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AKADEMIE
07.01.2021

Mein TSG-Moment (24): Marcel Rapp und der Schachmatt-Zug

Der Fußball steckt voller Emotionen, vor allem, wenn der eigene Verein beteiligt ist. In unserer Serie „Mein TSG-Moment“ blicken aktuelle und ehemalige Mitarbeiter, Trainer und Spieler der Akademie auf ihre ganz besonderen Momente mit der TSG zurück – ob als aktiv Beteiligte oder als Zuschauer. Heute: Marcel Rapp. Der U19-Trainer wurde durch die Ereignisse vor, während und nach dem Youth-League-Spiel gegen Real Madrid emotional durch den Fleischwolf gedreht.

»Es gibt Spiele, an die man sich für immer erinnert. Das kann verschiedene Gründe haben: Die Bedeutung der Partie, das Ergebnis, die intensive Vorbereitung, das verrückte Wetter oder eine denkwürdige Aktion. Bei unserem Youth-League-Spiel gegen Real Madrid im April 2019 kamen alle diese Dinge zusammen.

Zu Beginn unseres Youth-League-Abenteuers war ich skeptisch. Nicht in Bezug auf unser sportliches Abschneiden, aber ich machte mir Sorgen, wie sich die Doppelbelastung und die Reisestrapazen auf die Jungs auswirken würden. Einige Wochen später waren wir plötzlich Gruppensieger und standen in der K.o.-Runde. Die Achtelfinal-Auslosung haben wir live im Internet verfolgt, dabei standen gefühlt zehn Mann bei mir im Büro. Wir haben die Bilder aus der UEFA-Zentrale auf die Leinwand projiziert. Nachdem wir als viertletztes Team aus dem Topf gezogen worden waren, stand fest, dass wir Heimrecht haben. Und: Dass der Gegner Kiew, Atlético oder Real Madrid heißen würde. Es wurde Kiew – und einige von uns jubelten. Wir hatten ja keine Ahnung, wie stark die Ukrainer sein würden, die drei Monate später mit mehreren Spielern aus Kiew und von unserem Gruppengegner Donezk U20-Weltmeister wurden!

Im Anschluss wurde gleich das Viertelfinale ausgelost. Wieder Heimrecht – gegen den Sieger aus dem Madrider Derby. Der Jubel verstummte. Ein Sieg gegen Kiew und wir könnten im Dietmar-Hopp-Stadion auf Real Madrid treffen! Das klang unwirklich. Sechs Wochen später war es Realität. Real hatte bei Atlético gewonnen, und wir uns in einem Elfmeterkrimi gegen Dynamo durchgesetzt.

Die Vorbereitung auf die „Königlichen“ begann bereits am Folgetag. Zum ersten Mal konnte ich mich voll und ganz darauf konzentrieren, denn meine neun Monate währende Ausbildung zum Fußballlehrer endete genau eine Woche vor dem großen Spiel. Mit Co-Trainer Jens Schuster und Videoanalyst Matthias Güldner schaute ich mir alles an, was wir an Bewegtbild kriegen konnten, und wie schon in den sieben Youth-League-Spielen zuvor war das eine spannende Erfahrung. Wir wussten, dass wir Real packen und als zweites deutsches Team überhaupt ins Halbfinale einziehen konnten!

Die TSG-Fans wussten das scheinbar auch. Sie hatten auf der Hintertortribüne ein Plakat ausgerollt, auf dem stand: „Bauer schlägt König. Schachmatt!“ Das war natürlich eine Anspielung auf die ungleichen Verhältnisse beider Vereine. Real hatte seinen ehemaligen Weltklasse-Stürmer Raúl als Mitglied des Trainerstabs dabei, das sollte uns wohl zusätzlichen Respekt einflößen.

Ich war den ganzen Tag über entspannt und bin vier Stunden vor dem Anpfiff noch im Großen Wald laufen gewesen. Da hatten sich bereits dunkle Wolken über den Kraichgau zusammengebraut, aber auch diese negative Symbolkraft brachte mich nicht aus der Ruhe. Ich wusste, was unsere Jungs zu leisten im Stande waren und wie akribisch wir uns vorbereitet hatten.

Im Kabinentrakt knisterte es, die Luft war in Scheiben geschnitten. Die Jungs waren hochkonzentriert, so eine Atmosphäre hatten sie noch nie erlebt. Ich als Trainer auch nicht. Das Stadion war ausverkauft. All diese Eindrücke sind mittlerweile zu einem Moment, meinem TSG-Moment, verschmolzen: Die Einfahrt der Real-Spieler mit dem Bus, die Platzbegehung, die Zuschauer, das ausgerollte Banner, diese Mischung aus Zuversicht, Anspannung und Nervosität, der Regen. Und dann diese 90 Minuten, über die schon vieles gesagt und geschrieben worden ist.

Als Pedro Ruiz fünf Minuten vor Schluss auf 2:3 verkürzte, war mein Kopf leer. Der Rasen war eine einzige große Pfütze, wir mussten uns einfach nur noch irgendwie ins Ziel retten. Was dann nach Tim Linsbichlers 4:2 passiert ist, weiß ich nicht mehr so genau. Es war wie im Rausch: Jubel, Aufregung, nochmal Jubel und plötzlich stand ich in den Stadion-Katakomben mitten in einer Journalistentraube und mit mehreren Aufnahmegeräten im Gesicht. Ich musste Erklärungen finden für etwas, das ich in diesem Moment selbst nicht greifen konnte. So ist der Fußball.

In den Tagen danach wollte ich mir meine Euphorie nicht anmerken lassen und wiegelte ab, wenn es hieß, dass dieses Spiel jetzt schon einen historischen Charakter habe. Schließlich hatten wir noch das Halbfinale vor der Brust. Heute sehe ich es auch so: Ich habe in meinen acht Jahren bei der TSG einige schöne Momente erleben dürfen, unter anderem auch als Interimstrainer bei den Profis. Aber nichts toppt dieses Spiel, als der Bauer den König schlug.«

Ein Blick zurück: 3. April 2019 | U19 bezwingt Real Madrid in Regenschlacht 

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