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U23
15.11.2011

Kevin Conrad – der Rückkehrer

Es gibt Spieler, die tauchen in den Saisonvorschauen bei der Auflistung der Neuzugänge gar nicht auf – sind aber doch welche. Zum Beispiel Kevin Conrad. Am 30. Oktober 2009, also vor fast genau zwei Jahren, zog sich der U23-Verteidiger beim 3:0-Heimsieg gegen den FC-Astoria Walldorf nach einem Zusammenprall mit Michael Kettenmann eine schwere Verletzung zu, blieb erst zwei Minuten am Boden und wurde dann sichtlich benommen vom Platz geführt.

Der Verdacht auf Gehirnerschütterung bestätigte sich nicht nur, sondern wurde um eine weitere erschütternde Diagnose erweitert: Ein Halswirbel war verdreht und verursachte oft starke Kopfschmerzen. Für den heute 21-Jährigen begann eine lange Leidenszeit, die erst vor wenigen Wochen endete. Jetzt hat Kevin Conrad in der stärksten Defensive der Regionalliga Süd seinen festen Platz. Als wäre er nie weg gewesen. Und er hat sogar einige positive Dinge aus der fast zwei Jahre dauernden Pause mitgenommen. „Die Halswirbelverletzung musste ausheilen, das hat gedauert“, blickt Conrad zurück. Zwar hat er über Kraft, Stabilisation oder auf dem Fahrrad alles Mögliche trainieren können, Einheiten auf dem Platz waren aber nicht drin. „Ich musste im schmerzfreien Bereich bleiben“, sagt der gebürtige Künzelsauer. Er nutzte die Zeit, um nebenbei für sein Abitur zu büffeln, das er im April 2010 an der Sinsheimer Friedrich-Hecker-Schule ablegte. Und zwar nicht einfach so, sondern mit einer stattlichen 1,8. „Ich muss zugeben, dass es mir nicht sonderlich schwer gefallen ist“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. „Trotzdem war ich über die Unterstützung froh, die wir Jugendspieler hier genossen haben. Es war immer jemand da, den wir bei Problemen fragen konnten.“

2006 war der Abwehrspieler zunächst in der Badischen Auswahl und anschließend beim Probetraining positiv aufgefallen, so dass er als dritte Station nach dem TSV Hohebach und dem FV 1913 Lauda bei 1899 Hoffenheim landete. Mit gerade mal 16 Jahren verließ er das Elternhaus in Wendischenhof, einem Weiler der 2.500-Seelengemeinde Dörzbach im Hohenlohekreis, und zog bei einer Gastfamilie in Hoffenheim ein. Mit den B-Junioren schaffte er die Bundesliga-Qualifikation und half so mit, den Weg für die Deutsche U17-Meisterschaft 2008 zu ebnen. Im zweiten A-Jugendjahr klopfte er an die Tür zu den Profis an. „Ich war beim Trainingslager in La Manga dabei und habe auch unter der Woche bei den Profis mittrainiert“, so der gelernte Innenverteidiger, der aber auch schon hinten rechts oder als Sechser ran musste. „Eigentlich wäre ich ja gerne ein Zehner“, grinst er, „aber die Offensive ist nicht so mein Ding.“ Im ersten Hoffenheimer Bundesliga-Jahr schnupperte Conrad an seinem ersten Einsatz im Profibereich. Am 4. April 2009 saß er beim 0:1 im Hamburger Volkspark gegen den HSV auf der Bank und schwärmt noch heute von diesem Erlebnis. Da war er offiziell noch A-Jugendlicher. In der Folgesaison 2009/10, seiner ersten im Herrenbereich, wurde er im U23-Kader geführt, musste zunächst wegen einer leichten Bänderblessur passen und dann den Rückschlag gegen Walldorf hinnehmen. Über ein halbes Jahr war Conrad außer Gefecht und hatte sich gerade herangepirscht, da folgte der nächste Schlag. Pünktlich zum Saisonstart 2010/11 zog er sich im Training einen dreifachen Bänderriss im linken Fuß zu. Die Operation wurde noch ein paar Wochen hinausgezögert. „Anfangs hieß es, nach drei Monaten sei ich wieder fit, aber es kam anders.“ Schließlich wurde noch ein Knochenödem diagnostiziert. Kurzum: Conrad fiel die komplette Saison aus. „Seit Januar dachte ich, in zwei Wochen so weit zu sein, doch es dauerte dann doch immer länger.“ In einer Phase, in der sich vielleicht entscheidet, ob jemand den Sprung schafft, oder nicht, war das besonders bitter.

Um die Fortsetzung seiner aktiven Laufbahn musste er zwar nicht bangen, aber etwas kürzer hätte die Zwangsunterbrechung sein dürfen. „Ich hatte natürlich auch viel Zeit zum Nachdenken. Und ich bin mir heute der Bedeutung von körperlicher Gesundheit viel besser bewusst, als es vielleicht ohne die Verletzungen der Fall gewesen wäre.“ Darüber, wo er heute stehen könnte, denkt er hingegen nicht nach. „Ich bin so froh, überhaupt wieder kicken zu können, dass alles andere zweitrangig ist. Und klar können mir Niederlagen wie zum Beispiel zuletzt gegen den FC Bayern II für den Rest des Wochenendes die Laune verhageln. Aber am Ende des Tages denke ich: Hauptsache, ich bin gesund.“ Kevin Conrads Ziel bleibt, sein Glück im Fußball zu versuchen. Doch für den Fall, dass es aus welchem Grund auch immer nicht klappt, baut er sich gerade ein zweites Standbein auf. Anfang Oktober hat er mit seiner Freundin Annika in Karlsruhe eine Wohnung bezogen und studiert in der Fächerstadt Maschinenbau. Die Pflichtveranstaltungen mit dem Trainingsalltag unter einen Hut zu bringen, ist zwar nicht ganz so einfach, aber gerade Conrad weiß, wie wichtig dieses zweite Standbein ist. „Kevin ist in Sachen dualer Laufbahnplanung ein Vorbild“, sagt U23-Spielleiter Thomas Gomminginger. „Er versucht, alles umzusetzen, was wir ihm anbieten, ist intelligent und ehrgeizig ohne Ende.“

Am 3. Spieltag, bei der 1:2-Niederlage gegen die SpVgg Greuther Fürth II im Dietmar-Hopp-Stadion, wurde Conrad in der 81. Minute für Dominik Kaiser eingewechselt, nach fast zwei Jahren Punktspielpause. Seither steht der Hobby-Handwerker ununterbrochen in der Startformation. „Es geht stetig bergauf“, freut sich Conrad über das Vertrauen des neuen Trainers Frank Kramer, der seinen Schützling behutsam aufgebaut und reintegriert hat. „Ihm und Co-Trainer Otmar Rösch habe ich viel zu verdanken. Sie haben die Reha-Maßnahmen genau richtig dosiert und dabei immer darauf geachtet, dass mein Tagesablauf parallel zu dem der gesunden Jungs verläuft, so dass ich nicht den Draht zur Mannschaft verloren habe.“ Über den bisherigen Saisonverlauf ist der Innenverteidiger positiv überrascht. „Wir mussten viele Stammkräfte ersetzen und ich hätte nicht gedacht, dass das so gut funktioniert“, sagte er vor dem 2:0-Auswärtssieg beim Spitzenreiter SG Sonnenhof Großaspach. „Wir haben jetzt bald gegen alle Mannschaften gespielt und gesehen, dass wir jeden schlagen können.“ Derzeit stehen Conrad und Co. auf einem hervorragenden dritten Rang mit Tuchfühlung nach ganz oben. Doch an das, was kommen könnte, denkt der Abwehrmann noch nicht. „Ich muss erstmal schauen, meine Doppelbelastung zu organisieren.“ Und dann gibt es noch ein paar Schwächen, an denen er arbeiten möchte: „Meine Spieleröffnung und mein offensiver Kopfball könnten besser sein. Über meine Stärken sollen andere urteilen.“ Drei Ereignisse hebt Conrad beim Blick auf seine noch sehr kurze Laufbahn besonders hervor: Den „Bank-Einsatz“ bei den Profi s in Hamburg, den Regionalliga-Aufstieg 2010, auch wenn er den Großteil der Saison von der Tribüne aus verfolgen musste, und seine Einwechslung im August gegen Fürth. „Auch wenn es nur neun Minuten waren: Es war ein herrliches Gefühl.“ Im Moment läuft für den Rückkehrer also alles gut. „Mein Plan lautet jetzt, einfach nur gesund zu bleiben und mal 20 Spiele am Stück zu machen“, sagt „Connes“, wie Conrad von seinen Mitspielern genannt wird. „Alles weitere kommt dann von allein.“

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