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SPIELFELD
13.04.2020

Der ewige Hans

Seit 16 Jahren betreut Hans Schobes den TSG-Nachwuchs, 15 davon verbrachte er bei der U19. Pokalsieger, Deutscher Meister, Youth-League-Endrunde – der 64-Jährige war bei den Akademie-Höhepunkten stets dabei. Er betreute heutige Profis ebenso wie nie in der Bundesliga angekommene Supertalente und die erfolgreiche Trainergilde der TSG. Mit SPIELFELD hat er über seine Aufgaben und besonderen Momente gesprochen und Anekdoten zum Besten gegeben.

Wenn Hans Schobes das Stadion betritt, hört er hoch oben in Hoffenheim die Vögel zwitschern. Es ist andächtig still an dem Ort, durch den wenig später Schreie von Fans, Spielern und Trainern hallen. Schobes genießt die Ruhe vor dem Sturm. Es trägt meditative Züge, wenn der 64-Jährige vor den Spielen der U19 seiner ganz persönlichen Routine nachgeht: Ein wenig angespannt betritt er den Innenraum, läuft an der noch leeren Tribüne entlang zum Kabineneingang und betritt die Katakomben des Dietmar-Hopp-Stadions, die sein berufliches Wohnzimmer geworden sind. Etwa drei Stunden vor den Spielen der U19 hat er die Hoheit über den Innenraum, wuselt durch die Gänge und erweckt die Räume zum Leben. Taktiktafeln für die Trainerkabine, Snacks für die Schiedsrichter, Getränke, Obst und Kuchen für die Spieler. Dann öffnet er die Kiste mit dem wohl wichtigsten Inhalt: Trikots, Hosen und Stutzen werden fein säuberlich ausgepackt, sortiert und vorbereitet. Zum Abschluss wird noch die Kapitänsbinde, wie eine Kirsche auf der Torte, platziert.

Nichts wird dem Zufall überlassen, die Anordnung der Gegenstände ist das Ergebnis jahrelanger Erfahrung, ungetrübter Leidenschaft und Liebe zum Detail. „Die U19 ist ein wichtiger Lebensinhalt. So lange es in mir brennt und ich mit Freude dabei bin, mache ich das. Wenn es aber eines Tages zur Gewohnheit oder gar Last wird, hier hoch zu fahren, dann höre ich auf. Man muss dafür brennen – und natürlich auch ein bisschen verrückt sein, das ist mir schon klar“, sagt er lächelnd.

"Bratwurst-Idee" wird zur Erfolgsgeschichte

Und so war es für Schobes kein wirklich ungewöhnlicher Vorgang, dass eine Grillparty im Jahr 2004 sein Leben grundlegend veränderte. „Mein Freund Klaus Hickel, damals Torwarttrainer der U19, hatte zu Bratwurst und Bier eingeladen. Uwe Wolf, der damalige Cheftrainer, war ebenfalls da. Er suchte jemanden, der den Spielbetrieb organisiert. Ich war in meinem Heimatverein SG Viktoria Mauer schon Schriftführer – und wo es brennt, da hilft man ja. Also sprachen wir miteinander, verstanden uns gut und haben uns noch am gleichen Abend per Handschlag auf eine Zusammenarbeit geeinigt. So kam ich zur TSG Hoffenheim.“

Aus der „Bratwurst-Idee“ wurde eine Erfolgsgeschichte, aus dem anfänglichen Aushilfsjob bei der TSG, für den er eine Aufwandsentschädigung erhält, mittlerweile eine Festanstellung bei Anpfiff ins Leben. Im fortgeschrittenen Alter wurde der frühere Versicherungsfachmann somit doch noch Profi, wie er augenzwinkernd sagt: „Ich habe das große Glück, meinen Lebensunterhalt bei Anpfiff ins Leben und der TSG zu verdienen. Ich bin hauptberuflich im Facility Management verantwortlich für alle Häuser von Anpfiff ins Leben.“

In den 15 Jahren als U19-Betreuer – ein Jahr war er bei der U17 und half prompt mit die Deutsche B-Jugendmeisterschaft zu gewinnen – verbrachte Hans Schobes auch viel Zeit mit Spielern, die das Fußballspielen zum Beruf machten. „Wenn ich alle Jungs in ein Team stecken würde, hätte ich eine Zweitligamannschaft zusammen, die um den Aufstieg spielen würde“, sagt er. Vielen einstigen Akademie-Schülern ist der Sprung zu den Hoffenheimer Profis gelungen, andere setzten sich in der Zweiten oder Dritten Liga durch (siehe Kasten auf Seite 53). Herausheben möchte Hans Schobes keinen seiner früheren Schützlinge – einen Einwand erlaubt er sich aber doch nach all den Jahren: „Den geringsten Aufwand von allen hat Niklas Süle benötigt. Der ist einfach in die Bundesliga durchmarschiert.“ Den heutigen Bayern-Profi und Nationalspieler hat Schobes unlängst in der PreZero Arena getroffen. Ein herzliches Wiedersehen. „Er hat mich begrüßt und mir gesagt, dass er oft und gern an die U19 zurückdenkt. Für ihn war es eine besondere Zeit, da der Fußball noch nicht so ernst war und man alles etwas anders genießen konnte.“

Mit Süle und Co. hält Hans Schobes regelmäßig Kontakt, tauscht WhatsApp-Nachrichten aus und schickt auch mal aufmunternde Worte. Durch den fast täglichen Umgang bei der U19 sind Freundschaften entstanden. Eine beachtliche Trikotsammlung in seinem Schrank zeugt vom Ansehen des Betreuers, der natürlich auch vermeintliche Supertalente begleitete, deren mentale Stärke nicht an die fußballerische heranreichte. Schobes war oft als Seelsorger gefragt, sein Job ging schon immer über die Organisation hinaus. „Viele der Jungs sind ja schon früh von zu Hause ausgezogen. Da muss man auch mal Ansprechpartner sein und den Jungs zuhören, sie aufbauen oder auch mal ins Gewissen reden. Es ist wichtig, Verständnis zu haben, auch wenn sie mal sauer sind – ob auf sich selbst oder auch den Trainer.“ Doch das Verständnis hat Grenzen. „Man muss den Jungs den Rücken freihalten, wenn sie mal etwas vergessen haben, weil sie vielleicht bei der neuen Freundin übernachtet haben. Wir waren alle mal jung, das macht niemand mit Absicht und das muss dann auch niemand mitbekommen. Wenn man als Betreuer aber merkt, dass es einen Stinkstiefel gibt, der das Mannschaftsklima negativ beeinflusst, dann muss man zum Trainer gehen. Der Teamerfolg steht über allem.“

Die Stutzen fürs Finale vergessen

Hans Schobes hat sich in den 16 Jahren bei der TSG kaum etwas zuschulden kommen lassen. Bei den Spielen auf der Bank wurde er nie verwarnt, hat sich nie mit den Schiedsrichtern angelegt und hat auch nie etwas vergessen – bis auf dieses eine Mal im Jahr 2015, wie er mit etwas Abstand lächelnd erzählt. „Wir haben in Wattenscheid das Meisterschaftsfinale gegen Schalke gespielt. Als wir am Tag vor dem Spiel angekommen sind, habe ich gemerkt, dass die Stutzen der Spieler fehlen. Ich hatte nicht kontrolliert, ob alle Kisten in den Bus geladen wurden und die Stutzen-Kiste fehlte vor Ort. Da war ich kurz geschockt. Ich habe dann einen unserer Analysten angerufen, der die Kiste am nächsten Tag mitgebracht hat. Alles war pünktlich da und es hat auch niemand mitbekommen. Aber ja, da musste auch ich mal durchpusten.“

Das verlorene Finale gegen Schalke blieb nicht nur wegen der vergessenen Stutzen in Erinnerung. Hans Schobes sah im Spiel den besten Fußballer, der ihm in dieser Altersklasse jemals aufgefallen war. „Als Schalke Leroy Sané einwechselte, der damals schon bei den Profis spielte, kippte das Spiel und wir verloren 1:3. Da hatten unsere Jungs Respekt, er war einfach zu stark.“

Doch auch Platz zwei war ein großer Erfolg – ein Jahr nach dem Titelgewinn gegen Hannover 96. Pokalsieger, Deutscher Meister, zwei zweite Plätze sowie die Youth League im vergangenen Jahr – Hans Schobes hat einiges mit der TSG erlebt. „Der Sieg gegen Real Madrid im Viertelfinale der Youth League war der Höhepunkt, absoluter Wahnsinn, das werde ich nie vergessen. Ein perfekter Tag, da hat alles gepasst.“

Und so, in Erinnerungen schwelgend, sprudelt ein Satz aus ihm heraus, der aus tiefstem Herzen kommt. „Die TSG hat mein Leben bereichert.“ Heike Schobes weiß um die zweite Liebe ihres Mannes. Seit 36 Jahren sind sie verheiratet. Eifersüchtig ist sie nicht auf die TSG Hoffenheim, mit der sie ihren Mann nun seit 16 Jahren teilt. Doch sie lässt ihn in seinem Kosmos, hoch oben über Hoffenheim im Dietmar-Hopp-Stadion, gern allein. „Mit Fußball hat Heike nichts am Hut und meine Tochter hat mir schon früh gesagt, sie werde niemals einen Fußballer heiraten“, sagt er.

Für Hans Schobes ist das kein Problem. Er kennt sich selbst gut genug und weiß: Seine Leidenschaft für den Fußball reicht für die gesamte Familie. Mindestens.

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