Page 18 - Spielfeld 04 2020
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 Härringers Ecke
Kinder, wie die Zeit vergeht DGESPENSTISCH
 as Bild hat fast ikonischen Charakter: Schon seit mehr als 16 Jahren steht dieses Foto sinnbildlich für das, was landläufig „Geisterspiel“ genannt wird. Eine Person im Bettlaken samt weißen Handschuhen
auf der Tribüne, unschwer als „Geist“ zu erkennen, mit dem Fan-Schal von Alemannia Aachen um den Hals, im Hintergrund gähnende Leere, mit Ausnahme von einem guten Dutzend Fußballer. Diese Zweitligapartie am 26. Januar 2004 auf dem alten Tivoli zwischen der Alemannia und dem 1. FC Nürnberg ging als erstes Spiel ohne Zuschauer in die Annalen des deutschen Profi-Fußballs ein.
Grund der gespenstischen Kulisse: Nürnbergs Trainer Wolfgang Wolf war bei der ersten Austragung dieser Partie im November 2003 von einem Gegen- stand, geworfen aus dem Aachener Fanblock, am Hinterkopf getroffen worden und musste längere Zeit ärztlich behandelt werden. Die Nürnberger hatten daraufhin das Spielfeld verlassen und spielten nur unter Protest weiter. Das DFB-Sportgericht hob das Ergebnis (1:0) auf und verfügte eine Neuansetzung – ohne Fans. An die Wiederholung am 26. Januar 2004 hat der damalige Aachen-Profi Stefan Blank lebhafte Erinnerungen: „Du stehst im Spielertun- nel, hörst die Einlaufmusik – und eigentlich ist alles wie immer. Doch dann kommst du raus, und da ist niemand. Das ist verrückt.“ Und wie reagierten die Hausherren auf diese Situation? „Wir haben in jede Kurve applaudiert, obwohl da niemand war. Die Nürnberger dachten, wir seien total durchgeknallt. Aber wir waren damals eine lustige Truppe mit tollen Charakteren wie Erik Meijer oder auch Willi Landgraf.“ Spaß aber, stellt Blank klar, habe es keineswegs gemacht. „Es war schrecklich. Jedes Wort, das du sagst, hallt durchs Stadion. Trash-Talk sollte man sich verkneifen.“
Immerhin: Auch die zweite Auflage des Duells gewann die Alemannia – 3:2. Am Ende der Saison allerdings verpasste Aachen hauchdünn den Aufstieg, der Club dagegen feierte die Meisterschaft. Geblieben aber ist vor allem dieses Bild, wie auch der damalige Aachener Karlheinz Pflipsen jüngst erzählte: „Ich habe immer noch diesen Geist vor Augen, der damals auf der Tribüne hin und her rannte.“ Dessen Identität ist übrigens bis heute noch nicht vollends geklärt – aber es hält sich hartnäckig die Legende, es sei die Frau des damaligen Mar- ketings-Chefs der Alemannia gewesen. Immerhin: Es war tatsächlich ein Coup.
KAMPF GEGEN CORONA
  © 2020 Christoph Härringer, www.facebook.com/Spottschau


























































































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