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U23
05.04.2012

Tabe Nyenty: Der Abräumer

Wenn es irgendwo auf dem Spielfeld richtig kracht, ist Tabe Nyenty nicht weit. „Ich mag Zweikämpfe und gehe dahin, wo es weh tut“, sagt der Verteidiger der U23, der schon als B-Jugendlicher für 1899 Hoffenheim die Knochen hinhielt. Mittlerweile hat er die Altersgrenze erreicht und wird den Verein am Saisonende verlassen. Bis dahin wird er weiterhin Vollgas geben, so wie es Mitspieler und Gegner von ihm gewohnt sind.

„Ich hatte früher nichts mit Fußball am Hut“, sagt Tabe Nyenty. Mit „früher“ meint er seine Kindheit in Tiko, Kamerun. Hier wurde er am 11. Februar 1989 geboren. „Wir haben nur auf der Straße herumgealbert und die Leute geärgert“, erinnert sich der 23-Jährige an die Zeit in seiner Geburtsstadt.

„Fußball haben wir eher selten gespielt. Und wenn, dann stand ich meistens im Tor, weil ich nicht sonderlich talentiert war.“ Das sollte sich alles ändern. Im Frühjahr 2000 verließ Nyenty seine Heimat, um seiner Mutter nach Deutschland zu folgen, wo sie bereits 1996 in Gundelsheim bei Mosbach ein neues Leben begonnen hatte. „Es hat geschneit und ich stand mit kurzen Hosen und T-Shirt am Stuttgarter Flughafen. Ich bin in Tränen ausgebrochen und wollte wieder zurück“, erinnert er sich. Nyenty blieb – und fi ng sich gleich eine ordentliche Erkältung ein, die ihn drei Wochen außer Gefecht setzte. „Ich war Lärm und Wärme gewohnt, hier war es nur kalt und still.“ Doch der elfjährige Knirps lebte sich schnell ein und lernte innerhalb von sechs Monaten deutsch. „Gekickt habe ich nur zum Spaß. Mein Stiefvater ist mit mir auf dem Fahrrad ins benachbarte Neckarmühlbach geradelt und dort haben wir mit anderen Jungs gebolzt. Ich war aber nicht besonders ehrgeizig.“ Weil der Stiefpapa nicht locker ließ, schloss sich Tabe den D-Junioren der SG Gundelsheim an, wechselte als C-Jugendlicher zum VfR (heute FC) Heilbronn – und wollte es dann schließlich doch wissen. In den Pfingstferien 2005 stellte er sich bei einem Sichtungstag des damaligen Regionalligisten 1899 Hoffenheim vor. Wenige Tage später klingelte das Telefon. „Eigentlich war ich Stürmer, aber davon gab es hier genügend, und so wanderte ich mit der Zeit nach hinten“, blickt Nyenty, der bald auf der Sechser-Position landete, zurück. „Ich bin eben eher Abräumer als Techniker.“

Mit seinem Roller düste Nyenty nahezu täglich 35 Kilometer einfach ins Training, und obwohl er einen U23-Vertrag bekam, gab es ein Problem. „Ich hatte eine Lehre zum Feinwerkmechaniker begonnen, mein Ausbilder war allerdings nicht sonderlich fußballbegeistert. Er stellte mich vor die Wahl: Ausbildung oder Fußball.“ Nyenty fand eine Zwischenlösung und heuerte für eine Saison bei der SpVgg Neckarelz an. Dort konnte er mehr oder weniger vor der Haustür trainieren und seine Lehre beenden. Mit den Mosbachern gewann er den BFV-Pokal, unvergessen der sensationelle 1:0-Erfolg im Finale im Sinsheimer Gmelin-Stadion gegen den favorisierten SV Sandhausen, als Nyenty vor 2.500 Zuschauern den Ex-Profi Roberto Pinto kaltstellte.

Die Rückkehr nach Hoffenheim war zu diesem Zeitpunkt beschlossene Sache, dennoch gab es Versuche, ihn umzustimmen. „Wir spielen jetzt im DFB-Pokal gegen die Bayern, das kannst du dir doch nicht entgehen lassen“, wurde argumentiert – bevor dann tatsächlich das große Los gezogen wurde. „Ich war bei der Auslosung im Klubhaus dabei und habe mitgejubelt. Klar hätte ich da gerne mitgespielt, aber zur U23 zu gehen, war der richtige Weg“, sagt Nyenty heute. Im ersten Jahr nach seiner Rückkehr feierte er den Regionalliga-Aufstieg und brachte es in der vierthöchsten Spielklasse auf knapp 30 Einsätze.

In Teamkreisen wird der Modellathlet dafür beneidet, zu jeder Tages- und Nachtzeit essen zu können wie ein Scheunendrescher, ohne ein Gramm zuzulegen. Auch im Trainingslager in Namibia war der Verteidiger die Nummer 1 … am Buffet. „Ich habe das erste Mal wieder afrikanischen Boden betreten, seit ich Kamerun verlassen habe“, so Nyenty, der zwar unbedingt mal wieder in die Heimat möchte, aber bislang noch nicht den Mut dazu hatte. „In Namibia kam ich mir vor wie ein Fremdkörper. Natürlich ist mein Aussehen afrikanisch, aber meine Mentalität ist längst deutsch.“ Der Besuch in der „Suppenküche“ in Windhoeks Armenviertel Katatura ging ihm besonders an die Nieren. „Das ganze Elend dort hat mir die Tränen in die Augen getrieben.“ Und wem würde er bei einem Aufeinandertreffen zwischen Deutschland gegen Kamerun, wie etwa bei der WM 2002, die Daumen drücken? „Im Herzen bin ich Kameruner“, sagt Nyenty, der als Kind wie alle Altersgenossen auf den ehemaligen Liverpool-Profi und Ex-Kölner Rigobert Song aufgeschaut hat. Die legendäre 1990er WM-Mannschaft um Roger Milla und Thomas N'Kono kennt er nur aus Erzählungen.

Ein besonderes Verhältnis pflegt er zu seinem Verteidigerkollegen Philipp Klingmann, dem er ein paar Brocken seiner Muttersprache, dem Pidgin-English, beigebracht hat. „Klinge ist außen weiß, aber innen schwarz“. Innerhalb der Mannschaft ist Nyenty, der Abräumer, aufgrund seiner offenen Art ein Sympathieträger. Bei den Gegenspielern weniger. Wohin es ihn im Sommer verschlägt, weiß er noch nicht. „Ich will jetzt das Fachabitur so gut wie möglich machen und mich dann ein bis zwei Jahre voll auf Fußball konzentrieren. Danach sehen wir weiter.“

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