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SPIELFELD
08.02.2017

Jäger des getragenen Schatzes

Fußballverrückter geht es nicht: Wenn Thomas Zachler nicht für die TSG als Fanbus-Begleiter unterwegs ist, besucht er weltweit Stadien und sammelt Souvenirs. Seine größte Leidenschaft gilt den Trikots – wenn es darum geht, wird der Polizeioberkommissar zum "Hochstapler".

Langsam wird es eng in Thomas Zachlers Fußballzimmer. In seinem Schrank stapeln sich 375 Trikots, ganz oben knapp 90 seines Vereins: der TSG Hoffenheim. "Ich muss schauen, wo ich die nächsten unterbekomme", sagt der 55-Jährige aus Edingen-Neckarhausen. Er blickt auf eine komplette Regalwand voll mit Hunderten Fußballbüchern, etlichen Wimpeln, signierten Bällen, Torhüter-Trinkflaschen und Fotoalben. Den Überblick verliert er nie. Die Hoffenheim-Trikots sind chronologisch geordnet, von der Regionalliga bis heute, fein säuberlich zusammengelegt mit einem Faltbrett. Aber nicht nur Ordnung muss sein, sondern auch tiefer Fußball-Sachverstand spielt eine Rolle: Glasgow Rangers und Celtic Glasgow liegen nicht direkt übereinander. Tottenham und Arsenal natürlich auch nicht.

Dem Zufall oder der bloßen Erinnerung überlässt Zachler nur wenig: Er führt ganz genau und tabellarisch Buch, welches Trikot wann und in welchem Spiel getragen wurde. Weitere Spalten: Verein, Größe, Farbe, Sponsor, signiert, Saison und – ganz wichtig – matchworn (im Spiel getragen), matchvorbereitet oder ungetragen. "Jeder Spieler hat drei Trikots. Eins trägt er auf dem Platz, eins liegt auf der Bank und eins in der Umkleide", erklärt Zachler. Besonders reizen ihn natürlich die getragenen Shirts. Sein teuerstes Trikot trug Niklas Süle in der vergangenen Spielzeit beim Heimspiel gegen den VfB Stuttgart. "Es ist das Trikot mit dem Logo der Metropolregion RheinNeckar auf der Brust. Damit liefen sie nur dieses eine Mal auf." Bei einer Online-Auktion war er mit mehr als 200 Euro Höchstbietender.

Das Trikot des "Geiers"

Viele seiner Textilschätze ersteigert Zachler, mit anderen verbindet er ganz besondere persönliche Geschichten. Der Trikotjäger ist leidenschaftlicher Groundhopper, besucht weltweit Fußballstadien – mittlerweile hat er etwa 420 in 14 Ländern besucht. Viele Trikots sind Reise-Souvenirs. 1990 reiste er mit seinem damals sechsjährigen Sohn Patrick nach Madrid. Als die beiden sich das Training von Real anschauten und Bernd Schuster mit einem freundlichen "Guten Morgen, Herr Schuster" begrüßten, meinte der verdutzt: "Hier spricht jemand Deutsch? Wo kommt ihr denn her?" Sie kamen ins Gespräch und wenig später kam auch Emilio Butragueno dazu. "Er nahm Patrick an der Hand und posierte für Fotos. Im Auto von Trainer John Toshack durfte er Probe sitzen und das Lenkrad halten." Zum Abschluss schenkte Butragueno dem Jungen noch sein Trikot. "Sponsor Hummel, Nummer 7, Größe M." Zachler grinst. "Das sind solche Storys, die du nie vergisst." Zu jedem Shirt, das er aus dem Stapel zieht, kann er eine Geschichte erzählen – bei getragenen legt er direkt noch Spiel und Ergebnis nach. Manchmal sogar Torschützen und -szenen.

Die Begeisterung für den Fußball kam früh. Sein Vater nahm ihn mit zu Spielen des FC Viktoria Neckarhausen. Schon mit sieben Jahren fuhr er zu Auswärtsspielen nach Zuzenhausen oder Bammental. "In der zweiten Amateurliga waren das ja keine großen Reisen, vielleicht mal 20 Kilometer. Aber da habe ich schöne Spiele gesehen", sagt er. Später entdeckte Zachler seine Liebe zu Waldhof Mannheim, wo er für einige Zeit sogar Stadionsprecher war. Mit 15 reiste er dann etwas weiter, zu Waldhof-Auswärtsspielen: "Nach Worms, Bürstadt, Darmstadt oder zu den Kickers nach Offenbach. Aber nur mit Freunden, die deutlich älter waren als ich. Sonst hätte man das ja nicht überlebt." Für den Fußball wurde er immer mehr zum Kilometer-Fresser. Allein 94.000 Kilometer gehen auf seine Tätigkeit als Fanbusbegleiter der TSG zurück. Zum Verein kam er zu Verbandsliga-Zeiten. "Mit einem Freund habe ich mir mal ein Spiel dort angeschaut und es hat einfach alles gepasst. Der Fußball war gut, die Bratwurst lecker, die Leute nett. Wie in den guten alten Zeiten.“ Als der Aufstieg in die zweite Bundesliga feststand, kaufte er sich eine Dauerkarte.

Rückwärts durch den Kreisverkehr

Von da an war Zachler auch regelmäßig bei den Auswärtsfahrten an Bord, damals war noch Emil Vetter für die Fahrten zuständig. Irgendwann fragte Vetter, ob er ihn vertreten könnte. Machte er. Wer er denn sei, wollte ein TSG-Fan bei seinem ersten Amtsantritt wissen. "Ich bin heut’ der Emil." Ab Herbst 2008 war Zachler dann immer der Emil. Seither hat er bei knapp 130 Fahrten Tausende Fans – im Schnitt sind es pro Auswärtsspiel etwa 100 – sicher wieder nach Hause gebracht. "Darauf bin ich schon stolz. Die Aufsicht für so viele Menschen zu haben, ist eine große Aufgabe und Verantwortung." Das war nicht immer ganz einfach: Gleich bei seiner ersten Begleiterfahrt blieb der Bus liegen, Zachler musste 50 Hoffenheim-Fans durch Hamburg ins Stadion lotsen. Am heißesten Tag des Jahres fiel im Bus nach Berlin die Klimaanlage aus, bei minus 19 Grad machte die Heizung auf dem Weg nach Stuttgart schlapp, auf der Rückfahrt von München brannte der Bus. Letztendlich schafften es alle unversehrt nach Hause.

Doch die positiven Erinnerungen überwiegen bei weitem. "Man erlebt durch die Fahrten so unheimlich viel." Wenn die TSG auswärts siegt, dreht Bus 1, in dem Zachler immer sitzt, bei der Rückkehr im Kreisverkehr vor der Arena für jedes Tor eine Ehrenrunde, beim 3:0-Sieg in Leverkusen sogar einmal im Rückwärtsgang. Oft ist der Auswärtsexperte dann schon über 24 Stunden im Auftrag des Kraichgau-Fußballs unterwegs. Für ein Spiel beim HSV steht er um 2:45 Uhr auf, wieder daheim ist der Busbegleiter am nächsten Morgen um 4.30 Uhr. Zachler widmet jede freie Minute dem Fußball. Dabei hat er davon eigentlich gar nicht allzu viele. Hauptberuflich ist er Polizeioberkommissar beim Polizeipräsidium Mannheim, kommunalpolitisch engagiert sich der Sozialdemokrat im Gemeinderat in Edingen-Neckarhausen – wo er auch stellvertretender Bürgermeister ist – und als Kreisrat in der Rhein-Neckar-Region. Zudem ist er dreifacher Vater und dreifacher Großvater. Die Familie hat Verständnis für seine Leidenschaft. Allen voran seine Frau Manuela. "Da bin ich ihr sehr dankbar. Dass es so ausarten würde, hätte man damals nicht geglaubt", sagt er und lächelt. Auch so mancher Urlaub ist von Zachlers Leidenschaft geprägt. "Manuela ist manchmal schon die Leidtragende." Zachler hebt den Zeigefinger und zieht das Wort "Aber" in die Länge, bevor er trocken argumentiert: "Sie kann von sich behaupten, dass sie in Glasgow alle drei großen Stadion gesehen hat."

Geheimtreffen mit Gylfi

Vom britischen Fußball war Zachler schon als Kind fasziniert. "Mein Vater hatte einige Fußballbücher, eins von der WM '66 in England. Die Bilder der vollgepackten Stadien, die Architektur – das hatte Stil. Ich wusste: Das muss ich mir irgendwann anschauen." 1979 machte er sich mit dem Bus auf den Weg nach London, die erste Fußballreise: Arsenal, Chelsea, Queens Park Rangers, West Ham United – ohne Internet und Handy. "Das war damals noch ein echtes Abenteuer." Dort kaufte er sich auch seine ersten Trikots. Arsenal und Chelsea hatten damals schon Fanshops. "Die waren viel weiter als wir in Deutschland. In meiner Jugend kamst du hier ja gar nicht an Trikots. Da hatte der Zeugwart zu Beginn der Runde 15 Trikots und die hatte er am Ende der Runde immer noch. Trikots herschenken? Heute ist das anders. Auch Zachler wurde schon beschenkt.

„Gylfi Sigurdssons Spielweise, der Einsatz und die Technik imponierten mir unheimlich", erinnert sich der Sammler. Sein TSG-Trikot wollte er unbedingt haben, fragen wollte er aber nicht danach – als Volunteer sitzt er bei den Heimspielen im Stadion-Innenraum neben Vetter hinter dem Südtor, der direkte Kontakt zu den Spielern ist aber absolut tabu. Also fragte er einen Bekannten, ob er den Isländer nicht mal ansprechen könne. "Letztendlich gingen wir bei einem Spiel, lange vor Anpfiff, gemeinsam zu ihm, da ich dolmetschen musste. Und tatsächlich lugte irgendwann nach dem Spiel ein Kopf aus dem Spielertunnel – Sigurdsson winkte mir zu, machte seine Trainingsjacke auf und drückte mir sein auf Handballgröße zusammengeknülltes Trikot in die Hand. Wahrscheinlich, damit es keiner sieht."

Im Trikot sieht man Zachler aber eher selten. Viele passen ihm schlichtweg nicht. Im Winter trägt er im Stadion drunter das lange Schwarze – ein Langarm-Trikot von Oliver Baumann – matchvorbereitet bei einem DFB-Pokal-Spiel. Nach seinem Traum-Trikot gefragt, muss er etwas überlegen. "Es gibt Trikots von Pelé für 40.000 Euro. Aber daran darf man gar nicht denken. Ein Matchworn-Trikot von Messi, Neymar oder Suárez ..." Zachler überlegt noch einige Sekunden, bevor es aus ihm herausplatzt. „Das erste Europacup-Auswärts-Trikot der TSG ist natürlich ein absolutes Muss für mich.“ Er werde ja wohl noch träumen dürfen.

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