Wehen – TSG Hoffenheim 2:3 | Entscheidender Sieg zur Süddeutschen C-Jugend-Meisterschaft 2013

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