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SPIELFELD
10.04.2018

Serge Gnabry: "Als Profi musst du immer liefern"

Serge Gnabry ist einer der Garanten für den jüngsten Aufschwung der TSG. Der 22-Jährige traf in der Rückrunde sechs Mal und bereitete zudem sechs Treffer vor. Im SPIELFELD-Interview spricht der Angreifer über Anforderungen an Fußballer abseits des Rasens, die Aussagen seines ehemaligen Mitspielers Per Mertesacker über Stress im Profi-Fußball, seine Vorliebe für Yoga und sein soziales Engagement.

Die Bundesliga-Saison biegt auf die Zielgerade ein und die TSG kämpft um die erneute Qualifikation für den Europapokal. Bist Du persönlich mit der bisherigen Spielzeit in Hoffenheim zufrieden?

Serge Gnabry: "Einigermaßen, denn ich wäre in der Tabelle schon lieber weiter oben platziert. Und meine Verletzungen in der Hinserie haben mich daran gehindert, früher auf das anvisierte Level zu kommen. Aber momentan gelingt mir das und es wird immer besser. Das genieße ich nach der schwierigen Hinrunde und jeder kann sehen, dass der Fußball hier mir sehr gut liegt: Das System, der Trainer und die Mannschaft passen zu mir. Julian Nagelsmann war ein wichtiger Faktor für meinen Schritt zur TSG und ich fühle mich bestätigt. Die tägliche Arbeit mit ihm ist sehr angenehm und das Training sehr gut. Die Zeit in Hoffenheim hat mir schon jetzt sehr viel gebracht."

Du hast unter Julian Nagelsmann viele Positionen gespielt, vom linken Außenverteidiger zum rechten Außenstürmer und nun im Angriffszentrum…

Gnabry: "Taktisch ist es unter ihm natürlich sehr anspruchsvoll, gerade weil jede Position ganz verschiedene Anforderungen und Aufgaben hat. Dennoch war es für mich in Ordnung, auch mal in der Fünferkette zu spielen, da habe ich auch wieder etwas dazugelernt, gerade im Defensivverhalten. Aber klar, je offensiver ich spiele, desto wohler fühle ich mich."

Wie lange gibt es den Torjubel noch, Du rührst immer noch um…

Gnabry: "Schwer zu sagen, ich habe öfter mal drüber nachgedacht, was Neues zu machen. Aber bis jetzt ist mir noch nichts in den Sinn gekommen. Darum rühre ich halt immer noch (lacht). Ursprünglich stammt die Geste von NBA­-Spieler James Harden, ich habe es mal gesehen und seitdem läuft das Projekt. Das erste Mal habe ich so vor einem guten Jahr nach einem Tor gegen Mainz gejubelt, vielleicht kommt bald was Neues…"

Du bist zwar erst 22 Jahre alt, hast aber schon viel erlebt: die Zeit bei Arsenal, die Olympischen Spiele in Rio und den Sieg bei der U21-EM im vergangenen Jahr. Bist Du mit dem bisherigen Verlauf Deiner Laufbahn zufrieden? 

Gnabry: "Das würde ich schon sagen. Ich hatte ein, zwei schwierige Jahre mit Verletzungen, die hätte ich mir anders vorgestellt. Aber es kommt nun mal alles so wie es kommt, und gerade bin ich sehr zufrieden."

Per Mertesacker hat vor kurzem durch sein Bekenntnis, extremen Stress empfunden zu haben, für Aufsehen gesorgt. Viele ehemalige Mitspieler haben die Aussagen erstaunt, Dich als früheren Mitspieler von "Merte" bei Arsenal auch? 

Gnabry: "Mich hat es auch überrascht, dass er das so empfunden hat. Per hat auf mich immer einen sehr starken Eindruck gemacht. Es gibt Mitspieler, mit denen man mehr Blödsinn machen kann und die, die seriöser sind und mehr darauf bedacht sind, auch Hilfe zu geben, weil sie eine verantwortungsvollere Rolle haben. Er hat mir wichtige Tipps gegeben und mich unter seine Fittiche genommen, darum habe ich in Bremen auch die Nummer 29 gewählt, die er damals bei Werder auch getragen hat. Ich denke, je älter er wurde, desto mehr ist er in diese Rolle hineingewachsen. Ich habe ihn ja erst relativ spät in seiner Karriere kennengelernt. Was man im Alter von 21 bei einer WM im eigenen Land erlebt, wie er 2006, ist sicher auch nochmal ein ganz anderes Gefühl. Da herrscht vor einem Spiel ein ganz anderer Druck, die Erwartungshaltung im Land war ja riesengroß."

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Glaubst Du, dass es dem Profi-Fußball gut tut, wenn hochgeschätzte Spieler wie Mertesacker solche Themen ansprechen und sich auch zu Sorgen und Ängsten bekennen? 

Gnabry: "Es wurde zwar schon oft darüber gesprochen, dass das Profi­ Leben nicht so leicht ist, wie es für manche Beobachter aussieht: Dass wir nur ab und an trainieren, am Wochenende spielen, ein gutes Leben, ein teures Haus und ein teures Auto haben und nichts dahintersteckt. Eigentlich müsste es mittlerweile aber bekannt sein, dass wir sehr viel dafür investieren und einer großen Erwartungshaltung begegnen. Und doch ist es gut, es immer wieder anzusprechen, um das Bewusstsein zu schärfen, dass wir doch was leisten, nicht alles von alleine kommt und das Leben als Fußball­Profi auch belastend sein kann."

Hast Du Dich unter Druck gesetzt, als Du als 16-Jähriger vom VfB Stuttgart zum FC Arsenal gewechselt bist?

Gnabry: "Druck habe ich mir nicht gemacht, ich habe mir etwas vorgenommen und wollte meine Ziele erreichen, das war ja alles positiv. Mein Vater ist mit mir nach London gezogen, das Umfeld ist in so einer Zeit sehr wichtig und hilft dir, nicht abzuheben und auf dem Boden zu bleiben. Alles andere habe ich so gut es ging ausgeblendet. Ich habe dort extrem viel erlebt, früh mit Weltklasse­-Spielern auf dem Platz gestanden, was mir natürlich nochmal einen Schub gegeben hat. Ich habe gesehen, was möglich ist, wenn man Gas gibt. Zudem habe ich viel gelernt, Per und Poldi kennengelernt, das war eine tolle Zeit. Und unter Arsene Wenger zu spielen war etwas ganz Besonderes. Er hat mich nach England geholt und mir als erster Trainer die Chance gegeben, im Profi­-Fußball auf dem Platz zu stehen."

Du hast Dich längst etabliert, als Ausgleich zum Druck im Bundesliga-Business machst Du viel Yoga. Hilft Dir das, sportlich und abseits des Platzes? 

Gnabry: "Ich denke, gerade für die Dinge abseits des Platzes ist es wichtig. Viele Spieler machen es nach dem Spiel, weil es einfach hilft, zu regenerieren und runterzufahren. Gegen Ende einer Woche ist man ziemlich unter Spannung, dann kommt das Spiel, Adrenalin und die ganzen Einflüsse. Druck und Anspannung sind enorm hoch, da du immer liefern musst und es immer um deinen Platz geht. Und das spielt auch unterbewusst immer eine große Rolle. Dann hilft es, Körper und Geist mal runterzufahren und ausgiebig zu pflegen. Ich mache das schon seit einiger Zeit mit einem Yoga­-Lehrer und es tut mir sehr gut. Durch die Konzentration auf die Atmung, das Abschalten vom Alltag und das Dehnen und Kräftigen hilft es mir als Extra­-Training sehr. Ich bin generell ein Typ, der gern Dinge ausprobiert. Und wenn ich etwas gut finde, habe ich kein Problem damit, das zu tun, auch wenn es vielleicht von anderen Menschen belächelt wird. Ich folge da einfach meinem Empfinden."

Das gilt auch für eine andere Aktivität abseits des Rasens. Wie auch TSG-Trainer Julian Nagelsmann beteiligst Du Dich bei der vom spanischen Nationalspieler Juan Mata gegründeten Initiative Common Goal, deren Mitglieder ein Prozent ihres Gehalts für wohltätige Zwecke spenden. Was bedeutet Dir das?

Ganbry: "Ich hatte schon vorher Überlegungen, selbstständig etwas zu machen. Einfach aus dem Grund, anderen Leuten zu helfen. Ich wurde auch so erzogen, viel zu teilen. Dann kam das Angebot über meine Berater-­Agentur und ich bin beigetreten. Uns geht es so gut, wir sind gesund und wir haben jeden Tag die Chance, unseren Traum zu leben. Ich denke, dass so eine kleine Geste für viele andere Menschen auf der Welt etwas bewirken kann. Bei mir persönlich kommt natürlich hinzu, dass mein Vater aus der Elfenbeinküste stammt und ich schon als Kind dort war und viele Erfahrungen gemacht habe, die anders waren als hier in Deutschland. Vielleicht kommt auch daher mein Antrieb, anderen Menschen helfen zu wollen. Ich hatte auch gehofft, dass meine Teilnahme mehr Spieler motiviert, sich anzuschließen. Da ist noch Luft nach oben."

Du warst vor zwei Jahren nochmal in Afrika. Haben Dich die Besuche und Erlebnisse in dem Heimatdorf Deines Vaters unweit der Stadt Gagnoa berührt und auch verändert? 

Gnabry: "Auf jeden Fall, das würde jedem so gehen, der das mal vor Ort sieht. Im Fernsehen kommt es nicht so intensiv rüber, wie wenn man es selbst erlebt. Zu sehen, wie schlecht es anderen Menschen wirklich geht, macht etwas in deinem Kopf. Dadurch verändert man sich als Mensch und in seinen Gedankengängen: Man denkt vielleicht zwei Mal über gewisse Dinge nach."

Versuchst Du, der Heimatregion Deines Vaters zu helfen? 

Gnabry: "„Natürlich, so gut ich kann – ob es Klamotten oder andere Sachgüter sind, die rübergeschickt werden. Mit meiner Familie versuchen wir, für unsere Verwandten oder auch im Umkreis des Heimatortes etwas zu tun, zu helfen. Es wird aber überall Hilfe benötigt, darum habe ich auch gesagt, dass ich durch Common Goal nicht nur meiner Familie oder in Afrika helfen will, sondern Menschen überall auf dem Planeten."

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