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MÄNNER
14.08.2018

#TSG10: Der falsche Pfiff

Das Phantomtor des Leverkuseners Stefan Kießling in der Rhein-Neckar-Arena hat Geschichte geschrieben. TSG-Schiedsrichterbetreuer Achim Heinlein erinnert sich an die fatale Entscheidung von Schiedsrichter Dr. Felix Brych – und einen aufregenden Abend.

Das Internet kann bekanntlich unbarmherzig sein. Es vergisst nichts, und wer ganz viel Zeit hat, kann sich bei YouTube jene Szene vom 18. Oktober 2013 in verschiedensten Varianten anschauen. "Ghost goal – the most bizarre goal in football?" ist der Ausschnitt betitelt. Rund fünf Millionen Menschen haben dort, in allen Zeitlupen, alles genau gesehen – auf alle Fälle mehr als Schiedsrichter Dr. Felix Brych an jenem Abend in der WIRSOL Rhein-Neckar-Arena in Sinsheim. Den Eckstoß des Leverkuseners Gonzalo Castro, wie Stefan Kießling am ersten Pfosten in Höhe des Fünfmeter-Raums hochsteigt, vor Tobias Strobl an den Ball kommt – und den Kopf ball neben das Tor setzt. Oder? 

Eine Minute später wusste die ganze Arena, dass etwas Historisches passiert war. "Und ich dachte nur: Ach du Sch…, das wird hart", sagt Achim Heinlein. Der 51-Jährige ist TSG-Fan durch und durch, ärgerte sich schwarz über das Phantomtor, den Gegentreffer, der keiner war, doch in diesem Moment litt er mindestens ebenso mit Felix Brych. Denn Heinlein ist seit 2004 bei der TSG für die Schiedsrichterbetreuung zuständig, hat viele Referees von der Regionalliga bis in die Bundesliga begleitet, auch Felix Brych kannte er zu jenem Zeitpunkt schon länger. "Ein netter Kerl, entspannt, immer mal mit `nem lockeren Spruch", beschreibt Heinlein den heutigen WM-Schiedsrichter. "Doch in diesem Moment, da war Felix die ärmste Sau", sagt Heinlein heute. "Das war brutal, und er hat sich selbst am meisten geärgert." Er kennt die Szene auswendig – das Loch im Netz, der Ball, der sich genau diese Schwachstelle sucht, durchflutscht und plötzlich im Netz liegt. 

"Ich habe von der Bank aus nichts gesehen"

Es war eine unglaubliche Verquickung von Unwahrscheinlichkeiten, die das Ganze eher wie einen Zaubertrick aussehen ließen. Wer das vermeintliche Tor heute sieht, erkennt den enttäuscht abdrehenden Stefan Kießling, die ungläubigen Blicke aller Beteiligten, als der Ball innerhalb des Tores liegt, den ersten zaghaften Jubel der Gäste, zunächst kaum Regungen bei den Hoffenheimern – und einen Schiedsrichter, der trotz guter Sicht auf Tor entscheidet. Schließlich lag das Leder ja im Tor. "Ich habe von der Bank aus auch gar nichts gesehen", gibt Heinlein zu. "Aber dann auf dem TV-Schirm war es ja sofort klar." Doch da war es zu spät. Und Felix Brych musste noch 20 Minuten durchhalten, als ihm längst dämmerte, dass da etwas unglaublich schiefgelaufen war.

Und als der Abpfiff ertönte, wusste Achim Heinlein, dass ihm das Schwerste noch bevorstand. "Es war ein einziger Tumult", erinnert sich der Hoffenheimer. "Alle wollten was von ihm, stürmten auf ihn zu – und ich war der Rammbock, um ihn zu schützen." TSG-Profis wie Eugen Polanski, Offizielle, Medienleute, sie alle wollten etwas von Brych. Und kaum jemand etwas Gutes in jenem Moment. "Es war wahnsinnig aufgeheizt. Da ging es schon etwas derber zu. Dabei sind die Schiedsrichter ohnehin schon gnadenlos mit sich selbst", so Heinlein. Auch Brych an jenem unglückseligen Abend. Heinlein geleitete das Gespann in die Kabine – und ließ sie erst mal allein. "Sie mussten erst mal runterfahren." Der Schiedsrichter-Beobachter ging in die Kabine. Brych und seine Assistenten "wollten am liebsten gar nicht mehr raus", erinnert sich Heinlein.

Protest gegen Spielwertung erfolglos

Aber sie mussten. Nur auf dem klassischen Weg ging es nicht. "Überall war Aufregung", so Heinlein. "Die Journalisten drängelten und draußen wusstest du ja nicht, ob da irgendwelche aufgebrachten Fans stehen." Denn der Nicht-Treffer von Kießling, der offiziell doch als Tor gewertet wurde, hatte das Spiel ja mit 2:1 für Leverkusen entschieden. Fraglos war das eine schreiende Ungerechtigkeit. Also schmuggelte er Brych mit Hilfe der Polizei unerkannt aus dem Stadion zum Hotel. Dort bleiben die Unparteiischen nach Abendspielen in der Regel über Nacht. Dieses Mal aber war es anders. "Der Felix wollte nur noch heim", sagt Heinlein. Und so setzte sich der Münchner Brych in sein Auto und fuhr die 320 Kilometer in die bayerische Landeshauptstadt. Allein sein. Nachdenken. Abschalten.

Währenddessen forderten alle Beteiligten, inklusive des Leverkusener Trainers Sami Hyppiä, die Einführung des Videobeweises. Der Protest der TSG gegen die Spielwertung aber blieb vergebens, in den Annalen steht ein 1:2, die DFB-Gerichte ließen die so genannte Tatsachenentscheidung von Brych gelten. "Heute haben wir, auch wegen dieses Abends, die Torlinientechnologie", sagt Heinlein, "und wir stehen in den Geschichtsbüchern des Fußballs". Aber der gebürtige Hoffenheimer hätte gern darauf verzichtet: "Sowas möchte ich nicht mehr erleben."


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