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SPIELFELD
26.01.2021

Viel mehr als nur Zahlen

Die Trikotnummern sind ein elementarer Bestandteil des Fußballs – auf den Trikots wie im Sprachgebrauch. Nur: Wer Sechser meint, meint nicht unbedingt die 6. Wer einen echten Neuner sucht, braucht längst nicht zwangsläufig die 9. Aber woher kommt der Nummernzirkus eigentlich? SPIELFELD hat in der Vergangenheit der Rückennummer geblättert und eine gegenwärtige Geschichte daraus gemacht.

Der 11. Mai 2013 war ein bedeutender Tag für Niklas Süle. Der damals 17-Jährige debütierte in der Bundesliga als bis dahin jüngster Spieler der TSG-Historie. Besser in Erinnerung geblieben als das 1:4 gegen den Hamburger SV ist die Nummer, mit welcher der heutige Nationalspieler seine Premiere feierte: Die 45 prangte unübersehbar auf dem breiten Kreuz. Siebeneinhalb Jahre später hat Süle den Rekord als jüngster Bundesliga-Profi der TSG zwar an Maximilian Beier verloren, eine Bestmarke aus dem Spiel ist ihm aber geblieben. Nie spielte ein Hoffenheimer Profi in der Bundesliga mit einer höheren Nummer als der mittlerweile 25-Jährige: Die 45 ist noch immer unerreicht. 

Nicht nur für den Klub, auch für Süle hat die Nummer eine besondere Bedeutung. Die Erinnerung an seine ersten Schritte in der Bundesliga mit der TSG Hoffenheim haben den Nationalspieler dazu verleitet, seine jüngst gemeinsam mit Bruder Fabian eröffnete Bar in Mörfelden-Walldorf nach seiner Debüt-Nummer zu benennen: „Forty Five“ steht in großen Lettern über dem Eingang der einst als „Peoples“ bekannten Bar. „Mit der Nummer ging es für mich bei der TSG richtig los. Als ich mit ihr spielte, ging Fabian nach Amerika. Vier Jahre war er dort. Meistens haben wir uns natürlich nur über Facetime unterhalten. Und immer, wenn er zur Weihnachtszeit nach Hause gekommen ist, haben wir uns im ‚Peoples‘ getroffen und stundenlang geredet und es genossen, uns endlich wieder persönlich zu sehen. Das ‚Peoples‘ wurde wichtiger und wichtiger für uns. Daher der Name.“

Auch viele andere Fußballer haben besondere Erinnerungen an ihre Nummern oder sogar emotionale Verbindungen. Andreas Görlitz, der Nummern-„Rekordhalter“ der Liga, wählte im Sommer 2007 nach seinem Wechsel aus München zum KSC die 77, da er Frontmann der Rockband „Room 77“ war. So übertrumpfte er Bixente Lizarazu, der für den FC Bayern zuvor stolz die 69 getragen hatte – aus gleich mehreren Gründen: 1969 geboren, 1,69 Meter groß, 69 Kilo schwer. Im Jahr 2011 limitierte die DFL aber die freie Nummernauswahl und verbot sämtliche Zahlen jenseits der 40, mittlerweile sind aber wieder Nummern bis 49 erlaubt. Ausnahmen waren allerdings auch zuvor möglich: Etwa, wenn eine Mannschaft mehr als 40 Spieler gemeldet hatte oder ein Spieler die hohe Nummer bereits vor der Regeländerung getragen hatte.

Auch wenn es angesichts der Zuordnung, aber auch des Marketingpotenzials der Nummern aus heutiger Sicht undenkbar erscheint – fest vergebene Nummern auf den Trikots gehören keinesfalls zum frühen Regelwerk des Fußballs. Der Trend, dass sich Profis auch mithilfe ihrer Nummern zu eigenständigen Marken entwickelten – Cristiano Ronaldo ist mit seiner CR7-Kollektion das prominenteste Beispiel – begann in der Bundesliga erst 33 Jahre nach ihrer Gründung und viel später als etwa im US-Sport, wo feste Nummern von 0 bis 99 schon längst dazugehörten. Im deutschen Profi-Fußball dauerte dies etwas länger: Am 11. August 1995 liefen in der Bundesliga erstmals Spieler mit fixen Rückennummern auf – von diesem Zeitpunkt an wurden die Spielernamen auf die Trikots gedruckt und feste Rückennummern somit unumgänglich.

Ursprung der Nummern

Wann Zahlen überhaupt erstmals auf Fußballtrikots zu sehen waren, ist nicht überliefert und sorgt noch immer für Diskussionen unter Experten. Manche Quellen nennen den 25. August 1928 mit den Partien der englischen Klubs FC Arsenal gegen Sheffield Wednesday und FC Chelsea gegen Swansea City als Premiere der Rückennummern im Fußball. Doch auch das englische Pokalfinale 1933, als sich der FC Everton und Manchester City gegenüberstanden, wird immer wieder genannt. Eine andere – in England allerdings verpönte Theorie – sieht den Ursprung der Nummernvergabe im Jahr 1911 in Australien: Vor mehr als 100 Jahren soll das Sydney-Derby zwischen Leichhardt und HMS Powerful mit den Zahlen auf der Rückseite der Leibchen ausgetragen worden sein. Immerhin herrscht Einigkeit darüber, dass Trikot-Nummern in internationalen Spielen im Jahr 1939 Pflicht wurden.

Es dauerte weitere neun Jahre, bis auch Fans in Deutschland die Spieler dank Rückennummern leichter identifizieren konnten. In der Saison 1948/49 zierten erstmals Nummern die Trikots der Erstligisten – allerdings nicht aller: Der 1. FC Nürnberg hielt nicht viel von den Zahlenspielen und freute sich insgeheim wohl darüber, dass die gegnerischen Spieler die Club-Akteure erst im Jahr 1951 deutlich leichter zuordnen konnten. Da es zu dieser Zeit noch keine Auswechselspieler und schon gar keine Selbst-Marketing-Aktivitäten in sozialen Netzwerken gab, blieb es bei den Nummern 1 bis 11. Nicht einmal aus diesen Zahlen durften die Spieler auswählen – die Nummern wurden nach Positionen verteilt.

Prägend war dafür zunächst das legendäre Spielsystem „Schottische Furche“ – eine mittlerweile seltsam anmutende und extrem offensive 2-3-5-Aufstellung des frühen Fußballs. Der Torhüter bekam die 1, dann ging es pro Linie aufsteigend von rechts nach links. Da sich die Taktiken jedoch schnell änderten und viele Länder individuelle Spielsysteme entwickelten, erlangten Nummern in verschiedenen Teilen der Welt verschiedene Bedeutungen. Weltweit geblieben ist aus dieser Zeit, dass Verteidiger eher niedrige und Angreifer eher höhere Nummern aus dem klassischen 1-bis-11-Spektrum tragen. Ein erster Einschnitt war die 1925 veränderte Abseitsregel (Abseits lag nun vor, wenn sich weniger als zwei Abwehrspieler zwischen Angreifer und Tor befanden), die den damaligen Arsenal-Coach Herbert Chapman dazu veranlasste, einen Mittelfeldspieler ins Abwehrzentrum zu schieben und die beiden Verteidiger dafür nach außen – das „WM“-System war geboren. So wurde die 5 die Nummer des Liberos, 2 und 3 gehörten fortan den Außenverteidigern, und der zentrale Mann vor der Abwehr trug fortan in Europa jahrzehntelang die 4 und galt als extrem hart. „Halb Mensch, halb Tier – die Nummer vier.“ Dieser auf den englischen Spieler Vinnie Jones, Beiname „die Axt“, bezogene Mythos hält sich noch heute.

In der Offensive waren die Auswirkungen jedoch geringer. Die 10 blieb den Spielmachern und Virtuosen vorbehalten, die 9 den zentralen Angreifern. 7 und 11 werden auch heute noch gern von Außenstürmern getragen. Abweichungen und Neuheiten gibt es aber auch im Angriff, wie der Kunstbegriff der „falschen Neun“ zeigt, die zwar in der Spitze spielt, eigentlich aber im Mittelfeld zu Hause ist. Und auf dem Trikot ist die Zahl immer die gleiche, ob der Spieler nun eine „falsche“ oder eine „echte“ Neun spielt. Wenn ein Stürmer mit einer niedrigen Nummer spielt, sorgt das zudem noch immer für Aufsehen. So auch bei Ex-TSG-Angreifer Sandro Wagner, der beim FC Bayern München mit der 2 auf Torejagd ging, weil es sein „zweiter Anlauf in München“ war.

Zahlenspiele der WM

Bei den großen internationalen Turnieren sind die einstigen Bedeutungen der Nummern für das Spiel noch immer zu beobachten und fallen vermehrt auf. Da die Verbände FIFA und UEFA bei Welt- und Europameisterschaften nur fortlaufende Nummern bis 23 erlauben, erlangen klassische Nummern bei den größten Fußball-Turnieren der Welt noch heute eine Wertsteigerung. Zum einen, da persönlich gewählte und im Klub getragene Nummern jenseits der 23 nicht zur Wahl stehen und zum anderen, weil es oftmals als besondere Ehre gesehen wird, die Nummern einstiger Helden und Legenden auf dem Nationaltrikot zu tragen. Einige von ihnen hatten mit der Wahl ihrer Nummer allerdings nichts zu tun – manche Nationaltrainer verteilten die Nummern der Feldspieler einfach alphabetisch. Das galt etwa für die Niederländer bei der WM 1974 – was dazu führte, dass Torhüter Jan Jongbloed mit der 8 auf dem Rücken auflief. Ach ja: „König Johan“ Cruyff durfte seine geliebte „14“ dennoch behalten – so wie acht Jahre später der junge Diego Maradona die Nummer 10 der Argentinier. Ansonsten aber folgten die Südamerikaner ebenfalls dem Alphabet und bescherten so dem Mittelfeldspieler Osvaldo Ardiles die Nummer 1. Egal aus welchen Motiven – viele Spieler haben in der Fußball-Historie neben Positionen auch Nummern geprägt.

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