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AKADEMIE
29.09.2021

Grischa Prömel: Bundesliga-Profi statt Surfer-Boy

Grischa Prömel kam 2013 in die TSG-Akademie - und verließ sie zwei Jahre später als Deutscher A-Jugend-Meister und U20-Nationalspieler. Heute ist der 26-Jährige Bundesliga-Profi des 1.FC Union Berlin und mit den Köpenickern in die dritte Saison in der höchsten deutschen Spielklasse gestartet. Im Interview spricht Prömel über seine Zeit in Hoffenheim und zeichnet seinen erfolgreichen Karriereweg nach.

Als Grischa Prömel am vorletzten Spieltag der Bundesliga Süd/Südwest 2012/13 mit den A-Junioren der Stuttgarter Kickers im Dietmar-Hopp-Stadion einlief, stand sein Team bereits als Absteiger fest. Der 18-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt sein Abitur schon in der Tasche. Und die feste Zusage, in den Profi-Kader der Kickers aufzurücken. Das zweite A-Jugend-Jahr hätte er also übersprungen und das Abenteuer 3. Liga gewagt. Nebenbei wollte der Sohn einer Sportlerfamilie studieren und die Ferien wie gewohnt mit seinen Eltern und den beiden Brüdern Lasse und Paul beim Surfen verbringen. Doch nach einem überraschenden 2:2 bei der TSG kam alles ganz anders. Heute ist Prömel gestandener Bundesliga-Profi und olympischer Silbermedaillengewinner.

Grischa, was hat es mit der SMS auf sich, die Du am Abend des 5. Mai 2013 bekommen hast?

"Ich hatte zunächst einen entgangenen Anruf einer mir nicht bekannten Nummer auf dem Handy. Abends kam schließlich eine SMS hinterher. Sie stammte von Julian Nagelsmann, der das Spiel gesehen hatte und in der darauffolgenden Saison die U19 der TSG übernehmen sollte. Er wollte mich kennenlernen. Ich fuhr ein paar Tage später erneut nach Hoffenheim, bekam eine Führung und einen klaren Plan aufgezeigt – und blieb mehr oder weniger gleich dort."

Also doch noch ein Jahr Jugend anstatt Drittliga-Herren-Fußball. Der Profi-Traum war aber eigentlich schon geplatzt, oder?

"Ich bin bis dahin mehr oder weniger unter dem Radar geflogen, das stimmt. Aber es hat mir immer großen Spaß gemacht, mich mit den Besten zu messen – daher habe ich diese Chance auch sofort ergriffen. Es war die beste Entscheidung und der wichtigste Schritt in meiner Karriere. Ich habe in Hoffenheim Trainingsmöglichkeiten vorgefunden, die ich nicht kannte, denn ich hatte einen Großteil meiner Jugend wie meine Brüder beim TSV RSK Esslingen verbracht. Bei der TSG kamen dann sehr starke Mitspieler und ein sehr guter Trainer hinzu, der uns allen klargemacht hat: Jeder von euch kann Profi werden! Das hat uns alle angetrieben."

Inwiefern?

"Es war vom ersten Tag an Feuer drin, wir waren eine coole, aber auch sehr spezielle Truppe. In jeder Trainingseinheit hat es richtig gekracht. Ein absoluter Siegeswille hat uns durch die Saison getragen. Ich erinnere mich sehr gut an ein 2:0 beim VfB Stuttgart, als viele meiner Kumpels zugeschaut haben, oder einen 3:2-Sieg in Karlsruhe, als wir in Unterzahl einen Rückstand gedreht haben."

Doppelte Unterzahl, weil nach Nadiem Amiri auch Du vom Platz geflogen bist. Was war da los?

"Was soll ich sagen? Ich habe zwei dumme Gelbe Karten kassiert, die zweite Mitte der zweiten Halbzeit beim Stand von 2:1 für den KSC. Nach diesem Sieg haben wir kein Spiel mehr verloren."

Und am Ende wurde aus dem eigentlichen Bundesliga-Absteiger Grischa Prömel im Juni 2014 ein Deutscher Meister!

"Es war fantastisch. Wir haben auf der Zielgeraden vor den Augen Pep Guardiolas 6:0 beim FC Bayern und im Halbfinale das vorweggenommene Endspiel gegen Schalke 04 gewonnen. Zuvor hatte ich immer nur vor einer Handvoll Menschen gespielt, in der Schalker Arena waren es über 10.000. Und dann das 5:0 im Finale in Hannover. Unvergessen."

Wie sehr hat Dich – vom sportlichen Erfolg mal abgesehen – die Zeit in der TSG-Akademie geprägt?

"Ich war es gewohnt, nach der Schule die Tasche zu packen, mit Bus und Bahn zum Training zu hetzen und dabei zu lernen und Hausaufgaben zu machen. In Hoffenheim war das eine andere Welt, ich habe erst bei einer Gastfamilie, später im Spielerwohnheim gelebt, hatte kurze Wege und eine gute Zeit, die durch den sportlichen Erfolg noch schöner wurde. Ich war bis zu meinem Wechsel eher schmächtig, aber Athletiktrainer Kai Kraft hat aus mir einen physisch starken Spieler geformt. Ich habe oft gedacht: Wie einfach wäre es gewesen, wenn ich früher unter solchen Bedingungen hätte trainieren können? Mit vielen Teamkollegen und Mitbewohnern aus meiner Akademie-Zeit – wie zum Beispiel Benni Trümner, Nicolás Sessa, Jesse Weippert oder Lior Nesher – verbindet mich noch immer eine Freundschaft."

Wann war Dir klar, dass der Profi-Traum doch noch nicht ausgeträumt ist?

"Die Deutsche Meisterschaft hat mir für viele Dinge die Augen geöffnet. Der athletische Power-Fußball, den wir gespielt haben, kam mir sehr zu Gute, und Nagelsmann hat mir viele Tipps und Ratschläge gegeben."

Zum Beispiel?

"Dass es, um Profi-Fußballer zu werden, wichtiger ist, eine gute Konstitution und einen klaren Kopf zu haben, als den Ball fünf Mal hochhalten zu können. Oder um es mit seinen Worten zu sagen: Besser eine kranke Maschine als „nur“ fußballerisch gut. Am Ende der Saison hat er uns ganz konkret auf unsere Stärken hingewiesen, wie wir sie ausbauen können und welche Schwächen wir ausmerzen müssen."

In Deinem Fall?

"Er hat meine Ausdauer, Einstellung und Führungsqualität gelobt, sah aber Nachholbedarf in der Beidfüßigkeit, in meiner Technik unter Druck oder in der fehlenden Torgefahr."

Scheinbar hast Du gut daran gearbeitet, denn die Kurve ging weiter nach oben …

"Ich durfte zunächst bei den TSG-Profis mittrainieren, da waren dann Spieler wie Roberto Firmino, Sejad Salihović oder Sebastian Rudy, das war natürlich nicht ganz so einfach. In der U23 sind mir dann in den letzten sechs Spielen vier Tore gelungen, keine schlechte Quote für einen Sechser. Bis dahin hatte ich noch nie für eine Junioren-Nationalmannschaft gespielt – doch dann kam der Anruf von U20-Trainer Frank Wormuth, der mich zu einem Lehrgang eingeladen hat."

Und Dich bei Deinem Debüt in Pisa gegen Italien gleich mal auf die Rechtsverteidigerposition gestellt hat!

"Er wollte wissen, ob ich das spielen kann. Natürlich habe ich ja gesagt. Schließlich hat er mich für die U20-WM in Neuseeland nominiert. Als einziger Spieler ohne Profivertrag stand ich mit Jungs wie Julian Weigl, Julian Brandt, Levin Öztunali, Marc Stendera und dem Hoffenheimer Kevin Akpoguma in einem Kader. Wormuth hat etwas in mir gesehen und mich immer aufgestellt. Ich wusste: Nach dem WM-Turnier muss es Interessenten geben!"

Die gab es – und Du hast Dich für den Karlsruher SC entschieden. Warum?

"Der KSC hatte gerade auf tragische Weise die Bundesliga-Relegation gegen den HSV verloren. Die Mannschaft hatte Potenzial und Trainer Markus Kauczinski hat mir klargemacht, dass ihm mein Spielstil gefällt und ich viel Einsatzzeit kriegen würde. Das war mir wichtig, genauso wie die Nähe zu meinem Elternhaus. Ich habe es damals schon als herausragend empfunden, bei Vereinen wie dem 1.FC Nürnberg oder 1860 München auflaufen zu dürfen. Die ersten Spiele habe ich übrigens erneut als Rechtsverteidiger gemacht – und bin dann wieder ins defensive Mittelfeld gerückt."

Es folgten die Olympischen Spiele 2016 in Rio …

"Das war das Größte überhaupt, ich war der einzige Zweitliga-Spieler in diesem Kader! Wir haben im Maracanã gespielt und die Silbermedaille gewonnen. Der Austausch mit anderen Sportlern im Olympischen Dorf war für mich sehr gewinnbringend. Ich habe zum Beispiel eine Ruderin kennengelernt, die mir erzählt hat, dass sie seit vier Jahren mit drei Einheiten pro Tag ohne finanzielle Unterstützung auf diese Wettbewerbe hingearbeitet hat – diese Einstellung hat mir sehr imponiert."

Erzähle uns, wie Du es dann doch in die Bundesliga geschafft hast!

"Nach meiner Rückkehr von Olympia gab es Probleme verschiedener Art: Wir sind mit dem KSC abgestiegen und viele negative Dinge sind auf mich eingeprasselt. Angebote hatte ich dennoch. Ich war vielleicht nicht der Wundertechniker, der seine Gegner schwindlig gedribbelt hat, aber ein sehr mannschaftsdienlicher Spieler, was auch Unions damaliger Coach Jens Keller an mir schätzte. Und so habe ich mich 2017 zum Wechsel in die Hauptstadt entschieden, weil der Pressing-Fußball auch zu mir gepasst hat. Der Rest ist bekannt: Wir sind 2019 über die Relegation aufgestiegen und ich bin sehr stolz, die Geschichte dieses Klubs an dieser Stelle mitgeschrieben zu haben. Ich bin immer dran geblieben, hungrig gewesen – und wollte wissen, wie weit ich kommen kann."

Wie fühlt es sich an, nicht mehr der Lehrling, sondern selbst der Erfahrene zu sein?

"Das stimmt so nicht. Man lernt nie aus und ich konnte mir zum Beispiel von einem Christian Gentner mit seinen über 400 Bundesliga-Einsätzen noch jede Menge abschauen, etwa wie man eine Mannschaft führt oder wie man seinen Körper in einer top Verfassung hält."

Dein Vertrag bei Union geht noch bis 2022. Wie gut lebt es sich in Berlin?

"Sehr gut. Ich habe bislang in Schöneweide gewohnt, zehn Minuten vom Trainingsplatz entfernt. Diese Nähe war mir wichtig. Jetzt zieht meine Freundin zu mir, die ihr Studium in Würzburg beendet hat, und wir bewegen uns etwas mehr in Richtung Stadtmitte nach Friedrichshain, wo man auch mal unerkannt am öffentlichen Leben teilnehmen und gemütlich einen Kaffee trinken kann. Berlin hat viel zu bieten, aber das muss ich niemandem erzählen. Ich habe viele nette Menschen kennengelernt."

Welche sportlichen Ziele hast Du noch?

"Ich würde sehr gerne mal in der Premier League spielen. Der englische Fußball kommt mir entgegen und ich denke es ist großartig, in diesen Stadien und vor diesem Publikum zu spielen."

Hast Du einen Tipp für unsere aktuellen Talente parat?

"Julian Nagelsmann hat mich im Sommer 2013 gefragt, ob ich Profi werden will. Ich habe halbherzig geantwortet und gesagt, dass ich auch gerne Surfer werde. Mir war bewusst, im damaligen U19-Team fußballerisch nicht zu den Besten zu gehören. Der Trainer hat mir aber einen Weg aufgezeigt – und ich bin ihn gegangen. Als wir uns kürzlich in Leipzig über den Weg gelaufen sind, fragte er mich: Und, wie fühlt es sich an, Profi zu sein? Es fühlt sich gut an. Jungen Spielern rate ich, Spaß an der Arbeit zu haben und nicht die Einheiten nur runterzuspulen, weil man es halt gerade muss. Sie sollen sich immer weiterentwickeln wollen und vor allem mutig sein! Niemand will Fehler machen, aber die gehören nunmal dazu. Wer sich nichts traut, kommt nicht weit. Und wenn es mal nicht läuft: Dran bleiben und nicht gleich den Kopf in den Sand stecken."

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