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SPIELFELD
07.12.2015

Dietmar Hopp: Leberwurst, Tanztee und der Aufstieg

Das Urteil fällt rückblickend eindeutig aus: "Wenn man gewusst hätte, wie schlimm es wird, hätte man es wahrscheinlich nicht gemacht." So gelassen spricht Dietmar Hopp heute über die Entscheidung, sich 1972 mit der Gründung der SAP selbständig zu machen.

Bereut hat er den Schritt natürlich nie; aber er war ein Wagnis. Absehbar war es ganz sicher nicht für den jugendlichen Dietmar Hopp, der nach der WM 1954 begonnen hatte, bei der TSG Hoffenheim Fußball zu spielen. Die Erlebnisse dort aber haben ihn auch geprägt: "Wir hatten ja nur zwei Altersklassen", erzählt Hopp amüsiert. Da stand der 14-jährige Bursche plötzlich auch schon mal den groß gewachsenen 18-Jährigen gegenüber. "Das war auch nicht schlecht. Es hat abgehärtet", lacht Hopp.

Den Umgang mit Enttäuschungen konnte er dabei trainieren. 60 Jahre später blitzen die einzelnen Spiele immer wieder auf. "Wir haben mal mit 0:12 gegen Zuzenhausen verloren. Das war fürchterlich." Hopp, der Stürmer, preschte weiter vor, war ein guter Schüler des Wilhelmi-Gymnasiums, außerordentlich begabt in den naturwissenschaftlichen Fächern. So gut, dass er in den letzten zwei Jahren vor dem Abitur Mathe-Nachhilfe gab. "Für zwei Mark die Stunde. Gutes Geld", sagt Hopp.

Ehrgeiz & Bodenständigkeit

Die Sehnsucht nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit, nach beruflichem Erfolg – sie hat ihn getrieben. Zum Abitur gab es ein Buch als Anerkennung für "besondere Leistungen" im Fach Mathematik. "Das Buch habe ich heute noch", sagt Hopp. Ehrgeiz bei gleichzeitiger Bodenständigkeit – das hat ihn immer ausgezeichnet. Entsprechend zielgerichtet, strukturiert ging Dietmar Hopp auch die Berufswahl an. Es stand fest, dass es in Richtung Naturwissenschaft gehen sollte. Seine Mutter wünschte sich, dass der junge Dietmar Lehrer werden möge. Oder Pfarrer. Mathematik-Lehrer hätte sich angeboten, sagt der 75-Jährige heute. "Aber es war finanziell nicht aufregend genug."

Dietmar Hopp, daraus macht er kein Hehl, hatte größere Ziele. "Ich war schon getrieben davon, Geld zu verdienen. Also habe ich geschaut, wo der Bedarf und die Chancen am größten sind." Die Wahl fiel auf die Elektrotechnik, Fachrichtung Nachrichtentechnik, quasi Vorläufer der Informatik, an der Technischen Universität in Karlsruhe. Die Zeit nach dem Abitur aber wollte er auch in anderer Beziehung sinnvoll nutzen. Also machte Hopp als erstes den Führerschein Klasse 2, damit das Schubkarren schieben auf dem Bau ein Ende nahm. Fortan fuhr er Lkw für den Baustoffhändler – und machte parallel Geld. "Ich habe bei den Fahrten ja immer gesehen, wer noch kein Garagentor hatte", so Hopp. "Also habe ich denen welche verkauft." Jeden Samstagmorgen fuhr er die Baustellen ab. "Da war immer was los. In den Zeiten haben ja alle schwarz gebaut", lacht Hopp. "Ich habe da viele Klinken geputzt, aber ich war auch ziemlich erfolgreich. Ich weiß auch nicht, warum." Der Geschäftsmann steckte längst in ihm.

"Ein Jahrhundertsommer"

Doch noch musste er sich gedulden, leistete bei der Magdeburger Maschinenfabrik in Sinsheim das obligatorische Praktikum zur Zulassung an der Universität ab. Und ging auf Wunsch der Mutter zur Bundeswehr. "Mein Bruder Rüdiger war gerade ins Studium gegangen", so Hopp. "Da hat meine Mutter gesagt, dass sie zwei Studenten parallel finanziell nicht durchkriegt." Also ging der einsichtige Sohn zum Bund: "Eine Pflichtübung."
In Landsberg am Lech machte er im Herbst 1959 seine Grundausbildung, die Kompanie bestand nur aus Abiturienten, die zu Reserveoffizieren gemacht werden sollten. Auf Dietmar Hopp mussten sie verzichten. "Ich wollte den Klamauk nicht länger als notwendig machen", sagt Hopp. Er hatte, wieder einmal, Glück. "Es war ein Jahrhundertsommer. Ich wurde nicht einmal nass."

Im Radio lief Elvis Presley und Bill Haley, Dietmar Hopp war fokussiert. Und verliebt. Ein Freund hatte ihn mitgenommen. Zum Tanztee am Sonntagnachmittag, ins Haus der Jugend in Sinsheim. "Ich hab‘ noch gesagt: Ach nee. Was soll ich da?“ Er ging dann doch mit. Eine weise Entscheidung. Denn dort traf er die junge Anneliese Zeuner. Sie war knapp 16, vier Jahre jünger als Dietmar Hopp. Seither sind die beiden ein Paar, feierten 1967 ihre Hochzeit im Heidelberger Schloss.

Leberwurst für Tore

All das war nicht klar, als der junge Dietmar Hopp 1960 nach Karlsruhe ging, ein kleines Zimmer bezog. "Es war grausam", sagt Hopp. "Mir war sofort klar: Da verdiene ich noch irgendwie die 80 Mark, damit ich ins Studentenwohnheim komme." Er schaffte es. So wie er immer schon Möglichkeiten gefunden hatte, Geld zu verdienen. Auch als Lokalreporter der Rhein-Neckar-Zeitung, wo er die Familientradition fortsetzte. Sein ältester Bruder Wolfgang, der 1960 tödlich verunglückte, hatte ebenso dort gearbeitet wie Rüdiger, dessen Job er dann direkt übernahm. Zehn Pfennig pro Zeile gab es. Und Dietmar Hopp berichtete über das, was er kriegen konnte. Ratssitzung, Tischtennisverein, Turnfest. "Möglichst viel schreiben", hieß die Devise.

Und so ging es für den selbstbewussten 20-Jährigen ins Studium, ins Studentenwohnheim. Und am Wochenende heim. Zur Mutter, zur Freundin, zur TSG. Denn der Fußballer, der Mittelstürmer Hopp, wurde gebraucht in Hoffenheim. Mit 17 Jahren war er bereits in die 1. Herren-Mannschaft befördert worden, es war die Zeit, als noch in Naturalien gezahlt wurde – und Dietmar Hopp quasi seine erste Sponsoring-Absprache tätigte. Mit dem Bauern aus der Nachbarschaft, der für jedes Tor von ihm eine Dose Leberwurst auslobte. Und am Sonntagabend steckte Dietmar Hopp die Leberwurst ein – und fuhr ins Studentenwohnheim.

"Einmal habe ich drei Dosen mitgebracht. Das gab ein großes Hallo", lacht er. Teamgeist, Kameradschaft – all das hat er zu schätzen gewusst. Die Triumphe, wenn man den damals besseren FC Zuzenhausen („Das war noch echte Rivalität“) nach 0:3-Halbzeitrückstand noch mit 4:3 bezwang, und die großen Niederlagen. Es ist erstaunlich, wie prägend diese frühen Erfahrungen sind. Dietmar Hopp kann lebhaft davon erzählen, von einzelnen Spielen, sogar von einzelnen Spielszenen und Situationen. Wie jenes Derby, als es für Hoffenheim gegen den Abstieg ging. Der FC Zuzenhausen trat gar nicht erst in Bestbesetzung an: "Ich hatte fast das Gefühl, dass die uns gewinnen lassen wollten", erinnert sich Hopp. Am Ende aber verlor die TSG mit 3:5. "Und ich habe ‘nen Elfmeter verschossen." Der junge Dietmar Hopp, so könnte man es grotesk formulieren, besiegelte einen Abstieg der TSG Hoffenheim. Welch‘ eine Pointe.

Das Maß aller Computer-Dinge

Es waren die unbeschwerten Momente inmitten des Kalten Krieges, der längst auch Deutschland erreicht hatte. Mit dem Bau der Mauer, mit der Kuba-Krise, welche die Welt in Atem hielt. "Ich kann mich daran erinnern, wie wir bei meinen Eltern in der Küche standen, als im Radio die Durchsage kam, dass eine Sondermeldung folgt", sagt Dietmar Hopp. "Mein Bruder Rüdiger wurde kreidebleich, wir dachten: Jetzt ist es so weit: Atomkrieg." Aber dann kam die Meldung, dass die russischen Kriegsschiffe vor Kuba abgedreht hatten. Die Welt atmete auf. Auch in Hoffenheim. Und in Karlsruhe, wo sich um Dietmar Hopp längst eine Clique gebildet hatte.

Sieben junge Männer, die viele Dinge gemeinsam unternahmen, obgleich sie auf das Studium fokussiert waren. Die Verbindung hat übrigens gehalten. In diesem Jahr trafen sich die Freunde von einst zum 50. Mal. Jahr für Jahr, ununterbrochen. Auch das gehört zu der Disziplin, die Dietmar Hopp schon früh auszeichnete. "Ich war als Student schon darauf fokussiert, möglichst rasch fertig zu werden. Die letzten zwei, drei Jahre habe ich mich ja auch komplett selbst finanziert." Mit dem Hochschulabschluss in der Tasche ging es darum, das Wissen zu versilbern. Hopp ging strategisch vor, bewarb sich beim Software-Konzern IBM. "Ich wusste, dass die am besten bezahlen." So kam der damals 26-Jährige ins Software-Labor in Schönaich bei Böblingen. Auch fünf Jahrzehnte später schwärmt Hopp von der "tollen Arbeitsatmosphäre" bei jenem Unternehmen, das damals das Maß aller Computer-Dinge war. Hopp durchlief die 18-monatige Grundausbildung, erinnert sich mit leuchtenden Augen an die jeweils sechswöchigen Lehrgänge. "Der letzte war am Rhein, in der Nähe der Loreley. Da habe ich bestimmt vier Kilo zugenommen", lacht Hopp. Besenwirtschaften, Hausmacher-Wurst und reichlich Wein. Man ließ es sich gut gehen.

Ein vergrabener Schatz

Nach dem Ende der Ausbildung kam Hopp zur IBM-Außenstelle nach Mannheim ins Großraumbüro, inmitten von 30 Kollegen, programmierte Software für Firmenkunden und war als Berater tätig. Es war nicht die Königsdisziplin, das Kerngeschäft des Computer-Giganten IBM war die sündhaft teure Hardware. "Damit hat IBM das Geld gemacht, die Beratung wurde mehr oder minder dazu geschenkt." Doch je öfter Dietmar Hopp in die Betriebe kam, umso mehr beschlich ihn das Gefühl, dass dort ein Schatz vergraben liegen könnte.

"Es war ein Aha-Erlebnis, als ich realisierte, dass es jedes Mal die gleichen Probleme gab. Es ging immer darum, die verschiedenen Bereiche zu koordinieren, Prozesse zu verknüpfen: Auftragseingang, Auftragsbearbeitung, Einkauf, Lohnbuchhaltung." Schließlich kam Dietmar Hopp im Jahr 1971 in die Faserfabrik des US-Chemieriesen ICI in Östringen, ein Edelkunde der IBM. Der dortige Chef wollte das Order-Processing (Auftragsabwicklung) automatisieren. Der Berater Hopp kam, mit einem Assistenten im Schlepptau. Dessen Name: Hasso Plattner. Es war der Beginn eines der imposantesten Kapitel der deutschen Wirtschaftsgeschichte: die Gründung des Weltkonzerns SAP. Doch das ist eine eigene Geschichte.

Teil 1 der großen Dietmar-Hopp-Geschichte >>

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