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SPIELFELD
05.12.2016

Benjamin Hübner: Aus dem Garten auf den Rasen

Benjamin Hübner stammt aus einer Fußballer-Familie: Vater Bruno ist Sportdirektor bei Eintracht Frankfurt, seine Brüder Christopher und Florian schafften es ebenfalls in den Profifußball. In die Bundesliga und zur TSG gelangte der 27-Jährige über einige Umwege wie den heimischen Garten und Aschenplätze. Vor allem aber durch die Unterstützung seiner Eltern.

Für viele Menschen ist der heimische Garten eine Oase der Ruhe. Für Familie Hübner aus Taunusstein galt das Ende der 90er Jahre nicht. Drei Halbstarke pflügten die Rasenfläche täglich um, ließen kaum eine Blume blühen und benutzten alles, was sie in die Finger bekamen, um daraus Tore zu bauen. Der Garten im Hause Hübner war ein Bolzplatz, auf dem gegrätscht, geflucht und scharf geschossen wurde – immerhin nur mit dem Lederball.

Die Eltern störte der Trubel nicht, Vater Bruno kickte sogar selbst ab und zu mit und Mutter Karin hatte sich längst damit abgefunden, dass es in ihrem Hause eher rustikal zugehen würde. Angesichts ihrer drei Söhne Christopher, Benjamin und Florian hatte sie alle Hoffnungen auf andächtigere Hobbys oder vielleicht sogar gemeinsame Interessen aufgegeben: Im Hause Hübner zählte nur der Fußball – und so ist es noch heute. Karin Hübner kann damit gut leben. Zum einen hat sich der Garten mittlerweile doch zu einer farbenfrohen Pflanzenwelt entwickelt, zum anderen sind auch die einstigen Feinde der Botanik prächtig gediehen: Christopher, 29, hat es bis zum vorzeitigen Karriereende mit dem SV Darmstadt bis in die Dritte Liga geschafft. Benjamin, 27, spielt in der Bundesliga bei der TSG Hoffenheim und Florian, 25, wechselte vor der Saison vom SV Sandhausen zu Hannover 96.

Mama? Die Beste!

Neben dem Stolz auf die drei Söhne, der den leisen Gram über das Fehlen einer Tochter längst überdeckt hat, zahlen sich die auf der Autobahn, im Garten und in der Waschküche verbrachten Stunden für die Mama längst aus – und das nicht bloß zu Weihnachten: "Es gibt definitiv nicht mehr nur einen Gutschein für drei Mal Geschirr spülen", sagt Benjamin Hübner und lacht. Der TSG-Profi, der im Sommer aus Ingolstadt nach Hoffenheim gewechselt ist, weiß um die Bedeutung seiner Mutter für den Männerhaushalt – und ist dankbar: "Sie hatte es nicht einfach mit uns. Sie mochte Fußball zwar, aber sonst hätte sie ja auch keine Chance gehabt. Sie war der gute Geist, hat versucht zu relativieren und war total wichtig für uns alle. Was sie geleistet hat, ist ihr gar nicht hoch genug anzurechnen. Aber jetzt ist sie glücklich und stolz, das bedeutet uns viel."

Denn die Nerven der Mutter wurden ganz schön strapaziert, obwohl die vor Adrenalin strotzenden Brüder den Garten mehr und mehr gegen die Trainingsanlage des SV Wehen Taunusstein tauschten der 2007 in den SV Wehen-Wiesbaden umbenannt wurde. Das Trio spielte leidenschaftlich für den Verein seiner Geburtsstadt – den Vater Bruno zwischen 2004 und 2007 als Manager von der Regionalliga in die 2. Bundesliga führte. Dass der derzeitige Sportdirektor von Eintracht Frankfurt vor dem Beginn seiner Funktionärslaufbahn ein hervorragender Stürmer war, der für den 1. FC Kaiserslautern in der Bundesliga und sogar im UEFA-Cup-Viertelfinale gegen Real Madrid auf dem Rasen stand, weiß Benjamin – allerdings nur aus Erzählungen: "Ich habe ihn leider nie spielen sehen."

Es hieß aber immer, er sei der beste Spieler der Region gewesen. "Aber vielleicht hätte ich nicht nur seine Freunde fragen sollen, sondern auch ein paar Jungs, die ihn nicht so sympathisch finden", sagt Benjamin lachend. Fügt dann aber mit ernster Miene an: "Ich hätte es mir wirklich sehr gewünscht, meinen Vater mal während seiner Profi-Laufbahn spielen zu sehen."

"Weg über die Dörfer"

Zwar diente Vater und Ex-Stürmer Bruno seinen drei verteidigenden Söhnen somit nicht direkt als sportliches Vorbild, ihre Entwicklung trieb er aber dennoch maßgeblich voran: als Ratgeber, Fachmann und Unterstützer. Denn Zweifel an der Kompetenz des Vaters gab es im Hause Hübner nie: "Er hat ja nachweislich alles selbst erlebt, da kann man ihm das schon glauben und nicht einfach sagen: 'Du hast doch keine Ahnung, du hast doch selbst nur Kreisklasse gekickt'." So blieb Benjamin wie seine Brüder die gesamte Jugend beim Heimatverein, kickte bis zur U15 auf der Asche und in der U19 – im Gegensatz zu den meisten heutigen Gegenspielern – nicht in der höchsten Spielklasse.

Doch die A-Junioren-Oberliga Hessen erwies sich als Sprungbrett mit verlockender Aussicht: den Profikader des SV. Schon im Alter von 19 Jahren ging der Plan auf, Benjamin spielte mit dem älteren Bruder Christopher für die Regionalliga-Reserve und debütierte schon in seiner ersten Saison bei den Senioren in der Zweiten Liga – als Erster der drei Brüder. Hübner weiß, dass er einen anderen Werdegang als die meisten seiner heutigen Mitspieler hinter sich hat: "Zu meiner Zeit gab es noch kaum Nachwuchsleistungszentren. Ich war auch nie Nationalspieler und wurde nur einmal für die Hessen-Auswahl nominiert, mein Weg in den Profifußball führte über die Dörfer und ist heutzutage sicher eher ungewöhnlich."

"Endgültig angekommen"

Beim ebenso ungewöhnlich verlaufenen Start in Hoffenheim half ihm der gemeinsam gesammelte Erfahrungsreichtum seiner Familie. Als Stammspieler des FC Ingolstadt war er zur TSG gewechselt, kam dann aber zuerst nicht zum Zug. An den ersten fünf Spieltagen stand er nicht einmal im Bundesliga-Kader. Eine schwierige und vor allem neue Situation: "Natürlich war das sehr frustrierend und enttäuschend, vor allem in einem neuen Klub, wo die Leute ja nicht genau wissen, was ich kann." Hübner gab aber nicht auf, sprach viel mit seiner Familie und fand eine Lösung: "Vorher war ich verbissen, habe mich unter Druck gesetzt und wollte es allen zeigen. Dann habe ich mir gesagt: Ich blende alles aus, trainiere so gut es geht und habe Spaß dabei, denn mit zu viel Druck geht irgendwann gar nichts mehr."

Der Plan ging auf, Trainer Julian Nagelsmann stellte ihn im Spiel beim Ex-Klub Ingolstadt in die Startelf, in der er sich als linkes Glied der Abwehrkette festspielte – mit einer imposanten Quote: Er gewann seine ersten vier Bundesligaspiele mit der TSG und traf zudem per Kopf beim 1:2 im Pokal in Köln. Dass er in dieser Zeit auch endlich eine Wohnung in Heidelberg fand und nicht mehr zwischen den Betten im Hotel und im Trainingszentrum pendeln musste, half ebenfalls: "Ich bin endgültig angekommen, fühle mich wohl und bin überglücklich mit meiner Situation.“ Daran wird auch das Familienduell mit seinem Vater am 9. Dezember nichts ändern – auch wenn sich Benjamin nicht wirklich auf das Spiel bei Eintracht Frankfurt freut: "Es wird für mich nicht angenehm, da ich meinem Vater natürlich immer das Beste wünsche, wie es wohl jeder Sohn macht. Aber ich kann das ausblenden und kann ihm ja in den übrigen Spielen der Saison die Daumen drücken."

Umgekehrt gilt das natürlich auch für Bruno Hübner, der seinem Sohn zum Wechsel zur TSG geraten hatte und sich nun über den Hoffenheimer Höhenflug freut. Am Zusammenhalt der Familie hat sich seit den leidenschaftlichen Duellen im Garten nichts geändert. Daran kann auch das bis zuweilen harte Bundesliga-Geschäft nichts ändern, wie Benjamin Hübner betont: "Mein Vater ist nach wie vor die wichtigste Bezugsperson für mich: im Beruf und im Privatleben. Wir haben eine ganz enge Verbindung in der ganzen Familie."

Zum Spielerprofil von Benjamin Hübner >>

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