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14.11.2014

Stephan Kisling und die Faszination eines 70m-Sprints

Sein Name klingt exakt wie der des Leverkusener Angreifers und Bundesliga-Torschützenkönigs von 2012/13, schreibt sich aber ganz anders. Stephan Kisling ist Athletiktrainer der Hoffenheimer U19 und war zu seiner aktiven Zeit ebenfalls Stürmer. Doch nachdem er sämtliche Jugendmannschaften in seinem Heimatverein TSV Wendlingen durchlaufen und ein Jahr mit den Herren in der A-Klasse gespielt hatte, konzentrierte er sich auf eine Laufbahn als Athletiktrainer.

Kisling absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre und holte nach dem Zivildienst sein Abitur nach, ehe es ihn mit dem Rucksack für neun Monate nach Asien und Ozeanien zog. Sein Zelt schlug er immer gerade dort auf, wo es ihm gefiel – Freiheit pur. Seine Tour führte ihn neun Monate lang durch Nepal, Indien, Malaysia und Thailand bis nach Australien und Neuseeland. Unvergessene Momente, wie etwa der Aufenthalt am Basislager des Mount Everest, schärften fernab von weltlichem Luxus seinen Blick fürs Wesentliche. „Es ist die Einfachheit, die mich bei solchen Reisen fasziniert“, sagt Kisling. „Nur essen, schlafen, wandern. Und wenn man wieder zu Hause ist, weiß man eine warme Dusche richtig zu schätzen.“

Wieder in Deutschland, startete der gebürtige Nürtinger ein Studium der Sportwissenschaft in Frankfurt am Main, das er sich als Personal- und Fitness Trainer finanzierte. Als im Förderzentrum der TSG 1899 Hoffenheim im Sommer 2011 die Stelle des Athletiktrainers freiwurde, bewarb sich Kisling und wurde vom damaligen Koordinator Kai Kraft (heute RB Leipzig) sowie Nicklas Dietrich (heute Athletiktrainer bei den Profis) als geeignet eingestuft. „Ich bin sehr sportbegeistert und habe neben Fußball auch Tennis gespielt und bin Skirennen gefahren. Es war daher schon immer mein Traum, hauptberuflich im Leistungssport zu arbeiten.“ Nach zwei Jahren, in denen Kisling für die U12 bis U15 verantwortlich zeichnete, rückte er im Sommer 2013 als Dietrichs Nachfolger ins Nachwuchsleistungszentrum auf und kümmerte sich um die B-Junioren, zwölf Monate später ersetzte er Kai Kraft als Athletiktrainer der U19 und Koordinator in der Akademie. „Das Schöne ist, dass ich jetzt mit den ganzen Jungs zusammenarbeite, die ich schon aus meiner Zeit im Förderzentrum kenne.“

Hohes Fitnesslevel durch präzise Trainingssteuerung

Das Aufgabengebiet Kislings ist vielfältig und geht weit über das einfache Krafttraining, für das Athletikcoaches nach landläufiger Meinung stehen, hinaus. So muss er etwa dafür Sorge tragen, dass die über Jahre entwickelte Hoffenheimer Philosophie im Athletikbereich durchgezogen und weiter verfeinert wird. Hinzu kommt die Koordination der Leistungsdiagnostik und – im Verbund mit dem Physiotherapeuten – des Reha-Trainings. „Für mich ist es hilfreich, dass ich den Job hier von Grund auf gelernt und alle Mannschaften von der U12 bis zur U19 durchgemacht habe“, sagt der heutige Nachwuchs-Athletikchef, der in regelmäßigem Austausch mit Dietrich steht, um weiter Prozesse zu verbessern und eventuelle Mängel abzustellen. „Häufen sich beispielsweise Muskelverletzungen oder Leistenprobleme, so werden das Training und die Übungsauswahl kritisch hinterfragt und altersabhängige, sensible Phasen berücksichtigt.“

Eine typische Arbeitswoche beginnt damit, mit U19-Chefcoach Julian Nagelsmann die grobe Struktur der Trainingswoche zu planen. Vormittags geht Kisling die Abstimmung mit dem Physio in Bezug auf die Verletzten an, am frühen Nachmittag warten organisatorische Dinge und das Individualtraining mit den Spielern, wo neben der Beweglichkeit und der Mobilität an der Stabilität sowie generell an Defiziten gefeilt wird. „Unser Ziel ist es, die Jungs durch eine präzise Trainingssteuerung auf ein hohes Fitnesslevel zu bringen, das sie über die gesamte Saison halten können, ohne zum Ende hin abzufallen. Und natürlich, dass sie dabei langfristig gesund und von Verletzungen verschont bleiben.“ Vor dem eigentlichen Mannschaftstraining wird vereinzelt noch an der Laufkoordination gearbeitet.

Nächstes Ziel: Lappland

An Spieltagen hat Kisling einen anderen Blick auf die Partie. „Ich sehe weniger die taktischen Feinheiten, erkenne aber früher, wann ein Spieler am Limit ist.“ Erfreuen kann er sich zwar auch an ausgeklügelten Matchplänen, Zuckerpässen und Traumtoren, mit der Zunge schnalzt er aber, wenn es zum Beispiel um Dynamik bei Kopfbällen oder um die Laufeleganz eines Franck Ribéry geht, der durch seinen ökonomischen Stil die entscheidenden Meter gewinnt. Kürzlich, beim 4:2-Sieg der U19 in Saarbrücken, klärte Mittelfeldspieler Maximilian Waack beim Stand von 1:2 auf der Linie. Für den normalen Betrachter war es „nur“ Rettung in höchster Not, Kisling aber hatte sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass Waack zuvor 70 Meter im Vollsprint zurückgelegt hatte. Diese Szene hat er sich vom Videoanalysten herausschneiden lassen, denn sie illustriert sehr eindrucksvoll, welchen Beitrag eine ausgeprägte Athletik zum Teamerfolg beitragen kann.

Mittlerweile ist der Inhaber der Fitness-A-Lizenz mit seiner Lebensgefährtin Martina in Bad Rappenau heimisch geworden. Wobei: Die Sehnsucht nach Reisen in die Abgeschiedenheit packt ihn immer noch, der nächste Trip ist schon geplant. Sobald es die Zeit erlaubt, wird Kisling einen alten Bekannten in Ivalo, Lappland, besuchen – den er auf einer Rucksack-Tour in Brasilien kennengelernt hat.

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