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SPIELFELD
17.09.2018

Bittencourt: "Wir stehen vor großen Aufgaben"

Leonardo Bittencourt ist im Sommer zur TSG gewechselt. Sein Weg nach Hoffenheim führte aus der Jugend von Energie Cottbus über Borussia Dortmund, Hannover 96 und den 1. FC Köln. Beim BVB sammelte der Angreifer bereits Erfahrung in der Champions League. Im SPIELFELD-Interview spricht er über den Einzug ins Finale der Königsklasse, seine Kindheit in Cottbus als Sohn brasilianischer Eltern, erste Eindrücke bei der TSG Hoffenheim sowie den Traum von der Nationalmannschaft.

Leo, Deine Eltern stammen aus Brasilien, Du bist in Cottbus geboren. Bist Du eher deutsch oder brasilianisch aufgewachsen?

"Ich fühle mich an sich sehr deutsch, weil ich in Deutschland zur Schule gegangen bin und auch deutsche Freunde habe. Aber zu Hause waren da meine Eltern, gebürtige Brasilianer, und dementsprechend bin ich brasilianisch aufgewachsen und geprägt worden. Sie haben mich so aufgezogen, wie es in Brasilien üblich ist, ich spreche auch fließend portugiesisch. Aber sobald wir das Haus verlassen haben, war ich der Deutsche, der pünktlich war und nicht so locker wie die anderen Brasilianer. Ich denke, dass das ein guter Mix ist. Und hier in Hoffenheim ist es super,
mit Joelinton und Felipe Pires zwei Brasilianer im Team zu haben, die auch meine südamerikanische Seite wieder auf leben lassen."

Dein Vater Franklin hat 13 Jahre in Cottbus als Profi gespielt. Ist er dort heimisch geworden?

"Er hat dort 13 Jahre gelebt und hat sich sehr wohl gefühlt – genau wie ich. Es war eine schöne Kindheit in Cottbus. Darum hat er alles richtig gemacht, denn ich glaube, er ist nach der Karriere hauptsächlich wegen uns Kindern dort geblieben, weil wir noch zur Schule gegangen sind. Jetzt ist er froh, dass er in Köln, also einer größeren Stadt lebt, in der ein bisschen mehr los ist und die ihn, was die Lockerheit angeht, mehr an seine Geburtsstadt Rio de Janeiro erinnert. Dennoch ist es für ihn immer wieder schön, wenn er in die Heimat zurückkommt – nach Rio und nach Cottbus."

"Ich besuche meine Familie in Rio so oft es geht"

Bist Du regelmäßig in Brasilien?

"Ich besuche meine Familie in Rio so oft es geht, das letzte Mal ist allerdings schon zwei Jahre her. Durch Skype und Facetime ist es aber mittlerweile ja zum Glück viel einfacher geworden, Kontakt zu halten. Aber ich genieße die Zeit dort jedes Mal und fühle mich sehr wohl. Ich bin auch gern dort, und muss nicht viel rumreisen und durch die Straßen laufen, um alles zu sehen. Ich bin nicht unbedingt ein typischer Touri, sondern gehe dann einfach an den Strand und genieße es, die Beine hochzulegen."

Was hast Du für Erinnerungen an die Zeit bei Energie Cottbus?

"Es war eine sehr schöne Jugend. Ich denke, dass es wichtig für mich war, nicht bereits in der Jugend zu einem größeren Verein zu wechseln, obwohl es viele Anfragen gab. Stattdessen bin ich bei meinem Heimatverein Profi geworden. Bei einem anderen Klub wäre die Konkurrenz vielleicht größer geworden und ich hätte es nicht in den Profi-Kader geschafft. Der Rat meines Vaters, dort zu bleiben und mich zu entwickeln, war auf jeden Fall richtig. Ich hatte in Claus-Dieter Wollitz damals einen Trainer, der mich gepusht und mir das alles ermöglicht hat."

Du bist als Profi dann zu Borussia Dortmund gewechselt und hast auf Anhieb in der Champions League gespielt. Damals warst Du noch sehr jung und warst Teil einer furiosen Mannschaft, die 2013 das Finale der Königsklasse erreicht hat und in London dem FC Bayern unglücklich 1:2 unterlag. Wie denkst Du an die Zeit zurück?

"Sehr positiv. Ich war ein junger Kerl und bin mit 18, 19 Jahren in die Bundesliga reingeschwommen. Ich habe zwar nicht sehr viel gespielt, aber war immer dabei. Ich kam aus der 2. Bundesliga aus Cottbus und wusste, dass ich nicht Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft sein werde. Dennoch hätte ich mir natürlich ein paar Einsätze mehr gewünscht. Auch in der Champions League saß ich meistens auf der Bank, das war dennoch überragend in dem Alter. Ich bin immer mitgereist und habe einiges erlebt und beinahe die Champions League gewonnen. Die Reisen, die unglaubliche, besondere Atmosphäre bei den Spielen, das war ein tolles Jahr."

"Das Champions-League-Halbfinale war ein Höhepunkt"

An welche Erlebnisse denkst Du besonders gern zurück?

"Der als ‘Wunder von Dortmund‘ bezeichnete 3:2-Sieg im Viertelfinal-Rückspiel gegen Malaga war schon cool. Das Halbfinale war ein absoluter Höhepunkt, als wir Real Madrid geschlagen haben und Robert Lewandowski vier Tore in einem Spiel erzielt hat. Im Rückspiel wären wir rausgeflogen, wenn Ramos den Ball am Ende ins Tor und nicht an die Latte köpft. Solche Momente vergisst man nicht. Und natürlich auch nicht das Endspiel, obwohl ich da nicht im Kader war."

Du hast mit dem BVB bereits gegen Manchester City und Schachtar Donezk, zwei der Hoffenheimer Gruppengegner in dieser Saison, gespielt. Was erwartet die TSG beim englischen Meister 

"Bei Manchester City ist die Atmosphäre nicht so, dass man sie mit deutschen Stadien vergleichen kann. Wir brauchen keine Angst vor der Kulisse zu haben. Wir werden uns eher auf das gefasst machen, was auf dem Platz passiert – und da erwartet uns eine sehr große Aufgabe. Die verschiedenen Stadien und Länder kennenzulernen, ist immer eine tolle Erfahrung."

Nun kehrst Du mit der TSG Hoffenheim in die Champions League zurück. Was hat den Ausschlag gegeben, zur TSG zu wechseln?

"Ich wollte in Dortmund schon unbedingt spielen, darum war es damals ein logischer Schritt, nach Hannover zu wechseln, um mich in der Bundesliga zu etablieren. Das ist mir bei 96 und danach in Köln auch gelungen. In dieser Saison will ich nun den nächsten Schritt gehen, bei einem Top-Klub spielen und auch wieder international dabei sein. Ich habe mir einige Sachen angehört, aber das Gesamtkonzept in Hoffenheim war das interessanteste. Auch weil ich natürlich weiß, dass Julian Nagelsmann in sehr kurzer Zeit viele Spieler weiterentwickelt hat. Das war ein ausschlaggebender Punkt. Zudem kenne ich Nico Schulz schon seit der U16 und Kevin Vogt aus gemeinsamen Kölner Zeiten sehr gut und konnte den Jungs auch ein paar Insider-Fragen stellen, wie es hier läuft (lacht)."

"Ich fühle mich sehr wohl"

Hoffenheim war vor fünf bis zehn Jahren noch deutlich kleiner als Verein. Wie hast Du die Entwicklung wahrgenommen?

"Der Verein ist gewachsen und hat sich in den vergangenen Jahren in der Bundesliga etabliert. In so einer langen Zeit wachsen junge Leute ran, die die Stimmung tragen können und den Verein, was die Fans und Unterstützer angeht, auf ein neues Fundament stellen. Nach zehn Jahren ist es etwas Wunderschönes geworden, was Dietmar Hopp hier angefangen hat. Ich wohne in Heidelberg und fühle mich hier sehr wohl – und wenn man über die Dörfer zum Training fährt, merkt man, wie stolz die Menschen auf die TSG sind."

Es wird immer wieder gesagt, dass das Training unter Julian Nagelsmann sehr anstrengend und speziell ist. Wie empfindest Du es?

"Es ist sehr komplex. Er ist ein Perfektionist und hat eine klare Idee, wie er Fußball spielen lassen will und dem geht er nach. Von daher muss man in jedem Training den Kopf einschalten und sich konzentrieren. Wenn man zwei Sekunden nicht aufpasst, kann es sein, dass man den ganzen Zusammenhang nicht versteht. Für mich war das auch neu, aber vielleicht ist es genau das, was am Ende den Unterschied ausmacht."

Wie sieht es mit Deiner Torgefahr aus? Du hattest vor der Saison gesagt, dass Du effektiver werden willst …

"Ich habe mich auf dem Gebiet stets verbessert und hier will ich den nächsten Schritt machen. Darum arbeite ich im Training auch intensiv daran. Mein Treffer gegen Freiburg wurde leider zurückgenommen und bei der anderen Chance hält Freiburgs Keeper Alexander Schwolow leider sehr gut. Aber ich denke, dass ich jetzt bei einer Mannschaft spiele, in der ich noch mehr Chancen haben werde und ich bin guter Dinge, dass da in den nächsten Wochen einer reinfällt."

Nico Schulz ist jetzt erstmalig für die deutsche Nationalmannschaft nominiert worden, auch Sandro Wagner und Kerem Demirbay sind in Hoffenheim Nationalspieler geworden. Ist das auch ein Ansporn für Dich?

"Es ist auf jeden Fall ein Traum von mir. Wenn man in der Jugendnationalmannschaft gespielt und mitbekommen hat, wie schön das ist, möchte man auch in der A-Nationalmannschaft spielen. Ich arbeite jeden Tag dafür, aber mein tägliches Brot ist hier bei der TSG. Wenn ich in Hoffenheim meine Leistung abrufe, werde ich die Chance eventuell bekommen. Aber wichtig ist es für mich, dass ich für den Verein gute Leistung bringe und darauf hinarbeite, immer mehr zu erreichen. Sollte ich meine Karriere dann ohne Länderspiel beenden, kann ich zumindest zu mir selbst sagen, dass ich immer alles dafür getan habe."

War die brasilianische Nationalmannschaft auch mal ein Thema für Dich?

"Ich habe beide Pässe. Wenn die Einladung kommen würde, würde ich mir auch Gedanken machen. Aber ich glaube, dass der Fokus in Deutschland etwas höher ist, deshalb habe ich mir bislang nie wirklich Gedanken gemacht. Bei der U21 hatte ich von beiden Verbänden eine Einladung und habe mich für Deutschland entschieden, von daher denke ich, dass ich das auch bei der A-Nationalmannschaft so machen würde, wenn ich von beiden Seiten eine Einladung hätte. Aber es gibt ja bislang nicht einmal eine, und darum muss ich mich auch nicht entscheiden." (lacht)

 

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