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U23
10.11.2021

Nick Proschwitz: Das Ende der Wanderschaft

Es ist eine bewegte Geschichte, die Nick Proschwitz mit der TSG Hoffenheim verbindet. Aktuell geht der 34-Jährige für die U23 in der Regionalliga Südwest auf Torejagd. Mit 14 Treffern in den ersten 15 Ligaspielen außerordentlich erfolgreich – wie so oft bei seinen 16 Vereinen im Profifußball. Aber der Torschütze vom Dienst hat auch eine TSG-Vergangenheit: Proschwitz spielte vor 17 Jahren in der Hoffenheimer U19 und hatte großen Anteil daran, dass die A-Junioren in die Bundesliga aufstiegen. Im SPIELFELD hat der im August in den Kraichgau zurückgekehrte Mittelstürmer über eine außergewöhnliche Karriere und seine Zukunftspläne gesprochen.

Nick Proschwitz muss nicht lange nachdenken, ihm fällt fast jedes Detail zur ersten Saison ein, die er in Hoffenheim verbrachte. „Ich war 18 Jahre alt und habe hier den Führerschein gemacht. Ich hatte ein tolles Jahr bei der TSG.“ Geboren noch zu DDR-Zeiten im November 1986 in Weißenfels, aufgewachsen in der Nähe von Bamberg, kam Proschwitz über kleine Vereine und die SpVgg Greuther Fürth im Sommer 2004 in den Kraichgau.

Stolze 20 Tore erzielte der hochgewachsene, schlanke Mittelstürmer damals. Diese Treffer waren mitentscheidend, dass für die TSG eine neue Ära anbrach, denn dank seiner Tore schafften die A-Junioren den ersten Aufstieg des Vereins in eine Bundesliga.

Für Proschwitz selbst war es der Beginn einer Laufbahn, in der er für 18 Klubs aus sechs verschiedenen Ländern spielen sollte. Und schon in der Saison 2004/05, noch als A-Juniorenspieler, feierte er zudem sein Debüt in der zweiten Mannschaft der TSG Hoffenheim – in jenem Team, in das er 17 Jahre danach, nun zurückgekehrt ist.

Zu Saisonbeginn stand er noch bei Eintracht Braunschweig unter Vertrag, bestritt beim Zweitliga-Absteiger auch noch zwei Partien in der 3. Liga. „Meine Leistung und die von uns allen war mäßig. Das hat nicht mehr richtig gepasst“, sagt Proschwitz. Deswegen trennte er sich von den Braunschweigern. „Ich habe mir tatsächlich überlegt, meine Karriere zu beenden.“

14 Tore in 15 Spielen

Doch zwei Wochen später meldete sich Jens Rasiejewski, der neue Leiter der TSG-Akademie, bei ihm und trug ihm die Idee vor. Er könne mit Kapitän Andreas Ludwig sowie Mario Erb und Robin Szarka einer der erfahrenen Spieler werden, an denen sich die Toptalente der Hoffenheimer U23 orientieren sollen. „Wir hatten super Gespräche und ich hatte sofort Bock, mitzumachen. Auch, da ich die Perspektive aufgezeigt bekam, dass ich mit Unterstützung der TSG meine Trainerscheine machen kann“, erklärt Proschwitz. Seitdem spielt er bei „Hoffe zwo“ und trifft so selbstverständlich, als wäre der Spruch von „Toren am Fließband“ für ihn erfunden worden. In bislang 15 Spielen erzielte er 14 Treffer. „Als ich hier unterschrieben habe, sagte ich mir, ich versuche, jedes zweite Spiel ein Tor zu machen. Den großartigen Start konnte ich mir nicht vorstellen“, so Proschwitz. „Aber im Endeffekt geht es nicht darum, dass ich hier möglichst viele Tore schieße, sondern dass wir die Mannschaft und die Talente nach vorn bringen.“

Eben diese Rolle eines vielversprechenden Talents besaß er selbst vor mehr als anderthalb Jahrzehnten. Da er mit seinen Spitzenleistungen bei den A-Junioren der TSG aufgefallen war, erhielt er Angebote und entschied sich nach nur einem Jahr in Hoffenheim dazu, zum Hamburger SV zu wechseln. Es war der Beginn einer großen Wanderschaft, die ihn in die englische Premier League (Hull City) führte und zudem zu weiteren Erstligastationen in den Niederlanden (Sparta Rotterdam), Belgien (VV St. Truiden) und der Schweiz (FC Thun).

"Viel von Littbarski gelernt"

Doch der Reihe nach. „Bei mir war es ja nicht so, dass ich den klassischen Weg über ein Internat und eine Ausbildung im Nachwuchs eines Profivereins hatte. Ich habe in der Jugend fast nur bei Amateurvereinen gespielt.“ Aber Proschwitz war so gut, dass er im ersten A-Jugendjahr in Fürth und im zweiten bei der TSG Stammspieler war. „Dann habe ich vier Jahre in zweiten Mannschaften verbracht mit anderthalb Jahren HSV, anderthalb Jahren beim VfL Wolfsburg und einem Jahr bei Hannover 96.“ Er war Jungprofi, trainierte oft mit Stars, in Wolfsburg etwa mit Marcelinho unter Trainer Felix Magath. Aber der große Durchbruch blieb ihm vorerst verwehrt.

Bei den weiteren Stationen – unter anderem FC Vaduz in der zweiten Schweizer Liga – lief es besser. „In Vaduz war Pierre Littbarski mein Trainer, von dem ich sehr viel gelernt habe“, sagt er. Proschwitz schoss 23 Tore in 29 Spielen und verhalf den Liechtensteinern 2011 zum Aufstieg in die erste Schweizer Liga. Er allerdings zog weiter zum FC Thun und von dort zum FC Luzern, ohne jedoch für diesen Verein ein Spiel zu absolvieren. Denn wenige Wochen später verpflichtete ihn der SC Paderborn, wo er am Ende der Saison 2011/12 beinahe den Bundesliga-Aufstieg gefeiert hätte. „Die Mannschaft mit Roger Schmidt als Trainer war rein sportlich meine schönste Station. Ich wurde mit 17 Treffern Torschützenkönig der zweiten Liga“, erinnert er sich.

Gute und schlechte Zeiten in England

Nun klopften Bundesliga-Klubs beim ihm an und Hull City aus der Championship, der zweiten englischen Liga. „Wenn man das Fünffache verdienen kann, dann muss man das annehmen. Ich habe es bis heute nicht bereut.“ Am 4. Mai 2013 gelang Hull durch ein 2:2 gegen Cardiff City am 46. und letzten Spieltag der direkte Aufstieg in die Premier League, auch dank eines Treffers des zur Halbzeit eingewechselten Proschwitz. In der Premier League bestritt er für „The Tigers“ noch zwei Partien, das Verhältnis mit Trainer Steve Bruce, in England als besonders „harter Hund“ bekannt, wurde jedoch kompliziert. „Ich bekam zum ersten Mal Gegenwind. Das war die schwierigste Phase, die ich hatte, weil ich vorher ja immer gespielt hatte.“

Es folgten wenig erbauliche Stationen auf dem Spieler-Karussell: Im Januar 2014 wurde er an den Zweitligisten FC Barnsley ausgeliehen. Von dort ging es zur Jahresmitte weiter nach London zum Zweitliga-Aufsteiger FC Brentford, der ihn im Frühjahr an Coventry City auslieh. „Da wurde ich mehr so eine Marionette in einem Zirkus. Ich liebe Fußball und ich liebe auch das Geschäft, das mir viel gegeben hat“, sagt Proschwitz. Aber die „Emergency Loans“, also „Not-Leihen“, die in England vor allem die abstiegsgefährdeten Klubs vornehmen, zählen für ihn zu den unschönen Erfahrungen. Proschwitz fühlte sich plötzlich wie eine Handelsware. „Wer den Profifußball kennt, der weiß, es gibt Spieler, die sind Halunken, weil sie es drauf anlegen, ihre Verträge zu brechen. Aber es gibt auch Vereine, die dreckig sind, wenn sie dich loswerden wollen“, erklärt Proschwitz, betont jedoch zugleich: „Hull war eine tolle Zeit. Aber es gibt Schattenseiten und auch schlimme Phasen, dennoch ist Fußball-Profi der schönste Beruf der Welt.“

Trainerlaufbahn geplant

2015 kehrte er zurück zum SC Paderborn, wo gerade Stefan Effenberg sein Trainer-Debüt gab. Anschließend stand er beim VV St. Truiden und Sparta Rotterdam unter Vertrag, ehe er ab Oktober 2018 beim SV Meppen in der 3. Liga mit 14 Saisontoren zum treffsichersten Torschützen wurde. Die beiden vergangenen Jahre verbrachte er bei Eintracht Braunschweig, mit denen er 2020 auf- und 2021 wieder aus der zweiten Liga abstieg. Auf die Frage, warum er so oft wechselte, hat er eine schlüssige Antwort. Vor allem habe es an den Angeboten gelegen, die er als treffsicherer Mittelstürmer deutlich häufiger erhielt als Spieler anderer Positionen. Außerdem empfand er es als positiv, immer neue Eindrücke sammeln zu können. „Man lernt auch viel über sich selbst, es hat mich reifen lassen. Ich bin sehr glücklich und wahnsinnig stolz auf das, was ich erreicht habe. Vor allem wenn man sieht, dass ich beim SC Weismain und dem 1. FC Lichtenfels angefangen habe. Ich hatte in meiner Jugend keine Fußballlehrer, sondern habe auf dem Bolzplatz gekickt.“

Nun soll Hoffenheim der Schlusspunkt unter seine bemerkenswerte Laufbahn werden. Er kennt die TSG aus der Saison 2004/05 und erkannte sie doch nicht wieder. „Im Endeffekt ist es natürlich der gleiche Verein, er hat das gleiche Wappen. Aber es hat sich enorm viel getan. Die TSG Hoffenheim ist noch immer ein junger Profiverein, aber was aus dem Klub geworden ist und was noch alles möglich ist – darauf können alle hier richtig stolz sein“, sagt der 34-Jährige. „Ich bin froh, nun ein Teil davon sein zu dürfen. Mit meiner Erfahrung versuche ich, den vielen richtig guten Talenten in der U23 ein bisschen zu helfen. Und für mich ist die TSG natürlich eine Chance, schon einmal ins Coaching reinzugehen“, erklärt Proschwitz, der für längere Zeit im Kraichgau sesshaft werden möchte. Gut möglich, dass der Mann mit der Nummer 33 auf dem Trikot vor dem Start der Trainerlaufbahn eine weitere Saison als Torschützenkönig abschließt.

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