Page 71 - Spielfeld_Oktober_2016
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                 GLÜCKLICHE FERNBEZIEHUNG
Florian Mereien lebt in einem kleinen Ort in der Westeifel, seine Familie hat sich dem FC Bayern München verschrieben. Er wählte einen anderen, nicht unbedingt naheliegenden Weg: Mit sechs Jahren entschied er sich für die TSG.
Die Heimspiele sind für Florian Me- reien das Größte. Dabei ist jedes einzelne für den 16-Jährigen eine
Odyssee mit Auto, Bahn und zu Fuß: fünf Stunden hin und fünf Stunden zurück. Seine Heimat ist fast 300 Kilometer von Sinsheim entfernt. Prüm liegt in der Westeifel, umgeben von Feldern und Wäldern, die Grenzen zu Luxemburg und Belgien näher als die nächste große Stadt. Familie Mereien führt im Kern des knapp 5.500 Einwohner zählenden Ortes das gutbürgerliche Restaurant „Zur alten Abtei“, über dem Florian in einem Bayern-München-Haushalt lebt. Vater, Mutter und Schwester sind nicht nur Fans des Rekordmeisters, sondern Mitglieder.
Auch Florian war einst Mitglied, sein Vater hatte ihn früh angemeldet, doch der Junge hatte schon immer seinen eigenen Kopf. Mit gerade einmal sechs Jahren forderte er von Vater Mario die Kündigung der Bayern-Mitgliedschaft. Der Grund: die TSG 1899 Hoffenheim. „Wir haben uns im August 2006 in Kassel das Regionalliga-Spiel Hessen Kassel gegen Hoffenheim angeschaut. Mein erstes Fußballspiel, das ich bewusst im Stadion erlebt habe“, erzählt Florian Mereien am Wohnzimmertisch, auf dem er TSG-Trikots und Fotos ausgebreitet hat. Auf einigen steht ein kleiner Junge mit leicht verschüchtertem Blick neben seinen TSG-Helden. „Das bin ich“, sagt
ein selbstbewusster Kerl, der heute an der Zwei-Meter-Marke kratzt und inzwischen auch TSG-Mitglied ist. Das Auswärtsspiel in Kassel hatte er sich nicht ausgesucht. Ein Freund der Familie war damals Jugendkoordinator bei Hessen Kassel und hatte sie eingeladen. „Die TSG hat sich bei diesem Spiel in mein Herz gespielt. Obwohl sie das Spiel 0:1 verloren hat“, sagt er. Aber warum ge- rade Hoffenheim? „Es hat einfach alles gepasst. Ich habe schon immer kleinere Klubs unterstützt, zum Beispiel den MSV Duisburg oder Alemannia Aachen. Und Hoffenheim war damals ja noch unbekannter als Hessen Kassel.“ Ein prägender Stadionbesuch.
Praktikum im TSG-Kinderzentrum
Von diesem Tag an ließ Florian die TSG nicht mehr los. Er verfolgte den Verein und dessen jährliche Aufstiege. „In der zweiten Bundesliga haben sie dann angefangen, richtig zu zaubern. Mit Demba Ba, Carlos Eduardo, Chinedu Obasi. Das hat mich total begeistert.“ Besonders angetan hatte es ihm aber Sejad Salihović – „seine ganze Spiel- weise, die Freistöße, seine linke Klebe, all die Tore. Er hat einfach immer alles für seinen Verein gegeben.“
Das tut auch Florian, wenn er für die B-Junioren der JSG Prümer Land auf dem Platz steht. Seit er vier Jahre alt ist, spielt
er für seinen Heimatverein. Anfangs noch als Torhüter, seit einigen Jahren als Innenverteidiger. Größere Ambitionen hat er nicht: „Ich bin wohl einer der fußballverrücktesten Menschen, aber ich bin froh, wenn ich bei uns einen Stammplatz habe“, sagt er. „Florian ist versessen auf Fußball. Er weiß alles über die Spieler und kennt sämtliche Statistiken“, ruft seine Mutter aus der offenen Küche. Fußball, Fußball, Fuß- ball. An den Wochenenden ist Florian auch noch als Schiedsrichter aktiv. Den Lehrgang machte er vor zweieinhalb Jahren an der Sportschule Oberwerth in Koblenz. „Ich möchte irgendwann noch die Leistungstests machen, damit ich später auch höherklassige Spiele pfeifen kann.“ Spielfrei hat er samstags schon lange nicht mehr. Wenn er nicht spielt oder pfeift, reist er mit seiner Schwester Antonia in Etappen und mit mehrmaligem Umsteigen zu den Heimspielen der TSG – zehn Stunden An- und Abreise für ein Fußballspiel. Seine Schwester konnte Florian übrigens nachhaltig begeistern: Sie ist inzwischen bei den Heimspielen in Sinsheim als Volunteer im Einsatz. „Florian hat uns alle ziemlich verrückt gemacht“, sagt Antonia und lacht.
Sein erstes TSG-Heimspiel erlebte Florian Mereien am 14. Mai 2011 – ein Geburtstagsgeschenk seiner Eltern.
SPIELFELD TSG 1899 HOFFENHEIM
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